Auenstein
Kein Bürgerholz für Frauen mit Ausländern

Die Ortsbürger von Auenstein haben ein Waldreglement aus dem Jahre 1965 aufgehoben. Inhaltlich war es völlig veraltet. Heute kann es nur noch für ein köstliches Lesevergnügen sorgen. Nicht nur für historisch interessierte Zeitgenossen.

Hubert Keller
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Im von Förster Max Senn betreuten Wald bündeln auch heute noch private Waldbesitzer Wellen und schichten Sterholz auf.

Im von Förster Max Senn betreuten Wald bündeln auch heute noch private Waldbesitzer Wellen und schichten Sterholz auf.

Kel

Förster Max Senn – er ist selber Ortsbürger von Auenstein, wohnt aber in Rupperswil – erinnert sich gut, wie er als Bub vom Vater ins alte Schulhaus geschickt wurde, um «den Bürgernutzen» zu ziehen. Dazu griff er in einen Topf und klaubte einen nummerierten Zettel heraus. Nicht immer sei der Vater mit dem Losglück des Sohns zufrieden gewesen.

Zum «Bürgernutzen» hielt das Waldreglement von anno dazumal fest: «Eine Gabe besteht aus 4 Ster Brennholz und den anfallenden Wellen, im Maximum 60 Stück.» Anspruch auf eine ganze Gabe hatten: «1. Eheleute mit oder ohne Kinder und eigenem Haushalt, 2. Verwitwete und Geschiedene mit gemeinsamem, eigenen Haushalt, 3. zwei oder mehrere Geschwister mit gemeinsamem eigenen Haushalt, 4. zwei oder mehrere Bürger oder Bürgerinnen, die, ohne eine Familie zu bilden, einen gemeinsamen Haushalt führen.» Man merke: Damals, kurz vor den 68ern, waren WGs (Wohngemeinschaften) zumindest auf dem Land noch völlig unverdächtig. Der eigene Haushalt setzte eine «benützte eigene Koch- und Heizgelegenheit» voraus.

146 Hektaren Wald

Die Waldfläche der Auensteiner misst 146 Hektaren (ha). 60 ha gehören privaten Eigentümern, 30 ha dem Staat. Betreut wird der Wald von Förster Max Senn. Er führt den Forstbetrieb Rupperswil. Diesem sind die Ortsbürgergemeinden Auenstein, Rupperswil, Veltheim und Hunzenschwil sowie private Waldbesitzer und der Staat mit insgesamt 572 ha angeschlossen. Der letzte Auensteiner Hiebsatz betrug 1100 m³. Das Stammholz wird zu Brettern und Balken oder bei besonderer Qualität zu Furnieren verarbeitet. Aus dem Industrieholz werden Spanplatten und Zellulose für die Papierproduktion hergestellt, aus den Baumkronen Hackschnitzel. (Kel)

Statt Wellen eine Flasche Wein

Der Bürgernutzen besteht in Auenstein heute aus einer Flasche Wein. Andere Gemeinden geben den Christbaum gratis ab. Wellen sind Bündel aus Astholz, in Auenstein auch «Stauden» genannt. Sie werden im Ortsbürgerwald von Auenstein nur noch von Adolf Brugger und ein paar wenigen Privatwaldbesitzern gemacht. Brugger ist pensioniert und bereitet das Holz für wenige Häuser, die noch einen Kachelofen oder ein Cheminée haben. Heute werden die Äste zu Schnitzeln gehackt und in Verbundheizungen verbrannt. Auch Auenstein prüft die Möglichkeit einer Holzschnitzelheizung beim neuen Schulhaus.

Gemäss Reglement von 1965 bekamen «Verwitwete und Geschiedene eine halbe Gabe, ebenso Verheiratete mit oder ohne Kinder mit getrenntem, aber eigenem Haushalt sowie Ledige beiderlei Geschlechts nach zurückgelegtem 20. Altersjahr». Einzelstehende Bürger und Bürgerinnen, die bei einem verwandten oder anderen Einwohner wohnten und mit diesem einen gemeinsamen Haushalt führten, mussten zuerst 50 werden, bevor sie einen Ster Holz erhielten.

Aus heutiger Sicht befremdet folgende Regelung: «In der Gemeinde wohnende Ortsbürgerinnen, die mit einem Ausländer oder Staatenlosen verheiratet sind und ihr angestammtes Bürgerrecht beibehalten haben oder in dasselbe wieder aufgenommen worden sind, sind nur dann nutzungsberechtigt, wenn ihre Ehe durch den Tod des Ehemannes, durch Ungültigkeitserklärung oder durch Scheidung aufgelöst worden ist.» Da fragt man sich doch, wie es um die Männer stand, die mit einer Ausländerin liiert waren?

Fuhrwerken nachts verboten

Das Sammeln von dürrem Astholz war nur Bürgern und Einwohnern von Auenstein gestattet. Bei anhaltendem Regen durften die «Erdwege im Wald nicht befahren» werden. Das Fuhrwerken im Wald war auch zur Nachtzeit verboten.

Die Gabensätze durften nur mit Bewilligung des Regierungsrates vergrössert werden. Und sie mussten verkleinert werden, wenn eine Übernutzung des Waldes drohte.

Und das stand auch im Reglement: «Als Waldarbeiter sollen nur tüchtige Holzhauer eingestellt werden. Diese sind verpflichtet, das Wohl des Waldes zu wahren und ihm durch gute und treue Arbeit zu nützen. Ihre Weiterbildung durch Holzerkurse usw. ist nach Möglichkeit zu fördern.» D

Nun, die 37 Ortsbürgerinnen und Ortsbürger, die an der Ortsbürgergemeindeversammlung teilnahmen, überliessen das verstaubte Waldreglement den Geschichtenerzählern und Geschichtsschreibern. Die Beteiligung lag übrigens bei über 15 Prozent. Solche Werte erreichen die Einwohnerbürger längst nicht mehr. Lockte bei den Ortsbürgern der Bürgernutzen, die Flasche Wein?

Seit 1999 definiert die kantonale Waldgesetzgebung die Vorschriften für die kommunale Forstwirtschaft. Sie enthält keine Bestimmung mehr, dass kommunale Wald- und Forstreglemente geschaffen werden müssten.