Zoe zögert. Skeptisch blickt sie auf die Rampe, mit ihren grossen, dunklen Augen, reckt den Hals, bläht die Nasenflügel. Aber nein, sie will nicht. Da nützt auch das aufmunternde Muhen ihrer Kolleginnen nichts, nicht das Locken ihrer Besitzer. Aber Zoe steht im Weg, die hinter ihr wollen raus. Und so nützt nur ein beherzter Griff ans Halfter, ein lautes «Heja». Und Zoe nimmt einen Satz.

Dann ist es auch schon wieder vorbei mit der Aufregung. Ruhig trotten Zoe und ihre Kolleginnen in den Laufstall, schnuppern mal da, mal dort. Aber ausser dem Schnaufen, den Kaugeräuschen der andern ist nichts zu hören. «Unglaublich, wie ruhig es ist», flüstert Marianne Geier in diese andächtige Stille. «Da spürt man, dass die Tiere Familienanschluss haben. Diese Gelassenheit kommt nicht von ungefähr.» Und Ueli Geier steht in seinem grauen Kittel und auf einen Schaber gelehnt da, schaut zu, wie die Helfer draussen die angekommenen Kühe mit dem Hochdruckreiniger sauberspritzen, und sagt: «Jetzt kommts gut.»

Von vorsichtig bis sprunghaft: Die Kühe von Christof Oswald kommen in Küttigen an

Von vorsichtig bis sprunghaft: Die Kühe von Christof Oswald kommen in Küttigen an

Es ist Zügeltag in Küttigen. Kein gewöhnlicher, keiner mit nur einem in Schachteln verpackten Haushalt, keiner mit nur Sack und Pack, keiner mit nur Kindern und Haustieren. In Küttigen zog letzte Woche eine Bauernfamilie mitsamt ihrem ganzen Hof um. Mitsamt 31 Milchkühen und fünf Kälbern, einem Pferd, einer Katze und einem Hund kommen die Oswalds – das sind Vater Christian (49), Mutter Vroni (46) und die drei Kinder Céline (21), Sämi (20) und Jonas (14) – aus dem bernischen Ursenbach im Oberaargau nach Küttigen. Dazu kommen 46 Rinder, die bereits seit einigen Monaten auf dem Hof sind, 25 davon eigene, 21 sind Aufzuchtsvertragsrinder.

Eine Geschichte zum Vergessen

Eineinhalb Jahre zuvor, im Frühjahr 2017, am Rande eines Gesprächs: Ueli Geier spricht von Sorgen, die ihn plagen, von Zukunftssorgen. Denn eigentlich müsste er nicht mehr arbeiten, er hat das Pensionsalter erreicht. Doch ihm fehlt ein Nachfolger. Von den drei Töchtern will keine den Betrieb übernehmen, auch die Kinder von Bruder Hans und Schwägerin Brigitte nicht, das ist seit Jahren klar. Eine Nachfolgelösung, die schon fast schon in Griffnähe gewesen ist, hat sich im Winter zerschlagen, im letzten Moment, nach zwei Jahren Vorbereitung. Ein herber Schlag für die beiden Betriebsleiterfamilien, die den Hof mit insgesamt 46 Hektaren seit 1982 führen – den Hof, der seit 1923 in Familienbesitz ist. «So eine Absage tut weh», sagte Ueli Geier damals. Alles war wieder da. Der Druck, die Unsicherheit, die Sorgen, die Perspektivlosigkeit. Alles zurück auf Feld 1.

Über die Vermittlung des Bauernverbands kommt der Kontakt mit der Familie Oswald zustande. Ursprünglich aus Näfels in Glarnerland sind die Oswalds schon einmal mitsamt dem ganzen Hof umgezogen. Und auch sie sind eben arg durchgeschüttelt worden von einer Übernahmegeschichte, die sich nach fast sieben Jahren im letzten Moment zerschlagen hat, einer Geschichte zum Vergessen.

Nach Ostern treffen sich die beiden Familien Geier und die Oswalds in Küttigen auf dem Hof, es schneit wie verrückt, und statt über die verschneiten Felder zu stiefeln, setzen sie sich in die warme Stube, und das ist gut. «Die Chemie hat von Anfang an gestimmt», sagt Ueli Geier. Nach einem Gegenbesuch in Ursenbach und nach kurzer Bedenkzeit ist der Fall für die Familien Geier klar. In Christian und Vroni Oswald haben sie die richtigen Nachfolger für den Hof gefunden.

