Ein feines Fiepsen, die Schwanenmutter hebt den Flügel. Und da sind sie, flauschig und tollpatschig: die ersten beiden Schwänchen. Vor ein paar Stunden sind sie im Nest am Philosophenweg geschlüpft, und schon schleppen sie sich auf wackeligen Beinen zum Gras, das am Nestrand liegt und schnabulieren ein paar Hälmchen. Unterdessen wendet die Mutter die drei verbleibenden Eier. Und siehe da, das dritte Ei hat bereits einen kleinen Sprung. Die Passanten, die hier über Mittag zufällig vorbeilaufen, sind entzückt, ziehen ihre Handys aus den Taschen.

Jööö, so herzige Schwänli!

Die Schwanen Mutter gewährt einen Blick auf ihre Jungen und die noch auszubrütenden Eier.


Am Zaun steht auch Reinhard Beck aus Buchs, die grosse Kamera über der Schulter hängen. Am Sonntagabend hat er das erste frischgeschlüpfte Schwänchen fotografiert. Noch feucht wars, die Federn ganz strähnig, erzählt Beck und zeigt stolz die Aufnahmen. Nur das Schlüpfen, das hat er verpasst. «Als ich um kurz vor 18 Uhr gegangen bin, hatte das erste Ei einen Riss. Aber es hat sich noch nichts geregt, also bin ich zum Znacht zu meinem Sohn.» Als er um 20.30 Uhr zurückkam, war das erste Schwänchen da. Und als er am Montagmorgen kurz nach 7 Uhr wiederkam, war auch das Zweite da. «Wo bekommt man so etwas Schönes schon so hautnah mit», sagt er und drückt den Auslöser, wieder und wieder.


Reinhard Beck fotografiert seit drei Jahren. «Es hat mir den Ärmel reingenommen», sagt er. Er mag es, Tiere zu beobachten und auf den perfekten Moment zu warten. Gerade war er am Neuenburgersee, um Eisvögel zu fotografieren. Und letzte Woche hat er die fünf Schwanenjungen im Bally-Park in Schönenwerd abgelichtet. «Da habe ich gedacht, ich komme mal in Aarau schauen, was sich hier so tut.» Und prompt hat er den richtigen Moment erwischt.


Der richtige Moment – das ist eine Glückssache. Das braucht vor allem Geduld. Ob das dritte Schwänchen gleich schlüpft? Die Passanten warten. Minutenlang, stundenlang. Doch die Schwanenmutter sitzt da seelenruhig, döst, frisst vorwitzige Ameisen, die auf ihr herumkrabbeln und faucht Hunde an. Beim dritten Ei aber tut sich nichts. Kurz steht die Schwanenmutter nochmals auf und man sieht, wie das Kleine im Ei mit dem Schnabel an der Bruchstelle stochert – doch schon vergräbt die Mutter das Ei unter ihrem Gefieder. «So ist das», sagt Beck und lächelt, «das ist die Natur.»


Jetzt hofft Beck inständig, dass die Aare nicht noch weiter steigt oder die heftige Strömung die Federbällchen mitreisst. «Vor zwei Jahren habe ich zugeschaut, wie eines der Schwänchen geschlüpft ist», erzählt er. Als er später erfuhr, dass alle Schwänchen über das Wehr gerissen und danach nicht mehr gesehen wurden, habe ihm das schon etwas mitgenommen. «Aber auch das ist Natur. Da kann man nichts machen.»

Gefährliches tierisches Liebesnest

5. Mai 2016: Gefährliches tierisches Liebesnest