Aarau

Kino-Unternehmer: «Es ist fraglich, ob wir mit dem klassischen filmfokussierten Kino langfristig überleben können»

«Wir hatten letztes Jahr knapp 130000 Besucher»: Rolf Portmann vor dem Kino Ideal an der Kasinostrasse.

«Wir hatten letztes Jahr knapp 130000 Besucher»: Rolf Portmann vor dem Kino Ideal an der Kasinostrasse.

Der Kino-Unternehmer Rolf Portmann über das historisch schlechte Kinojahr 2018 und die Folgen für den Kino-Platz Aarau.

Was haben Sie lieber, den Regen- oder den Sonnenschirm?

Rolf Portmann: Den Regenschirm mag ich mehr. Schlechtes Wetter ist für das Kino besser. Ganz optimal wäre es, wenn es am Samstag und am Sonntag bis am späten Nachmittag durchregnet.

Solche Wochenenden gab es letztes Jahr nicht allzu viele.

Wir hatten 39 Wochenenden, die grundsätzlich schön waren. Ein Kinounternehmer spricht dann von schön, wenn es weniger als vier, fünf Stunden regnet am Tag.

Wie gross war der Umsatzrückgang?

Bei uns letztes Jahr 16 Prozent.

Ein historischer Rückschlag?

Absolut. Mit einem so grossen Rückgang waren wir bisher nicht konfrontiert.

Aber Sie sind immer noch mit Abstand der grösste Kulturbetrieb auf dem Platz.

Davon gehe ich aus. Wir hatten letztes Jahr knapp 130'000 Besucher. Unser Hauptproblem sind die extremen Schwankungen.

«Wolkenbruch», «Zwingli»: Was die Schweizer Filme anbetrifft, läuft es seit drei Monaten besser …

«Wolkenbruch» hat uns das letzte Jahr ein Stück weit gerettet. Ohne diesen Film wären auch der November und der Dezember historisch schlecht gewesen. «Zwingli» läuft in Aarau durchschnittlich bis gut, weil er halt gesamtschweizerisch auch mit sehr vielen Kopien in sehr vielen Kinos gezeigt wird.

2018 kamen aus Hollywood kaum Kassenschlager. Wird es 2019 besser?

Auf dem Papier sieht es gut aus: Aktuell haben wir hochqualitative Filme im Programm wie «Green Book», «The Mule» oder «The Wife» – alles Filme, die verdientermassen mit vielen Nominationen ins «Oscar»-Rennen gehen. Leider sind diese Filme kommerziell oft nicht so erfolgreich, weil sie nicht dem klassischen «Popcornkino» entsprechen.

Das heisst, der übernächste Sonntag, der Tag der «Oscar»-Verleihungen, ist für Sie wichtig.

Nur, wenn die Filme im aktuellen Kinoprogramm sind oder unmittelbar kommen. Wenn sie schon gespielt worden sind, helfen «Oscars» kaum. Zudem kommt es dann auch auf die Art des «Oscars» an. In der Regel haben nur «Bester Film» und eventuell «Beste Schauspielerin und Schauspieler» einen spürbaren Effekt an der Kinokasse.

«James Bond», «Star Wars» ...

Der neue «Star Wars» ist auf den Dezember angesagt, der «Bond» auf Februar 2020. Bereits im Sommer/Herbst kommen andere grosse Produktionen, zum Beispiel ein Spin-off der «Fast&Furious Franchise» oder «Frozen 2».

Was ist eigentlich aus Sicht eines Kinobetreibers ein optimaler Film?

Einerseits sollte er generationenübergreifend und anderseits unterhaltend sein. Am besten laufen Komödien. Für anspruchsvolle, hochkomplexe Filme kommen nur noch wenige Besucher.

Man hat den Eindruck, das Geschäft in den Pausen sei für einen Kinobetreiber wichtiger als der Verkauf von Billetten.

Der Verleiher partizipiert an jedem Kinoeintritt relativ stark. Wir können über die Eintrittspreise kaum unsere Kosten decken. So gesehen ist der Filmbesuch wirtschaftlich gesehen Mittel zum Zweck: Wir erwirtschaften die nötigen Mittel am Kiosk beziehungsweise in der Gastronomie. Und nicht zu vergessen mit der Werbung etwa in den Pausen. Doch auch diese ist stark rückläufig.

