Gregor tut es, weil es für ihn das Grösste ist, mit blossen Händen in einem Haufen Hackfleisch zu wühlen. Helena tut es, weil sie gerne Menschen glücklich macht und für ihre Meersäuli auch noch etwas abfällt. Und Daniela tut es, weil sie sich so das Fitness-Abo spart: Kochen im KiFF.

Ein Blick in die KiFF-Küche in der Aarauer Telli.

Ein Blick in die KiFF-Küche in der Aarauer Telli.

Das KiFF. Das sind nicht nur Techniker, Barkeeper, Türsteher, Fotografen, Promoter, Mischer und Kreativköpfe, die für grandiose Konzerte, süffige Partys, Märkte, Theater, Lesungen und sonstiges Allerlei garantieren, allesamt freiwillig. Das sind eben auch rund 20 Hobbyköche, die sich um das Wohl der Bands und der Aktivisten, der freiwilligen Mitarbeiter kümmern. Es wird der Sache nicht gerecht, tönt aber schön: In der Futterfabrik gibt es gutes Futter. Ausgesprochen gutes Futter. Veritable Dreigänger, alles frisch, alles biologisch und aus der Region. Und so gut, dass sich die Musiker weit weg von daheim an Muttis Küche erinnert fühlen.

Scharf muss es sein

Es ist späterer Nachmittag. Helena Mydrovcic klemmt sich den Rotwein unter den Arm. Drei Liter, die Grosspackung. Das Rind wird abgelöscht, es zischt und gurgelt. Helena diktiert das Menü durch den Rotweindunst: Kürbiscreme-Suppe mit Ingwer und Kokosmilch, Salat, Rinds-Jägertopf, veganes Pilzragout, Bohnen und Rüebli, dazu Trockenreis, das alles für 33 Personen. «Immer gesund, immer anders und immer mit viel Gemüse», sagt Helena. «Auch ein Fleischtiger muss bei mir Gemüse essen.» Und pikant wird es, das ist ihr Markenzeichen. Sie deutet mit dem Kochlöffel auf ihre Schürze: Hell’s Kitchen steht drauf. «Das ist Programm.»

Geplaudert wird hier nicht viel. Um 18 Uhr will die Band essen; Sólstafir aus Island, Post Black Metal, steht im Programm. Die Zeit läuft, jeder ist auf seine Arbeit konzentriert. Aus den Boxen dröhnt Metal in das Rauschen und Klappern hinein; Rise of the Northstar, sie haben vor einer Woche hier gespielt. Nichts für sanfte Gemüter. Das fährt einem in die Glieder, elektrisiert. Hätte man ein Messer in der Hand, der Lauch wäre im Handumdrehen zerlegt. Doch Thanh Cong Huynh, der Mann am Lauch, hat die Ruhe weg. Er wiegelt das Messer mit einer Gelassenheit, als würden die räfen Riffs im Dunst steckenbleiben und nicht bis zu ihm vordringen.

Schichten wie ein Dachdecker

Einen ganzen Tisch voller Brothälften hat Gregor Lüscher vor sich liegen. Sandwich streichen, eine Fleissarbeit, die keiner wirklich gerne tut. Aber Gregor bringt es nicht aus der Ruhe. Seit 15 Jahren ist er im KiFF mit dabei, seit 2007 im Vorstand, seit ein paar Jahren in der Küchen-Crew. «Weil es etwas vom Schönsten ist, wenn die Band nach der Show nochmals kommt und sich fürs Essen bedankt – und dabei eine CD springen lässt», sagt er und legt die Salamischeiben mit der Gewissenhaftigkeit eines Dachdeckers auf die Brote.

