Aarau
Kein Auslaufmodell: 16'000 Kunden bei Tourismusbüro aarau info

Das Tourismusbüro «aarau info» lebt von Stadtführungen und trotzt dem globalem Trend.

Katja Schlegel
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Agnes Heinz und Esther Schmid von aarau info spüren den Trend zur massgeschneiderten Stadtführung.

Agnes Heinz und Esther Schmid von aarau info spüren den Trend zur massgeschneiderten Stadtführung.

Alex Spichale

Sie schleichen mit ihren Gästen um dunkle Ecken, tappen durch enge Eh-Gräben und steigen in kalte Verliesse. Sie wissen, wo der Henker hauste und wo der «Bestatter» über Leichen stolperte.

Und sie wissen, wohin Frauen vor Männer flüchteten, und welche Halden-Bewohnerin nach dem Zweiten Weltkrieg so gut geschäftete, dass sie sich als erste eine eigene Badewanne leisten konnte.

Sie, das sind die elf Stadtführerinnen und drei Stadtführer vom Tourismusbüro «aarau info». Und was sie über Aarau zu sagen haben, interessiert. In 780 Führungen haben sie letztes Jahr rund 10 200 Personen die Stadt gezeigt.

Gefragt sind längst nicht mehr nur die klassischen Führungen, wie beispielsweise der Altstadtrundgang oder die Turm-Führung. «Der Trend geht immer mehr in Richtung massgeschneiderte Stadtführung», sagt Agnes Henz, zuständig für die Aus- und Weiterbildung des Stadtführerteams.

Das heisst, dass der Kunde vermehrt eine individuelle Route, ein eigenes Thema oder Referat oder gar ein Quiz wünscht. «Wir haben beispielsweise immer wieder hiesige Unternehmen, die eine Führung zu ihrer eigenen Firmengeschichte wünschen», sagt Agnes Henz.

Das bedeutet für das Stadtführerteam viel Engagement. «Ein ‹gibts nicht› gibts bei uns nicht, wir machen alles möglich», sagt Esther Schmid, Leiterin von aarau info. Recherchen und Archiv werden zentral geführt und sind inzwischen so gross, dass Spezialführungen problemlos gestemmt werden können.

Der einzige Nachteil der individuellen Führungen: Sie schlagen auf die nackten Zahlen in der Statistik. Die Rekordzahlen von 2016, als über 13 000 Personen eine der 850 Führungen buchten, konnten nicht gehalten werden.

Den Grund für das leicht geringere Interesse an den Führungen sieht Esther Schmid in erster Linie in den Grossveranstaltungen, die 2017 weniger zahlreich waren als in anderen Jahren. «Trotz leichtem Rückgang ist der Arbeitsaufwand für die massgeschneiderten Führungen aber grösser», sagt Agnes Henz.

Kein Auslaufmodell

Dem Team von aarau info geht nicht nur dank der Stadtführungen die Arbeit nicht aus. Denn während andere Branchen unter dem Online-Geschäft ächzen, spürt das Tourismusbüro keinen markanten Rückgang.

«Entgegen dem globalen Trend konnten wir den Verkauf von Veranstaltungstickets sowie Billetts und Abos für den öffentlichen Verkehr sogar halten», sagt Esther Schmid. Den Grund für die anhaltende Nachfrage sieht sie einerseits in der Skepsis gegenüber der Technik und dem Bedarf nach individueller Beratung.

«Andererseits gibt es viele insbesondere junge Kunden, die keine Kreditkarte besitzen und deshalb die Tickets nicht online bestellen können.» Ein Auslaufmodell sei das Tourismusbüro deshalb noch lange nicht.

«Aktuell braucht es diese Dienstleistung mitten in der Stadt», sagt Esther Schmid. Die Zahlen geben ihr recht; insgesamt haben 2017 über 16 000 Personen das Büro an der Metzgergasse besucht.

Internationaler Frauentag am 8. März: Aarau ganz im Zeichen der Frauenrechtsgeschichte

Am Internationalen Frauentag am 8. März gibt es über Mittag Frauengeschichten – ausnahmsweise nur für Frauen. Agnes Henz, die die Extra-Stadtführung seit 2016 organisiert, stellt sie dieses Jahr ins Zeichen der Frauenrechtsgeschichte der letzten 100 Jahre.

Die dieses Jahr vorgestellten Frauen sind quicklebendig und stehen Agnes Henz Red und Antwort: So zum Beispiel Lotti Lehner, die 1946 direkt nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Lehre zur Wäscheschneiderin begann und noch heute das Corset- und Wäschehaus am Graben führt.

Oder Brigitte Herde, Kochbuchautorin für vegane Gerichte und Verkäuferin im Laden «Unverpackt» in der Milchgasse, dem Projekt, das eine Gruppe Frauen gestemmt hat.

Von Agnes Henz interviewt werden ausserdem Silvia Dell’Aquila, unter anderem Co-Präsidentin des Vereins «Neues Kasernenareal», dessen Vorstand mit einer Ausnahme nur aus Frauen besteht, und Anette Rutsch vom Stadtmuseum Aarau, welches verantwortlich ist, Frauen in der Geschichte Aaraus sichtbar zu machen.

Die einzige Ausnahme im Reigen der vorgestellten Frauen macht bezüglich Lebendigkeit einzig Sophie Haemmerli-Marti, die Lenzburger Schriftstellerin, die in Aarau das Lehrerinnenseminar besuchte.

«Viele kennen nur ihre Mundart-Gedichte», sagt Agnes Henz. Doch Haemmerli-Marti stehe für viel mehr als «eusi zwei Chätzli» und «schneewyssi Tätzli». «Sie hat sich bereits um 1900 stark für die Gleichstellung der Frau starkgemacht.»

Der Spaziergang durch Aarau startet um 12 Uhr vor dem Büro von aarau info an der Metzgergasse 2 und kostet 25 Franken. Im Preis inbegriffen ist ein Lunch, ausgerichtet von Rebecca Moser. Die Führung dauert eine gute Stunde. Anmeldungen unter aarauinfo.ch