Der Frosch auf dem Flyer kuschelt sich ans rote Herz, als gäbe es kein Morgen. Die Krone auf seinem Kopf macht klar, was Sache ist. Der Froschkönig. Der unglückliche Prinz, der darauf wartet, von seiner Prinzessin erlöst zu werden. Ein etwas überzeichnetes Bild, und doch zeigt es, an wen sich der Flyer richtet: An Menschen, die noch nie eine Liebesbeziehung hatten, nie Sex, vielleicht noch nicht mal einen Kuss – und die damit unzufrieden sind.

Für sie soll es in Aarau schon bald eine neue Selbsthilfegruppe geben (Anmeldung). Für diese unfreiwillig Ungeküssten existiert sogar eine Bezeichnung: «Absolute Beginners». Was auf Deutsch etwas albern klingt, hat seinen Ursprung bei David Bowies gleichnamigem Song: «I’ve nothing much to offer, There’s nothing much to take, I’m an absolute beginner, But I’m absolutely sane», sang er.

Das Selbsthilfezentrum Aargau hat kürzlich eine neue Selbsthilfegruppe gegründet. Die "Absolute Beginners" sind Erwachsene ohne - oder mit wenig - Beziehungserfahrung. Im Bild: Sozialarbeiterin Angela Mosimann vom Selbsthilfezentrum.

Absolute Beginners

Das Selbsthilfezentrum Aargau hat kürzlich eine neue Selbsthilfegruppe gegründet. Die "Absolute Beginners" sind Erwachsene ohne - oder mit wenig - Beziehungserfahrung. Im Bild: Sozialarbeiterin Angela Mosimann vom Selbsthilfezentrum.

Darüber, wie viele Menschen hierzulande ungeküsst oder beziehungslos durchs Leben gehen, gibt es keine Statistiken. Nur zum Sex: Gemäss einer der Studie aus dem Jahr 2016 mit 30'000 Befragten erleben Frauen im Schnitt mit 17 Jahren das berühmte erste Mal, Männer mit 18. Ab dem 25 Altersjahr haben es dann fast alle hinter sich – nur 3 Prozent der Männer und 2 Prozent der Frauen noch nicht.

Insgesamt kann man davon ausgehen, dass es im Aargau – 670'000 Einwohner – mindestens einige Hundert «Absolute Beginners» gibt. Wie stellt man sich diese Menschen vor? Irgendwie... auffällig. Vielleicht ungepflegt, nicht der gesellschaftlichen Schönheits-Norm entsprechend, schlecht angezogen. Nichts davon trifft auf Karin und Bruno zu. Sie sind die ersten Mitglieder der neuen Selbsthilfegruppe, die sich in Aarau gerade im Aufbau befindet. Die beiden haben sich bereiterklärt, anonym über ihr Leben als «Absolute Beginners» zu sprechen, um anderen Betroffenen Mut zu machen. Und vielleicht auch, um ein Tabu zu brechen – selbst wenn sie sich nicht einig sind, ob es überhaupt eines gibt.

Karin und Bruno heissen eigentlich anders. Sie sind Mitte vierzig und wohnen beide im Aargau. Sie arbeitet in einer Leitungsfunktion im administrativen Bereich, er hat ein naturwissenschaftliches Studium absolviert und sucht derzeit eine Stelle. Bruno ist gross, beim Gehen zieht er die Schultern etwas ein. Er trägt ein helles, frisch gebügeltes Hemd und könnte auch als Banker und Familienvater durchgehen. Karin, klein und zierlich, kommt im modischen Blümchenkleid mit Stiefeletten. Sie ist älter als Bruno, aber wirkt so jugendlich, dass man ihr locker einige Jahre abzieht. Beide sind heterosexuell – die neue Selbsthilfegruppe steht aber auch Menschen mit anderen sexuellen Orientierungen offen.

Karin, Sie haben die Selbsthilfegruppe initiiert. Wie kam das?
Karin: In Deutschland findet man in vielen Grossstädten solche Gruppen, ausserdem hat es dort entsprechende Internet-Foren. In der Schweiz habe ich kaum etwas gefunden. Zwar gibt es eine «Absolute Beginners»-Gruppe in Zürich und ich nahm mir oft vor, da hinzugehen. Doch dann schob ich es immer wieder raus. Auch, weil ich gesundheitlich nicht so fit war. Als ich Anfang Jahr dann nach einem Angebot im Aargau suchte und keines fand, ging ich mit dem Vorschlag gleich direkt zum Selbsthilfezentrum.

