Kolumne
Auf die Plätze – das Leben bietet so viele

Magen-Darm-Spezialist Florian Riniker über seine Lieblingsplätze und wieso er zukünftig vielleicht Naturforscher wird.

Florian Riniker*
Florian Riniker*
Drucken
Teilen
Der Gerichtigkeitsbrunnen in Aarau ist einer der Lieblingsplätze von Florian Riniker.

Der Gerichtigkeitsbrunnen in Aarau ist einer der Lieblingsplätze von Florian Riniker.

Sandra Ardizzone

Eingang H1, Reihe 14, Sitz Nummer 9. Hier hatte ich am letzten Samstag einen Eishockeymatch geniessen können. Mit Wurst und Bier, einfach herrlich. Einen Platz zu haben, mit Sicht auf das Geschehen, für dreimal 20 Minuten beste Unterhaltung und Spektakel. Das Leben bietet viele Plätze. Mal sucht man sie, manchmal nimmt man sie oder hat sie, erhält sie zugewiesen oder wartet vergebens auf einen.

Plätze bedeuten Heimat. Haben Sie auch einen Platz in der Region, der für Sie von besonderer Bedeutung ist? Mein Lieblingsplatz in Aarau ist zum Beispiel der Gerechtigkeitsbrunnen neben der Stadtkirche. Hier auf dem Brunnenrand aus Muschelkalk zu sitzen, gibt mir ein besonderes Gefühl, dieser Platz bedeutet für mich Heimat. Daheim im Garten, im Liegestuhl unter dem grossen Lindenbaum ist mein Platz der Entspannung. Die Küchenbank bei der Grossmutter oder eine Nische auf dem Kachelofen beim Götti waren besondere Plätze der Geborgenheit in meiner Kindheit.

Letzthin war ich auf einer Stadtführung durch die nächtlichen Gassen Aaraus. Die Ausführungen der mittelalterlich gewandeten Magd und des mit einer Hellebarde imponierenden Nachtwächters zum früheren Stadtleben waren äusserst bereichernd. Westlich des Obertorturmes wohnte im Mittelalter der Bader, das damalige Äquivalent zum heutigen Arzt.

Freudiger Blick in die Zukunft

In der früheren Gesellschaftsordnung wurde der Beruf meist innerhalb einer Familie weitergegeben, der künftige Platz in der Gesellschaft für die Nachkommen schon fast mit der Geburt bestimmt. Der Henkerssohn wurde Henker, der Schuhmachersohn blieb bei seinen Leisten. In der heutigen Gesellschaft habe ich dank meiner Arbeit einen bereichernden Platz gefunden: die täglichen Begegnungen mit den Patienten in unserer Praxis, die Gespräche, der Zusammenhalt im Team motivieren und lassen mich freudig auf die verbleibenden (mindestens) 20 Jahre bis zu meiner Pensionierung blicken. Es bleibt vertraut und doch spannend, da die Medizin, das Gesundheitswesen und unsere Gesellschaft sich stets weiter wandeln werden.

Zur Person

*Florian Riniker

*Florian Riniker

Dr. med. Florian Riniker (44) arbeitet als Magen-Darm- Spezialist in Aarau und wohnt in Suhr.

Der Beruf als Arzt ist ein Privileg, denn man bleibt meistens Arzt. Eine berufliche Midlife-Crisis bleibt mir wohl erspart. Mein Vater war übrigens auch Arzt, ich bin folglich also fast schon mittelalterlich-konservativ und etwas aus der Zeit gefallen.

Viele Menschen in meinem Umfeld sind einem deutlich grösseren Wandel ausgesetzt, haben nach der Lehre oder dem Studium den Beruf oder die Branche gewechselt, Stellen verloren, als Selbstständige neu angefangen oder sich umschulen lassen. Einige finden eine neue Herausforderung, andere suchen wohl ein Leben lang nach einem befriedigenderen Platz. Investmentbanker werden zu Yogalehrern oder Fitnesscoaches. Ob wohl noch Zeiten kommen, in denen es umgekehrt verläuft?

Über das Geheimniss des Mittelstreifens

Ich hoffe, dass Sie, liebe Leserinnen und Leser, Ihre befriedigenden, bereichernden und aussichtsreichen Plätze geniessen, diese aber auch weiterempfehlen und weitergeben können. Zum Schluss verrate ich an dieser Stelle aber auch noch, dass vielleicht dereinst ein Platz in Aarau nach mir benannt werden muss. Denn ich stehe kurz davor, ein grosser Naturforscher zu werden. Beim Rennvelofahren habe ich nämlich etwas Spannendes entdeckt: Wenn es regnet, kriechen die Schnecken auf stark befahrenen Strassen stets nur vom Strassenrand in Richtung Mittellinie, nie zurück. Folglich muss in der weissen Farbe des Mittelstreifens eine Substanz enthalten sein, welche die Kriechgeschwindigkeit dieser Lebewesen enorm beschleunigt.

Sobald ich dieses «Schneckenraketeneiweiss» entschlüsselt habe, werde ich wohl nicht mehr in der AZ schreiben, sondern in Journalen wie «Science» oder «Nature» publizieren.

Aktuelle Nachrichten