Aarau

Kein H&M in der Altstadt: «Strebel» wird Co-Working-Space

Das bekannte Möbelgeschäft ist ausgezogen. Nun ist klar, wer im Untergeschoss einziehen wird: Kein Modegeschäft und auch kein Detailhändler, sondern die Bürogemeinschaft «Aarauer Coworking Genossenschaft» mit einer öffentlichen Kaffee-Bar.

Das Möbel- und Einrichtungshaus Strebel ist definitiv aus der Aarauer Rathausgasse verschwunden und hat eine Menge Gewerberaum freigegeben. Dass in den oberen Stockwerken der beiden verbundenen Altstadthäuser «Zum Schüssel» und «Zum Schwert» (Nummer 6 und 8) Wohnungen entstehen, war bekannt.

Laut Alexandra Grundmann von der Liegenschaftsbesitzerin Grundmann Immobilien AG werden es zehn Wohnungen sein: «Geplant sind aktuell 1,5- bis 4,5-Zimmer-Wohnungen sowie einzelne Lofts mit Wohnflächen zwischen 44 m² und 114 m²», sagt sie.

Ausserdem ist nun auch klar, was im Erdgeschoss sowie im ersten Obergeschoss einzieht: ein Co-Working-Space (40 bis 50 Arbeitsplätze) mit öffentlicher Kaffee-Bar.

Neue Genossenschaft gegründet

Bereits im Juni hat die AZ über das Projekt «Popupwork» berichtet, das erst im Restaurant Sportplatz im Brügglifeld, dann im Sauerländerhaus an der Laurenzenvorstadt ansässig war.

Einer der Initianten, Hans-Ulrich Siegenthaler, sagte damals: «Working alone sucks – alleine arbeiten ist blöd.» Die Idee von Co-Working-Spaces ist, dass Büroinfrastruktur gegen eine Gebühr genutzt werden kann – oft von Startups, die sich noch keine eigenen Büros leisten können, oder von Freelancern und Home-Office-Arbeitern, denen der heimische Schreibtisch zu einsam ist und denen dort der Austausch mit anderen fehlt.

Schon im Juni waren die Initianten von «Popupwork» auf der Suche nach einer definitiven Location, nun hat man sie in der Altstadt gefunden.

Die «Aarauer Coworking Genossenschaft» wurde diese Woche im Handelsregister eingetragen. Co-Präsidenten sind Thomas Aerni und Hans-Ulrich Siegenthaler. Gründungsmitglied ist ausserdem Daniel Hediger, Geschäftsführer der Firma immodea. Diese hat erst kürzlich eine Schweizer Marktstudie zum Thema Shared Workspace publiziert. Insgesamt stehen sieben Unternehmen aus der Region Aarau hinter dem Projekt.

Im neuen Standort an der Rathausgasse kann ab Januar 2018 fünf Tage pro Woche gearbeitet werden. Da noch ein Umbau geplant ist, müssen die Coworker später vorübergehend wieder ausziehen – wann, ist noch nicht klar, das Baubewilligungsverfahren steht noch am Anfang. «Diese Lösung ist für uns ideal», lässt sich Alexandra Grundmann zitieren. So sei eine Zwischennutzung bis zum Umbau möglich.

«Hundertprozentig im Trend»

Enttäuscht sein dürften nun diejenigen, die sich als Nachfolge für das Möbelgeschäft einen grossen Kleiderladen erhofft hatten, der die dringend nötige Kundenfrequenz in die Altstadt bringen könnte.

Die Wirtschaftsfachstelle ging denn auch aktiv auf Migros und Coop zu, deren Detailhandelsformate – etwa Depot, Alnatura, Christ – man als Strebel-Nachfolge gesehen hätte.

Mit der nun angekündigten Lösung dürfte man im Rathaus aber auch zufrieden sein. Der Stadtrat hatte in der Beantwortung einer Einwohnerrats-Anfrage schon festgehalten, dass ein Co-Working Space aus seiner Sicht die Kundenfrequenz in der Rathausgasse steigern könne.

Auch Daniel Lüscher, Präsident von Aarau Standortmarketing, ist vom «absolut tragfähigen» Projekt angetan: «Ein Co-Working-Space ist eine echt gute Alternative zu klassischen Büros und befriedigt das Bedürfnis nach Individualität sowie höchster Flexibilität», sagt er. Man liege mit der Schaffung dieses Projekts «hundertprozentig im Trend». Er glaubt wie der Stadtrat daran, dass der Space als Frequenzbringer für die Altstadt wirken kann – «Das ist eine Frage des Marketings.»

Eine Büro-WG?

Die «Neue Zürcher Zeitung» nennt Co-Working-Spaces mit Vorliebe «Büros der Zukunft», «Büro-WG» oder kürzlich, bei der Eröffnung eines grossen Spaces in der Wirtschaftshauptstadt, «das grösste Wohnzimmer Zürichs». «Selbst in der Schweiz», so die Zeitung in einem vor wenigen Tagen erschienenen Beitrag, «setzt sich langsam die Überzeugung durch, dass es sich um eine sehr dynamische Nische mit Potenzial handelt.»

Dies, weil KMU ihre Bürokosten senken könnten (man zahlt nur, was man benutzt), weil es immer mehr Freelancer sowie Home-Office-Arbeiter gebe. Co-Working- Spaces schiessen in der Schweiz zwar wie Pilze aus dem Boden, ihr Anteil an der Gesamtbürofläche liegt aber noch unter einem Promille.

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