Bruno: Ich bin dann zufällig im Internet auf die Ausschreibung für die neue Selbsthilfegruppe gestossen. Eigentlich habe ich nach einer Trauer-Selbsthilfegruppe gesucht, um den Tod eines Freundes zu verarbeiten.

Haben Sie eine Vorstellung davon, wie viele «Absolute Beginners» es in unserer Gesellschaft gibt?
Karin: Sehr wahrscheinlich mehr, als man glaubt. In meinem geschäftlichen und privaten Umfeld kenne ich zwei Personen, die auch dazugehören.

Es existiert keine genaue Definition dafür, was ein «Absolute Beginner» ist. Die Spannweite reicht von erwachsenen Menschen, die noch nie geküsst worden sind, bis zu denjenigen, deren letzte Beziehung einfach sehr lange her ist. Wie ist das bei Ihnen?
Bruno: Ich hatte noch nie eine Beziehung, sexuelle Erfahrungen schon.
Karin: Ich hatte mit Anfang 20 eine drei Jahre dauernde Beziehung. Nicht mit allem Drum und Dran – also nichts Sexuelles, mehr freundschaftlich. Seither nicht mehr.

Haben Sie eine Erklärung dafür?
Karin: Meine Jugend und die Zeit als junge Erwachsene waren sehr belastet. Ich war stark eingespannt in die Pflege und Betreuung von Angehörigen. Um durch diese Situation zu kommen, brauchte ich eine Überlebensstrategie. Zeitweise habe ich meine Weiblichkeit versteckt und hatte richtig Angst, dass man mich auf der Strasse anspricht. Das Bewusstsein, dass etwas fehlt, dass ich den Fokus auf mich selber verloren hatte, kam erst sehr spät. Ende dreissig – als sich auch die familiäre Situation gelöst hatte – stellte ich fest: Da sollte doch noch etwas sein. Es muss mehr geben im Leben, als sich für andere aufzuopfern.

Bruno: Bei mir ist wohl durch schlechte frühkindliche Erfahrungen ein Schaden entstanden. Meine Bezugspersonen waren überfordert, ich konnte keine Bindung zu meinen Eltern aufbauen. Bis ins Erwachsenenalter hinein empfand ich starke Ängste, wenn jemand in meine Nähe kam. Ich bin deswegen auch in Therapie. Seither hat sich einfach nie etwas ergeben. Zudem war mein Studium auf dem zweiten Bildungsweg sehr anstrengend. Das Bedürfnis nach einer Partnerschaft konnte sich gar nicht zeigen.

Waren Sie je verliebt?
Karin: (überlegt) Wohl eher Nein. Ich kann mich an dieses Gefühl jedenfalls nicht mehr erinnern.

Bruno: Ich weiss gar nicht, wie sich das anfühlt.

Man würde meinen, im 2018 ist es kein Problem, neue Leute oder potenzielle Partner kennen zu lernen. Stichwort Onlinedating.
Bruno: Tatsächlich habe ich mich auf einem Portal angemeldet und den Mitgliederbeitrag gezahlt. Aber es ist schwierig … Ich habe mir ein paar Profile angeschaut, aber mit ein paar Stichworten zur Person kann man sich kaum ein Bild machen und auf den Fotos sieht man die Leute nicht recht. Und wenn man jemanden anschreibt, kommt vielfach keine Antwort. Aber grundsätzlich bin ich nicht abgeneigt.

Karin: Also, das ist gar nicht mein Ding. Ich will die Leute direkt sehen, ein «Gschpüüri» für sie bekommen. Ausserdem – ich habe das Gefühl, dass online alles so schnelllebig ist. Ich will etwas Beständiges.

Wie stellen Sie sich den idealen Partner respektive die ideale Partnerin vor?
Karin: Den Idealfall gibt's nicht. Ich will ja auch nicht die perfekte Partnerin für jemand anderes sein und dessen Erwartungen erfüllen müssen. Der Mann müsste sicherlich Humor haben, liebevoll und authentisch sein. Und man sollte mit ihm tiefsinnige Gespräche führen können.

Bruno: Die Frau darf sich nicht durchs Leben lügen. Ich möchte Ehrlichkeit und charakterliche Integrität.

