Suhr
Kinderbetreuung: Gemeinden gucken bei Suhr ab

Das Pilotprojekt «familienergänzende Kinderbetreuung» lief so gut, dass andere Gemeinden nach dem Erfolgsrezept fragten. Jetzt liegen die Erklärungen dafür vor.

Katja Schlegel
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Die Gemeinde Suhr setzt auf externe Betreuungsmöglichkeiten, wie hier in der «Villa Kunterbunt».

Die Gemeinde Suhr setzt auf externe Betreuungsmöglichkeiten, wie hier in der «Villa Kunterbunt».

az-Archiv/Annika Buetschi

Zum Fass ohne Boden würde die finanzielle Unterstützung der Familien und zum Magnet für Sozialfälle, die bei der Gemeinde die hohle Hand machen und auf Kosten der Steuerzahler die Füsse hochlegen – die Suhrer Gemeinderätin Carmen Suter-Frey hatte sich während der Pilotphase zur familienergänzenden Kinderbetreuung einiges aus der Bevölkerung anhören müssen. Jetzt liegt der Schlussbericht zur zweieinhalb Jahre dauernden Pilotphase vor. Und der zeigt: Die familienergänzende Kinderbetreuung hat sich vom Stiefkind zum Erfolgsmodell gemausert.

So funktioniert das Suhrer Modell

Wer mit einem steuerbaren Jahreseinkommen zuzüglich 20 Prozent des steuerbaren Vermögens die Grenze von 110 000 Franken nicht überschreitet, kann bei der Gemeinde einen Antrag auf Unterstützung stellen. Stand heute werden 96 Familien von der Gemeinde unterstützt. Der grösste Anteil der unterstützten Eltern liegt mit 55 Prozent in der Einkommensklasse zwischen 0 bis 30 000 Franken. Laut Gemeinderätin Carmen Suter-Frey handelt es sich dabei sowohl um Sozialhilfebezüger als auch um Kurzzeitarbeitslose oder um Familien in Situationen, in denen nur vorübergehend ein sehr tiefes Einkommensjahr entsteht. Auch in solchen Fällen kommt die Gemeinde aber höchstens für 80 Prozent der Betreuungskosten auf. Der Beitrag reduziert sich mit höherem Einkommen. (ksc)

In den zweieinhalb Jahren wurde die Anzahl der Betreuungsinstitutionen laut Bericht von 7 auf 15 verdoppelt. Gleichzeitig wurden Leistungsverträge mit vier Institutionen in umliegenden Gemeinden abgeschlossen. Somit stehen heute 50 Kita-Plätze, 60 Plätze in Tagesstrukturen, 20 Plätze bei Tagesfamilien und 20 Plätze für den Oberstufenmittagstisch zur Verfügung. Das ergibt total 150 Plätze, die im Schnitt von je zwei Kindern oder Jugendlichen belegt werden. «Im Moment reichen diese Plätze knapp aus, um die Nachfrage zu decken», sagt Suter. Gerade im Bereich Tagesstrukturen müsse man aber im Hinblick auf Neuzuzüger weiter ausbauen.

Ausreichend ist inzwischen das Spielgruppenangebot: Sieben Spielgruppen mit 160 Plätzen stehen zur Verfügung, die von gut 100 Kindern ein- bis zweimal pro Woche besucht werden. Insgesamt werden nach Abschluss des Pilotprojekts 400 Suhrer Kinder und Jugendliche bis 16 Jahren familien- und schulergänzend betreut, das sind drei Mal mehr als vor dem Projekt.

Kredit massiv unterschritten

Ein wichtiger Punkt für die finanziell nicht allzu rosig gebettete Gemeinde: Das Pilotprojekt war günstiger als gedacht – und zwar massiv günstiger: Der bewilligte Gesamtkredit von 1,2 Millionen wurde um 430 000 Franken unterschritten. Während die effektiven Kosten für Administration und Projektsteuerung in etwa dem Budget entsprachen, wurde die für die zweieinhalb Jahre budgetierte Million für Elternbeiträge nur gerade zur Hälfte aufgebraucht (siehe Kontext).

Gemeinderätin Carmen Suter-Frey: «Wir haben viele Eltern aus der mittleren und oberen Einkommensschicht, die einfach froh sind, dass das Angebot vorhanden ist.»

Gemeinderätin Carmen Suter-Frey: «Wir haben viele Eltern aus der mittleren und oberen Einkommensschicht, die einfach froh sind, dass das Angebot vorhanden ist.»

zvg

«Wir haben viele Eltern aus der mittleren und oberen Einkommensschicht, die einfach froh sind, dass das Angebot der familienergänzenden Kinderbetreuung vorhanden ist», so Suter. Mit dem Ergebnis der Pilotphase ist Suter mehr als zufrieden: «Wir haben alle Ziele erreicht: Eine gute Durchmischung von Kindern aus allen Schichten, eine grosse Nachfrage und viele Betreuungsangebote, verteilt auf fast alle Quartiere.»

Auf lange Sicht schlage man mit diesem Betreuungsangebot mehrere Fliegen auf einen Schlag, sagt Suter: «Gerechtere Betreuungschancen für die Kinder, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für die Eltern und Steuermehreinnahmen für die Gemeinde.» Der Erfolg des Suhrer Modells hat sich laut Suter sogar schon so weit herumgesprochen, dass sich verschiedene Gemeinden nach weiteren Informationen erkundigt haben, um das Modell zu übernehmen.

Langzeitwirkung noch offen

In Suhr wird das Modell weitergeführt, das haben die Stimmbürger bereits letzten Sommer an der Gemeindeversammlung mit dem Ja zur familienergänzenden Kinderbetreuung und einem jährlichen Kredit von einer halben Million beschlossen. Der Gemeinderat rechnet damit, dass sich diese Investition langfristig mit dem Faktor 1,5 auszahlt. Das heisst: Für die halbe Million sollen zusätzliche Steuereinnahmen von 750 000 Franken herausspringen. Ob diese Rechnung aufgeht, ist aber noch nicht absehbar. Suter: «Dafür müssen wir noch ein, zwei Steuerperioden abwarten.»