KOLUMNE
Die Odyssee durch Ach und Wehs

In ihrer Kolumne Leben in Aarau nimmt uns SP-Grossrätin Lelia Hunziker mit auf eine Reise durch ihre persönliche Krankengeschichte.

Lelia Hunziker*
Lelia Hunziker*
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«Warum wurde mir der medikamentöse Weg nie aufgezeigt?», fragt Lelia Hunziker.

«Warum wurde mir der medikamentöse Weg nie aufgezeigt?», fragt Lelia Hunziker.

zVg

Ich habe Migräne. Seit 30 Jahren. Gerne staple ich tief. Es seien eher starke Kopfschmerzen, migränig halt. Drei bis sechs Mal pro Monat schleichen sich die Schmerzen an. Meisten so, dass ich zwar funktioniere, aber nichts wirklich Schlaues auf die Reihe kriege. Rund zweimal jährlich zwingen mich die Schmerzen in die Knie. Sprichwörtlich. Ich bin kurzatmig, Beine und Arme sind taub. Ich übergebe mich in der Endlosschlaufe. Schlottere, glühe, dämmere vor mich hin. Will verschwinden. Auslöser sind Föhn und Biese. Sauna und Dampfbad. Menstruation und Eisprung. Zucker. Anspannung und Entspannung. Zu viel und zu wenig Schlaf. Glück und Ärger. Wein. Sport. Alles und Nichts.

Zur Person

*Lelia Hunziker (47)

*Lelia Hunziker (47)

ist Geschäftsführerin und SP-Grossrätin. Sie wohnt in Aarau.

Ich habe vieles probiert. Immer neugierig und voller Hoffnung: Ich war zweimal in Indien für ein Panchakarma und beim Heilfasten. Ich verzichtete auf Kohlenhydrate und Zucker. Ich kaute Ingwer. Stundenlang. Strich Tigerbalsam auf die Stirn, bis die Augen tränten. Ich habe Globuli geschluckt. Viele. Ich habe Traumreisen gemacht. Ich war in der Akupunktur. Zweimal.

Der eine Therapeut erklärte mir nebenbei noch, dass meine Seele 1934 traumatisch in einem Grubenunglück in Polen starb. Ich habe Kinesiologie gemacht. Ich habe Reiki gemacht. Ich habe Cranio gemacht. Shiatsu auch. Ich war beim Ostheopathen. Ich war in der Physio. Ich habe Thai-Yoga-Massagen gemacht. Ich war in Atemtherapie. Ich habe eine Energiebahnentherapie gemacht. Ich bin täglich gerudert, um das innere Feuer zu stärken. Ich habe meditiert. Ich habe eine Phythokur gemacht. Ich habe Vitamine geschluckt. Ich habe mir vom Optiker eine Brille verschreiben lassen; sie verstaubt im Büro. Habe vom Daunen- auf das Dinkelkissen gewechselt. Habe seitenweise Schmerztagebuch geführt. Alles notiert und evaluiert. Ich habe ein CT gemacht. Ich habe literweise scheusslichen Tee, bittere Tropfen und Schachteln von Pillen gegessen.

Warum wurde mir der medikamentöse Weg nie aufgezeigt?

Ja, ich habe viel Zeit und viel Geld investiert. Einiges half gut, oder ein bisschen und für eine gewisse Zeit, anderes gar nicht. Die Schmerzen kamen immer zurück. Ich suchte. Suchte den Grund, die Ursache. Ich kann das. Ich kann Migräne. Trotzig, ehrgeizig war ich lange nicht bereit zu akzeptieren. Dann beschloss ich zu akzeptieren, und zwar demütig: Die Schmerzen sind mein Schicksal, meine Prüfung. Ich würde daran wachsen. Die Odyssee durch Therapien und Anwendungsformen hat mir vielleicht nicht gegen die Migräne geholfen, aber sie hat mich zu diesem Entschluss geführt. Und: Sie hat mich over all zu einem sehr gesunden, einigermassen achtsamen Menschen gemacht.

Während einer schlimmen Attacke riefen meine Kinder eine Freundin. Sie kam. Mit einer rezeptpflichtigen Pille in der Tasche. Die nahm ich. Nach einer Stunde waren die Schmerzen weg. Weg! Ich war euphorisch. Seither nehme ich sie. Kontrolliert und mit Bedacht. Und ich bin glücklich. Aber auch verwundert und ein bisschen konsterniert.

Ich glaube an keine höhere Macht, bin sachlich und wissenschaftsgläubig. Über Spiritualität rümpfe ich die Nase. Eigentlich. Was liess mich so lange warten? Mich auf so viel einlassen? Warum glaubte ich an Schicksal? Aber auch: Warum wurde mir der medikamentöse Weg nie aufgezeigt? War ich zu wenig fordernd, oder wurde ich nicht ernst genommen? Stand ich mir im Weg?

Im letzten Jahr sind wir als Gesellschaft zusammen durch das Labyrinth von Gesundheit und Krankheit, von Angst, Trotz, Besserwisserei und Hoffnung gegangen. Wir sind abgerutscht und zusammengestossen. Im Unterschied zu meiner privaten Odyssee schaffen wir den Ausstieg aus der Pandemie nur im Kollektiv. Solidarisch. Tee trinken, frische Luft, Vitamine sind gut. Impfen ist besser. Ich freue mich auf den Piks. Extrem!

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