Stall erst Stunden vorher fertig

Und jetzt sind sie wirklich da, die Oswalds, eineinhalb Jahre nach dem ersten Treffen. Die Tiertransportlastwagen sind leer, ein Aufstehen um 3.15 Uhr und zwei Fahrten hat es gebraucht, um alle Tiere herzubringen. Jetzt stehen sie da, schnobern im Grünzeug, schnuppern an Gestänge und Plastikvorhängen, ganz ruhig, obwohl alles neu ist für sie. In all der Gelassenheit sticht zwei der Hafer; mit wilden Bocksprüngen hopsen sie durch den Stall. Vroni Oswald lacht, Machtkämpfe seien das. Im Grunde sei die Rangordnung innerhalb der Herde ja klar. «Aber man kann ja mal die Gelegenheit ergreifen und probieren, ob mit einer kleinen Rangelei ein Aufstieg in der Rangordnung möglich ist.»

Erst Stunden vor dem Einzug ist der neue Laufstall fertig geworden. Hell ist er, geräumig, mit über 50 Liegeplätzen, computergesteuerten Futteranlagen und – der ganz grosse Stolz aller – einem Melkroboter. «Da können die Kühe reinmarschieren, wann immer ihnen danach ist», sagt Christian Oswald. Ein Halsband mit Chip regelt, dass die Kuh nicht zu oft gemolken wird und dass sie während des Melkens genau die richtige Ration Kraftfutter bekommt. Eine Kuh nach der anderen wird in den Roboter geführt, um ihn kennen zu lernen. Tage darauf haben bereits alle das System begriffen.

Drei Tage nach dem Umzug. Die drei Paare sitzen in der Küche, bei Kaffee und Kuchen. Ein erster Moment, um in dieser strengen Zügelwoche durchzuatmen. Eben ist ein Kollege aus Ursenbach vom Hof weggefahren, er hat noch Futtervorräte vom alten Hof gebracht. Und noch immer sind da Werkzeuge und noch mehr Vorräte, die hergebracht werden müssen. Vom Wohnhaus, in dem sich die Schachteln stapeln, ganz zu schweigen. «Es hört nicht mehr auf mit Zügeln», ächzt Vroni Oswald gespielt gequält. Denn noch immer mag sie lachen und scherzen. Selbst der Kuchen ist selbst gebacken.

Die Stimmung ist gut. Man spürt, welche Last den drei Paaren in diesen Stunden von den Schultern rutscht. Die Doppelbelastung im letzten Jahr war enorm; da waren nicht nur die Tiere, die auf beiden Höfen haben versorgt werden müssen, sowie der Obstbau. Da war auch der Bau des neuen Laufstalls, für den viel in Eigenarbeit gemacht wurde. Da haben alle angepackt, das war Ehrensache für die Geiers. «Die sind ‹gsecklet› für uns, das ist überhaupt nicht selbstverständlich», sagt Christian Oswald, und seine Frau nickt. «Uns ist eben nicht egal, wie das mit dem Betrieb weitergeht», sagt Ueli Geier. «Aber es war das happigste Jahr, das wir auf dem Hof je erlebt haben.»

Wie geht es denn nun weiter? Per 1. Januar 2018 haben die Oswalds den Hof gekauft, die Brüder führen den Betrieb wie bis anhin und noch bis Ende dieses Jahres als Gemeinschaft weiter und werden die Betriebsgemeinschaft per Ende 2018 auflösen. Ueli und Marianne Geier werden sich zurückziehen und Verantwortung abgeben. Hans und Brigitte Geier führen den Obstbau und die Direktvermarktung weiter und werden weiterhin ihren Stand am Wochenmarkt in Aarau haben. Bleiben wird auch der Hofladen, der zusätzlich mit Verkaufsautomaten ergänzt wurde. So kann auch ausserhalb der Ladenöffnungszeiten eingekauft werden.

Für Ueli und Marianne Geier beginnt nun ein neuer Lebensabschnitt. Ein hoffentlich etwas ruhigerer Abschnitt. Dreinfunken werde er den neuen Besitzern nicht, da müsse man sich im Griff haben, sagt Ueli Geier. «Ich helfe gerne noch mit, wenn es gefragt ist», sagt er und lacht, mit ihm der Rest der Runde. Und allesamt wünschen sie sich, dass die Familie Oswald im Dorf gut aufgenommen wird, und sie nun endlich ein Zuhause gefunden hat.