«Das KiFF ist bekannt für sein Catering», sagt Gregor und schiebt die Brille auf die Nasenwurzel. Er liebt es, in der Küche zu arbeiten. Wegen des Fleisches und den blossen Händen. Und dem ganzen Drumherum. «Jeder Abend ist ein Projekt, erst sitzt man bei einem Bier zusammen und stellt das Menü zusammen, dann kocht man einen halben Tag lang und am Schluss sind alle glücklich.» Kuno Lauener habe sich schon auf der Bühne bei ihm persönlich fürs Essen bedankt, das macht ihn stolz wie Oskar.

«Im Ausland wäre es undenkbar, dass Bands solche Abendessen serviert bekommen wie bei uns», sagt Daniela Wüst, Leiterin Küche. Das komme extrem gut an bei den Bands und stachle die Küchenteams weiter an. «Hier gibt sich keiner mit etwas Simplem zufrieden. Die Küchenteams überbieten sich regelmässig selbst», sagt Daniela. Was sie kochen, entscheiden die Teams selbst, sie schicken die Einkaufsliste an Daniela und sie besorgt die Ware. Einzige Vorgabe: Pro Person darf es nicht mehr als 7 Franken kosten. Dazu kommen die Sonderwünsche der Bands. «Die meisten Ami-Bands wollen kein Schwein», sagt Helena und schiebt einen Berg geschnetzeltes Gemüse vom Brett in die Pfanne, «weil es günstiges Fleisch ist.» Und in vielen Metal-Bands seien Veganer. «Das ist eine ganze Szene, die sich nicht nur vegan ernährt, sondern auch keinen Alkohol trinkt.»

Mit Katzenstreu gerettet

Dass bei einem solch aufwendigen Geköch auch mal etwas in die Hosen geht, gehört dazu. Einmal lief die Fritteuse aus, mit Katzenstreu wurde die Sauerei aufgesaugt. Ein andermal klumpte der Teig für die Fladenbrote so zusammen, dass an Fladenbrote nicht zu denken war. Und regelmässig geht das Warmwasser aus, weil sich Musiker ohne Dusche im Tourbus erst einmal im KiFF unter die Dusche stellen. «Dann kommt der Durchlauferhitzer nicht mehr nach», sagt Helena.

Und dann? «Dann improvisiert man halt.» Nur in einem Fall geht das mit dem Improvisieren nicht: wenn das Essen ausgeht. Ihr sei das schon passiert, wegen eines Berechnungsfehlers, sagt Daniela. «Das ist schlecht. Dann hast du keine Ausrede.» Aber eines ist sicher: «So etwas passiert einem kein zweites Mal.» Was übrigens am Abend nicht gegessen wird, wird am Folgeabend wiederverwertet oder eingefroren. Und die Grünabfälle bekommen Helenas Meerschweinchen.

«This soup was amazing»

Es ist kurz vor 18.30 Uhr. Von der Band fehlt noch jede Spur, beim Soundcheck hat irgendwas gehapert. Helena holt sich ein Bier aus der Kühlschublade, Gregor kaut an einer sauren Gummizunge. Ein Energieschub, das Kochen geht ganz schön in die Knochen. Und noch steht das Aufräumen der Küche an. Minuten später kommt die erste Hungrige ins Foyer, die Tourmanagerin von Sólstafir. Etwas gehetzt blickt sie sich um, schöpft sich Suppe in den Teller, lässt sich auf die Bank am Tisch sinken, löffelt – und lächelt selig. «This soup was amazing», seufzt sie, zurück am Tresen. Recht hat sie, die Tourmanagerin. Wäre man unbeobachtet, man würde glatt den Teller auslecken. Helena lächelt und nickt dankend. Ein glückliches Gesicht, Ziel erreicht.

Büne Huber von Patent Ochsner über seine Erinnerungen an 25 Jahre KiFF, Viergang-Menüs aus der Küche und das Schoggimousse namens «Füdlifinger Fritz».

Büne Huber von Patent Ochsner über seine Erinnerungen an 25 Jahre KiFF, Viergang-Menüs aus der Küche und das Schoggimousse namens «Füdlifinger Fritz».