Also ist der optimale Kinobetrieb eine Kombination zwischen einem Filmsaal und einer Gastronomie.

Ich glaube an die Zukunft des Kinos. Aber es ist fraglich, ob wir mit dem klassischen filmfokussiertem Kino, wie wir es in Aarau haben, langfristig überleben können.

Warum?

Im schwierigen Jahr 2018 gab es neben vielen Verlierern auch einige Gewinner: Das waren die Kinos, die in Konsumtempel integriert sind. Salopp formuliert die «Betriebe auf der grünen Wiese». Der Grossteil der Kinobesucher zieht es heute vor, alle Freizeit- und Gastronomieangebote in einem Gebäude zu haben. Dass eine lebendige Innenstadt wie Aarau mit einer grossen Auswahl an Bars, Restaurants und anderen Unterhaltungsmöglichkeiten auf kleinem Raum eine grössere Angebotsvielfalt als ein Multiplex-Center bieten würde, gerät dabei gerne vergessen. Es liegt aber weder an uns, den Zeitgeist zu beurteilen, noch können wir uns diesem Trend entziehen.

Weil Sie in der Innenstadt an die räumlichen Gegebenheiten gebunden sind, haben Sie es schwer, diesem Trend zu folgen.

Wir sind in der Tat stark eingeschränkt. So steht das Kino «Ideal» neben einem denkmalgeschützten Ensemble. Selbstverständlich verstehen auch wir, dass man in der Innenstadt mit einigen zusätzlichen Herausforderungen konfrontiert ist bzw. dass dabei verschiedene zusätzliche Anspruchsgruppen zu berücksichtigen sind. Ganzheitlich betrachtet muss man sich aber auch bewusst sein, dass wir unser Nebengeschäft weiter ausbauen müssen, damit wir in Aarau längerfristig ein Kino betreiben können.

Was heisst das konkret?

Wir haben in den letzten Jahren sehr viel Geld in Architekten investiert, die nach Lösungen suchten, wie wir unsere Nutzfläche und damit unser Angebot hätten vergrössern können. Wir hatten zuletzt ein überzeugendes Projekt, welches allen gesetzlichen Anforderungen entsprochen hätte. Leider war es dann in dieser Form nicht mehr refinanzierbar.

Im «Ideal» konnten Sie aber kurzfristig etwas machen.

Wir haben das Foyer auf dieses Jahr hin so vergrössert, dass wir Apéros mit bis zu 150 Personen durchführen und parallel dazu drei der vier Säle weiterbetreiben können.

Planen Sie da ein Sonderprogramm?

Aktuell nicht. Wir sind in der Findungsphase. In einem ersten Schritt nutzen wir die Fläche für eigene Events und versuchen die Räume – auch tagsüber – zu vermieten. Etwa an Unternehmen für Schulungen und Präsentationen.

Trotz des Rückschlags im letzten Jahr hat das Kino noch einen hohen Stellenwert. Die NAB jedenfalls glaubt an Sie. Eben erst hat sie den Sponsoringvertrag mit der Kino Aarau AG um drei Jahre verlängert.

Das freut uns. Nicht nur mich, sondern auch meine Kollegen in Baden und Frick, mit welchen wir in diesem Bereich stark zusammenarbeiten. Wir profitieren dabei nicht nur von den finanziellen Leistungen und den durchgeführten Events, sondern vor allem auch davon, dass die NAB damit Werbung fürs Kino und dessen Attraktivität im Allgemeinen macht.

Kinos sind ein klassisches Samstag/Sonntag-Geschäft. Lohnt es sich überhaupt noch, die Kinos an den anderen Tagen offen zu halten?

Nein, grundsätzlich nicht. Vom Montag bis Donnerstag ist der grösste Teil der Vorführungen ein Verlustgeschäft. Da hat sich auch das Ausgehverhalten verändert. Aber nur noch an den Wochenenden zu öffnen, ist dennoch keine Option. Einerseits, weil wir ohne «7-Tage-Programm» gewisse Filme gar nicht mehr erhalten würden, und anderseits, weil wir auch unseren Beitrag zu einer attraktiven Stadt Aarau leisten möchten, auch unter der Woche.

