Maienzug

Kein anderer Aarauer ist seit 65 Jahren so nah am Maienzug mit dabei

Am Maienzugmorgen schwirren aufgeregte Schülerinnen um das Wehrmänner-Denkmal.

Am Maienzugmorgen schwirren aufgeregte Schülerinnen um das Wehrmänner-Denkmal.

Er steht mitten im Maienzugtreiben wie kein Zweiter: der Soldat auf dem Wehrmänner-Denkmal im Graben. Seit 1949 steht er da und erlebt alles, was den Maienzug ausmacht. Die Reporterin hat sich zu ihm auf den Sockel gesetzt.

«Jetzt ist Maienzug und dieser Aarauer schaut, als ob er nichts damit zu tun haben will», sagt eine Frau am Blumenmarkt am Donnerstagmorgen und legt das in Seidenpapier eingewickelte Schleierkraut ins Velokörbchen. «Eigentlich ein armer Kerl, dass er nicht lächeln kann.» Sie winkt und pedalt davon.

Dieser Aarauer guckt tatsächlich nie freundlich. Tagein, tagaus wirkt er entschlossen, steht seit Jahrzehnten beim Holzmarkt im Graben, versteinert in abwehrender Haltung.

Seit 1949 mahnt er die Aarauer an die Grenzbesetzungen der beiden Weltkriege, beobachtet ungerührt, was um ihn herum passiert – auch am schönsten Aarauer Freudentag, dem Maienzug.

Kein anderer Städter ist seit 65 Jahren so nah am Maienzug mit dabei. Der Blumenmarkt am Donnerstagmorgen, das Treiben am Vorabend, die Aufräumarbeiten in den frühen Morgenstunden, das Einstehen am Maienzugmorgen, das Warten der Zuschauer, der Umzug – der bronzene Soldat beobachtet alles.

Ein Kranz fürs Soldatenhaupt

Sehen kann er es nicht, aber vielleicht riechen, das Blumenmeer, das sich am frühen Donnerstagmorgen in seinem Rücken auftut. Stand an Stand reihen sich die Blumenverkäufer, Sträusschen an Sträusschen, Kränzchen an Kränzchen, eines schöner als das andere. Es ist kühl und neblig. Das ist gut für die Blumen.

Mit den Velos kommen die Frauen angefahren, suchen sich ihre Blumen und Anstecker zusammen und plauschen miteinander. Männer sieht man kaum. Es ist eine schöne, kicherige Stimmung, die über dem Ganzen liegt. Zwei ältere Damen kommen heran, freuen sich lautstark über die Blumenpracht.

«Dieser Kerbel hier», sagt die eine. «Oh ja, der ist schön», ruft die andere aus. «So schön elegant, etwas Besonderes.» – «Das ist eben ein damenhafter Kerbel.»

Lachend und Arm in Arm ziehen sie weiter. Derweil bekommt der Soldat Besuch auf Augenhöhe: Die Blumenfrauen sind da. Isabella Moro steigt die Leiter hoch, über der Schulter den Kranz für das bronzene Haupt.

Regi Rufer steht unten und schaut zu, dass der Kranz sitzt und dem Soldaten die Tannenzweige und Efeublätter nicht ins Gesicht hängen. Wie er nun halt so dasteht, mit abwehrenden Händen, schaut der Soldat bekümmert aus: Als ob er sagen würde, man solle ihm doch um Himmelswillen fernbleiben mit dem piksenden Grünzeug.

Der Freitagmorgen: Die Blumen zu den Soldatenfüssen sind frisch gegossen und stehen wieder aufrecht. In der Nacht, da sich die ausgelassen feiernden Massen um den Soldaten schoben, hatten einige Blumen zu welken begonnen.

Vor dem Denkmal bläst ein Ballonverkäufer rosafarbene Kätzchen auf, seine Frau steht schlotternd daneben, die Hände in der Schürze vergraben.

Knisternd blähen sich die Tierfiguren, bis sie prall an den Schnüren vor des Soldaten Nase tanzen. Ein Mädchen zerrt im Vorbeigehen aufgeregt an Mamas Hand. Doch jetzt, kurz nach acht, ist keine Zeit für Ballone. In Scharen ziehen die Aarauer die Gassen hoch, in denen säuerlich der Geruch nach verschüttetem Alkohol liegt. Die Zuschauer reihen sich entlang der Strassen auf, die Kinder, Behördenvertreter und Musikanten im Graben.

Im Treiben rund um das Denkmal prallen verschiedene Welten aufeinander: Da stehen die jungen Männer mit von der Nacht zerknitterten Gesichtern, in der Hand Gipfeli und Konterbier, daneben zuckersüsse Mädchen in ihren weissen Kleidchen, noch zu klein, um am Umzug mitzulaufen, aber gross genug, um ein Kränzchen zu tragen.

Da kommen die Majoretten der Musikgesellschaft Erlinsbach angewirbelt, das Ehepaar Guignard schlendert gemütlich vorbei, am Graben 33 putzen zwei Frauen im dritten Stock die Fensterscheiben, eine Gruppe Musiker nippt an ihren Kaffeebechern und eine Mutter zwackt zu Füssen des Soldaten ein Ästchen Schleierkraut ab, um es ihrer Tochter ins Haar zu stecken. Und dann gilt es ernst: «Iistoh!»

Impressionen vom Aarauer Maienzug und vom Zofinger Kriegsgefecht

Impressionen vom Aarauer Maienzug und der Zofinger Kriegsgefecht

Beste Sicht vom Sockel aus

Im Rücken des Soldaten setzt sich der Umzug in Bewegung. Die Kinder und Jugendlichen, die Musikgesellschaften, «vorwärts Marsch», die Weidlinge der Pontoniere, die Behörden, die Studentenverbindungen via Laurenzentorgasse in die Altstadt, unter dem Oberturm hindurch, vor dem Soldaten vorbei.

Die Kinder lächeln und winken in die Kameras aufgeregter Eltern und Grosseltern. Die Musikgesellschaften spielen nicht nur schön, sondern laufen auch mal rück- und seitwärts.

Die geschmückten Weidlinge, in denen die Schüler der Zeka sitzen, werden beklatscht, die Behördenvertreter grüssen und strahlen und die Studenten singen lauthals und stampfen, dass einem schon beim Zuschauen die Knie schmerzen.

Während die Zuschauer die Hälse recken, steht der Soldat da, mit bester Aussicht von seinem Sockel aus Mägenwiler Muschelkalk.

Und dann ist der Umzug vorbei, die letzte Musikgesellschaft biegt vorne in die Bahnhofstrasse ein, die Zuschauer verzetteln sich. Der Ballonverkäufer bekommt endlich Kundschaft. Ein kleiner Hund hat sich zum Soldaten auf den Sockel gesetzt.

Maienzug Aarau (1968)

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