Anaelle hat kleine, russige Fingerabdrücke im Gesicht, die Augen sind vom Rauch etwas wässrig. Bröcklein für Bröcklein klaubt sie das angeschwärzte Schlangenbrot vom Stecken, kaut sorgfältig. Der Cervelat ist schon weg.

Mag sie die Schweizer Nationalwurst? Die junge Pariserin nickt. Und gebrätelt hat sie auch schon? Anaelle lächelt – und schüttelt den Kopf, bis die Zöpfe fliegen.

Anaelle ist eines von 28 Kindern, die gerade zwei Wochen Ferien im Ferienhaus Beguttenalp hoch über Erlinsbach verbringen.

So ein Sommerlager wäre an und für sich nichts Spezielles – dieses hier ist es aber: Die Kinder kommen aus Südkorea, China, Brasilien, USA, Frankreich, Deutschland, Italien Portugal, Australien und Spanien.

Einzige Gemeinsamkeit: Sie alle haben ein oder zwei Elternteile, die aus der Schweiz stammen. Organisiert wird das zweiwöchige Sommerlager von der Stiftung für junge Auslandschweizer.

Mit Händen, Füssen und Englisch

Es herrscht ein wildes Sprachdurcheinander, mal Französisch, mal Englisch, mal Deutsch, mal Italienisch, da wird man ganz sturm im Kopf. Nicht ganz einfach für das zehnköpfige Leiterteam: «Man muss den Kopf ganz schön bei der Sache haben», sagt Leiter Marco Stucki.

«Aber die Kinder sind nachsichtig. Und wenn es an den richtigen Worten mangelt, behelfen wir uns mit Händen und Füssen.»

Das gilt auch für die Kinder: Französisch könne sie nicht, sagt beispielsweise die neunjährige Sojeong aus Deutschland, und beisst in ihren Cervelat. «Nur Deutsch, Englisch, Koreanisch und Chinesisch.»

Dann zeigt sie, wie das mit der Verständigung trotzdem klappt, tippt der Französin Anaelle auf die Brust und lässt zwei Finger wie marschierende Beine wackeln. Anaelle grinst, und die beiden spazieren kichernd davon. Ganz einfach.

Die Lagerwochen sind ganz auf «Swissness» getrimmt: Schifffahren auf dem Vierwaldstättersee, ein Besuch im Basler Zolli, ein Spielnachmittag mit Ringen und Hornussen, Cervelat-Bräteln, eine vorgezogene 1.-August-Feier mit Lampions und grossem Feuer, und das Lagermaskottchen ist kein geringerer als Wilhelm Tell.

Den Kindern gefalle die Heimat ihrer Eltern, mit all ihren Spezialitäten und Schönheiten. «Sie staunen, dass man hier das Wasser direkt vom Hahnen trinken kann, und dass die Wälder so grün sind», sagt Stucki.

Auch die Kühe und Schafe auf den Weiden hätten es den Kindern angetan. «Und sie sind alle schon ganz wild darauf, ihr eigenes Schweizer Sackmesser kaufen zu dürfen.»

Rüebli am Grillspiess

Die amerikanischen Buben hat der grosse Hunger gepackt. Aus Protest – «weil die Mädchen uns alle Würste weggegessen haben» – spiessen sie Rüebli auf ihre Stecken und halten sie über die Glut.

Der zehnjährige Adrian aus Deutschland walzt seine Teigschlange auf dem Oberschenkel aus und sinniert darüber, warum das deutsche «Stockbrot» in der Schweiz bloss «Schlangenbrot» heisst. Und apropos Reptilien; im Zoo habe es ihm besonders gut gefallen.

«Ich habe nur das Krokodil fotografiert, weil das die ganze Zeit mit offenem Maul dagelegen hat.» Inzwischen sind die Rüebli schön kross. «Roasted carrots», rufen die Buben durcheinander. Und wie schmeckt es? «Besser als zu Hause.»