Der Duft von heissem Fett ist intensiv. Für die einen ist er ein Gräuel, für die anderen Verheissung: Jeden Mittwoch bereitet die Bäckerei Wälchli in der Bahnhofpassage Aarau frische Berliner zu. Das süsse Gebäck wird vor dem Laden in einer Fritteuse ausgebacken und verkauft. Der gestrige Artikel in der az rief viele Gegner und viele Befürworter auf den Plan.

«Dieser Fettgestank in der Unterführung ist eine Zumutung», schreibt ein Passant. Weitere Stimmen doppeln nach: «Der Geschmack der Berliner um 7 Uhr ist unerträglich.» Oder: «Seit langem frage ich mich, wie es möglich ist, dass jemand mit diesem fürchterlichen Fritteusengestank den ganzen Bahnhof in Beschlag nimmt und mitten in der Unterführung seinen Stand aufbauen darf.» Und weiter: «Es wird mir immer schlecht, wenn es schon in der Früh, wenn ich vom Zug komme, nach Berlinern riecht.»

Auf diese und weitere negative Kommentare folgen ebenso vehement solche von «Berliner»-Befürwortern. «Welch herrlicher Berlinerduft», schreibt Jürg Berger aus Oberkulm, er könne nicht verstehen, dass die Bäckerei Wälchli nun für diese Köstlichkeit ein Nutzungsgesuch einreichen müsse.

Ein anderer fragt: «Sind diese empfindlichen Nasen die gleichen, die im Urlaub durch exotische Märkte schlendern und sich am Fischgestank, undefinierbaren Brühen in Kochkesseln, brutzelnden Maden und Heugümpern in abgestandenem Öl ergötzen – und die penetranten Düfte als Urlaubserlebnis hochjubeln?»

Kühl lässt das heisse Fett keinen. Selbst wenn die Frage nicht explizit gestellt wird, ist sie aus manchen Kommentaren herauszulesen: Sind wir empfindlicher geworden? Denn abgesehen von Autoabgasen bewegt sich der Mensch im 21. Jahrhundert von Gerüchen kaum behelligt.

Als es noch nach Schweinen roch

In Aarau in historischer Zeit war das noch ganz anders. Stadtbewohner und Haustiere lebten gemeinsam unter einem Dach. Hühner, Gänse und Ziegen gehörten zum alltäglichen Bild in den Gassen. Für bedeutend heftigere Geruchsimmissionen sorgten aber zahlreiche Schweine, die sich mit der Aussicht auf Wühl- und Fressgelegenheiten um die Häuser herumtrieben und dabei auch allerlei liegen liessen. Man kann und will sich heute diesen permanenten Gestank innerhalb der Mauern der alten Kyburgerstadt kaum mehr vorstellen.

Ganz zu schweigen von menschlichen Exkrementen, die man quasi vor der Haustüre oder in den engen Ehgräben, die ursprünglich dem Brandschutz dienten, entsorgte. Die «mittelalterlichen Zustände» mit Kloaken und Misthaufen vor den Häusern und in den Innenhöfen dauerten bis über die Bernerzeit hinaus und setzten die Bevölkerung nicht zuletzt auch einem erheblichen Gesundheitsrisiko aus.

Kanalisationen kamen spät

Es dauerte bis weit ins 19. Jahrhundert hinein, ehe die ersten unterirdischen Kanalisationsleitungen entstanden, die den damals noch überall offen fliessenden Stadtbach entlasteten. Kaum angenehme Düfte verbreitet haben dürfte auch der tägliche Abfall, der entweder verbrannt oder einfach zur Verrottung deponiert wurde. Erst 1859 fuhr erstmals ein Kehrichtwagen durch Aarau.

Mindestens nur temporär für Geruchsbelästigungen gesorgt hat jeweils der städtische Schlachthof, der sich bis 1932 an der Metzgergasse, im Erdgeschoss der alten Tuchlaube befand. Als wohltuende Abwechslung entpuppten sich die noch zahlreichen Bäckereien im historischen Zentrum, vor denen es direkt aus der Backstube täglich nach frischem Brot und am Freitag nach Wähen duftete.

Duftnoten hinterlassen haben anno dazumal natürlich auch die Gerbereien, Färbereien und Chemiebetriebe in der Stadt. Im Torfeld, einem Standort der Schwerindustrie, stieg dem Passanten noch bis weit ins letzte Jahrhundert eine Mischung von Metall und Brandgeruch in die Nase. Da wandten sich namentlich die Stadtkinder viel lieber dem süssen Hauch zu, die die Schokoladenfabrik Frey in der Telli verbreitete. Mindestens bis 1967, also bis zur Verlegung der Produktion nach Buchs.

Gerüche aus dem Krematorium

Apropos Telli: Vor Jahren beschwerten sich Bewohner über einen zeitweise penetranten Gestank aus der nahen Kläranlage. Das Problem konnte mit baulichen Massnahmen behoben werden. Ebenso wie die Ursache der Immissionen aus dem Krematorium im Friedhof Rosengarten, an die sich ältere Anwohner an der unteren Hohlgasse noch erinnern.

Von den vielfältigen Aromen in der Luft geblieben ist im Nahrungssektor heute höchstens die meistens unfreiwillige Teilnahme an den Grillkünsten des Nachbars – und nun eben der Berliner-Duft beziehungsweise Fritteusengestank – je nach Sichtweise. Über das Nutzungsgesuch des Verkaufstandes in der Bahnhofpassage wird der Stadtrat voraussichtlich Ende April entscheiden.