Kolumne
Aarau braucht Grossstadtfantasien

In ihrer Kolumne "Leben in Aarau" träumt Fiona Wiedemeier von der Entwicklung des Kasernenareals.

Fiona Wiedemeier*
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Es gibt zwei Typen Menschen, die in Aarau leben: Jene, die irgendwie schon immer hier gelebt haben. In Aarau oder einem Kaff in der Umgebung aufgewachsen, hier die Schulbank gedrückt, an der Aare die ersten Salitos – oder was die Jugend heute halt so trinkt – gekippt. Irgendwann dann weg aus der Kleinräumigkeit, hinein ins Big City Life; nach Zürich, Bern, Basel.

Fiona Wiedemeier.

Fiona Wiedemeier.

Zvg / Aargauer Zeitung

Nach ein paar Jahren genug von den Grossstadtpreisen und zurück in die altbekannte Kleinstadt. Für den zweiten Typ Aarauer, den Zuzüger, gibt es eigentlich nur einen guten Grund, wa­rum, er der früher das Leben eines Grossstädters führen durfte, ins verschlafene Aarau kommt: die Liebe, meist zu einem Partner, der nicht etwa aus Aarau kommt, sondern in einer der Grossstädte in der Umgebung arbeitet – aber eben nicht in der gleichen. Nachdem man Olten aus naheliegenden Gründen ausgeschlossen hat, bietet sich Aarau als Kompromiss optimal an.

Dem Kleinstadtmenschen mit Grossstadtfantasien und dem Wahlkleinstadtmenschen mit Grossstadtvergangenheit geht es gleich. Aarau mag viel zu bieten haben, aber Big City Life sucht man hier vergebens. Vor Corona war die Kulturszene zwar recht ansehnlich – aktuell befindet sie sich eher im Winterschlaf – und das Bar­angebot ist nicht zu unterschätzen – Aarau hat wohl den besten Gute-Cocktailbars-zu-Bars-Index –, aber um die Nächte durchzutanzen, ist das Angebot gelinde gesagt spärlich – Clubsterben lässt grüssen. Halbherzig trauern die Alteingesessenen deshalb den guten alten KBA-Zeiten nach.

Für eine Kantonshauptstadt fehlt Aarau eine zentrale Kultur- und Clubszene. Mit dem Kasernenareal besteht die einmalige Chance, dies zu ändern. Von der alten Kaserne bis hin zur Reithalle könnte ein neuer pulsierender Stadtteil entstehen, mit Raum für alles, was Kultur und Nachtleben zu bieten hat. Umgeben von der Kulturinstitution Reithalle auf der einen Seite – für alle, die sich gerne den klassischen Künsten widmen – und der Alten Kaserne auf der anderen Seite, welche mit ein, zwei Clubs und einer guten Bar das Nachtleben zurück nach Aarau bringen könnte – der Charme eines Clubs steigt exponentiell mit dem Widerspruch zwischen aktueller und früherer Nutzung. Dazwischen eine grosse Piazza, auf der dank einer unkomplizierten Bewilligungspraxis wechselnde Events stattfinden; von Freiluftkino und Day Dance über öffentliche Ausstellungen und Lesungen bis hin zum Weihnachtsmarkt. Daneben ein paar Pop-up-Cafés und Bars, einige Food Trucks. Zum Kasinopark hin ist die Anlage offen mit viel Grün, einem grossen Kinderspielplatz und Sitzgelegenheiten ohne Konsumationspflicht – perfekt für die Mittagspause oder eine Runde Morgenyoga im Park.

Für ein lebendiges Quartier im Kasernenareal dürfen wir die Fehler vom Aeschbachquartier nicht wiederholen: Statt abreissen und neu bauen soll das Quartier sich organisch um die bestehenden Strukturen entwickeln. Das bedeutet, nur kleine Baufelder an Private zu verkaufen, geschützte Gebäude zu erhalten – mit der Stadt oder einer Stiftung als Eigentümerin –, sie in einem öffentlichen Wettbewerb auszuschreiben. In den Bauphasen muss Zwischennutzung nicht bloss zum Standard, sondern zum Mantra werden. Unsere Kleinstadt braucht mehr Grossstadtfantasien.

Das Kasernenareal ist die Chance, ein neues Zentrum für das wachsende Aarau zu erschliessen, mit viel Freiräumen und Gestaltungsspielraum. Für Wohn- und Arbeitstürme hat es in den Entwicklungsregionen im Torfeld und in der Telli noch genügend Raum, aber im Kasernenareal soll Aarau leben dürfen!

*Fiona Wiedemeier (27) ist Aarauerin, Europäerin, Feministin, Libera, foraus-Denkerin und Geschäftsführerin der GLP Kanton Zürich.

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