Schwierig ist es für die Saal-Kinos auch im Sommer.

Die warme Jahreszeit macht uns je länger, je mehr Mühe. Wir haben in Aarau rund 60 Mitarbeiter. Zusammengerechnet sind es etwa 36 bis 40 Vollzeitstellen. Wir haben eine Betriebsgrösse, die gerne unterschätzt wird. Die Mitarbeiter sind auf den Lohn auch das ganze Jahr angewiesen – nicht nur im Winter.

Das heisst?

Um die Liquidität auch im Sommer sicherstellen zu können, müssen wir im Winter entsprechend haushälterisch mit unseren Mitteln umgehen. Das war in dieser Branche gewissermassen schon immer so. Mittlerweile handelt es sich beim Sommer beziehungsweise den Warmwetterperioden nicht mehr nur um drei Monate, sondern deren fünf bis sechs. Nur schon aus Liquiditätsgründen müssen wir ein zusätzliches Sommerbusiness generieren können. Die Kinoeinnahmen werden da je länger, je mehr im Sommer nicht mehr reichen – das zeigen die Erfahrungen der letzten beiden Jahre. Wir stehen zum Standort Aarau und möchten dies ungern an einem anderen Ort umsetzen. Deshalb ist es mir wichtig, dass wir bis 2020 eine Lösung finden. Ansonsten sehe ich schwarz – entweder für den Betrieb oder das Bekenntnis zum Kino-Standort.

Sie haben ja schon etwas probiert ...

... letztes Jahr veranstalteten wir – aus der Not heraus – auf unserem Areal während der Fussball-WM ein Public Viewing. Das war publikumsmässig ein Grosserfolg. Aber, und das bestätigen mir viele andere Veranstalter von grösseren Outdoor-Veranstaltungen, ist es finanziell immer auch ein grosser Kraftakt. Man muss für einen Monat eine komplette Infrastruktur aufbauen, wo dann der Erfolg von so vielen nicht beeinflussbaren Faktoren mitabhängig ist. Grundsätzlich ist es dann so, dass man zwar Umsätze erzielt, gemessen am grossen Aufwand aber nicht mehr viel übrig bleibt. In unserem Fall waren schlussendlich die Sicherheitskosten höher, als wir erwartet haben, sodass der Gewinn nur noch minim ausgefallen ist.

Wie ist die Unterstützung der Stadt bei der Suche nach einem Zusatzgeschäft?

Die Begeisterung während der WM hat gezeigt, dass es Sinn macht, in der Innenstadt öffentlichen Raum zum Beispiel für ein Public Viewing zur Verfügung zu stellen. Ich denke, das entspricht auch einem Bedürfnis. Das zeigen andere erfolgreiche Veranstaltungen im öffentlichen Raum wie zum Beispiel «Musig i de Altstadt» sehr gut. Die Kulisse der Altstadt und die Zentralität werden geschätzt. Ich denke, es ist wichtig, dass die Stadt möglichen Initianten und deren Ideen soweit wie möglich entgegenkommt – kostengünstig oder sogar, wie dies im Ausland oft der Fall ist, kostenlos. Ich nehme die Stadt Aarau diesbezüglich als konstruktiv wahr. Ich bin bei der Suche nach einer Zukunft für unseren Kinobetrieb in engem Kontakt mit dem Stadtrat und der Verwaltung und empfinde die Zusammenarbeit als enorm kooperativ und positiv. Ich schätze diese Mithilfe sehr.

Was wäre Aarau ohne Kino?

Der Stadt würde etwas fehlen. Die Attraktivität, speziell im Kulturbereich würde massiv geschmälert. Zudem würden viele Leute gar nicht mehr in Aarau in den Ausgang gehen. Einen ersten Rückgang konnten wir ja bereits bei der Schliessung des KBAs feststellen. Ich denke, dass wir für andere Betriebe nach wie vor ein wichtiger Frequenzbringer sind und ein Wegfallen deshalb auch in anderen Bereichen einen Einfluss auf die Wertschöpfung hätte. In Bern gibt es seit dem 1. Januar kein kommerzielles Innenstadtkino mehr. Diese sind nun alle in die Konsumtempel der Peripherie gezogen.

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Autor

Urs Helbling

Urs Helbling

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