Vorhin fiel das Stichwort «Fotos». Spielt das Aussehen eine Rolle?
Karin: Grundsätzlich nehme ich den Menschen so an, wie er ist. Aber ja, natürlich spielt das Aussehen bei der Partnerwahl eine Rolle. Eine positive Ausstrahlung ist mir wichtig, wie auch ein gepflegtes Äusseres.

Bruno: Eine gewisse Sympathie und Anziehung muss da sein. Mich würde zum Beispiel eine ungepflegte Frau «gruusen». Die Verpackung spielt leider Gottes schon eine Rolle, damit man den Inhalt kennen lernen will.

Was versprechen Sie sich von der Selbsthilfegruppe?
Karin: Das Gefühl, nicht alleine dazustehen. Wir könnten uns gegenseitig stärken, motivieren und Wege finden, wie jeder von uns aus der Situation rauskommt.

Bruno: Ich bin offen gegenüber Ratschlägen, fachliche und therapeutische. Und ich möchte allgemein mehr Leute kennen lernen. Die Beziehungsproblematik hat sich bei mir auch auf den Kollegenkreis ausgeweitet.

Karin: Das ist bei mir zwar nicht so, aber auch ich fände es schön, mein soziales Umfeld zu erweitern und auch mal etwas zusammen mit der Gruppe zu unternehmen.

Wie sieht eigentlich Ihr Alltag aus?
Karin: Mein Job füllt den Tag sehr aus. Da entspanne ich in der Freizeit gerne. Oder ich unternehme etwas mit Familienangehörigen, Kolleginnen und Kollegen.

Bruno: Während meines Studiums war mein Alltag ausserordentlich anstrengend, im Moment wohl eher etwas langweilig. Ich gehe oft in die Bibliothek und lese Stelleninserate. Grundsätzlich bin ich eher der introvertierte, häusliche Typ: Ich mache gerne mal einen Ausflug oder gehe auswärts essen, aber ich spüre dann auch, wann ich genug habe und Zeit für mich brauche.

Weiss Ihr Umfeld, dass Sie «Absolute Beginners» sind? Wie reagieren Ihre Mitmenschen darauf?
Bruno: Bei mir wusste es nur ein guter Freund, der leider verstorben ist.
Karin: Meine Familie und enge Freunde wissen es natürlich. Auf Vorurteile bin ich nie gestossen.
Bruno: Ich kann mir schon vorstellen, dass es Leute gibt, die darüber lachen würden.
Karin: Wer definiert, was normal ist und was nicht? Mir ist es wichtig, dass «Absolute Beginners» einen Platz in der Gesellschaft haben.

Existiert das Thema in der öffentlichen Wahrnehmung?
Karin: Es ist ein Tabu, man spricht nicht drüber.
Bruno: Ich weiss nicht, ob es überhaupt genug bekannt ist, um ein Tabu zu sein …

Es gibt Spielfilme wie «Jungfrau (40), männlich, sucht» und den einen oder anderen Dokumentarfilm, aber fast keine Forschungsarbeiten.
Karin: Ich habe zum Thema zwei gute Bücher von Sexualtherapeutinnen gelesen, die sich mit dem Ursprung des Problems auseinandergesetzt haben. Bei vielen «Absolute Beginners» sind biografische Gründe Ursache der Situation, es hat einfach anderes im Vordergrund gestanden als die Partnersuche.

Bruno: Also, wenn ich sage, meine anstrengende Ausbildung sei im Vordergrund gestanden, wäre das ein Vorwand. Es ist eine Fehlprogrammierung im Kopf. Deshalb ist es mir wichtig, zu betonen: Absolute Beginners sind nicht irgendwelche komischen Leute. Oftmals ist die Ursache für das Problem eine schiefgelaufene Beziehung zu den ersten Bezugspersonen im Kindesalter.

Sie sind jetzt beide Mitte 40. Wird es mit dem Alter schwieriger, einen potenziellen Partner zu finden?
Karin: Wenn man mit 19 Jahren jemanden kennen lernt, geht man unbelasteter da rein. Unvoreingenommen und locker. Ich spüre: Je älter ich werde, desto grösser wird der innere Berg, den ich überwinden muss. Es wird anstrengender.
Bruno: Bei mir ist es umgekehrt. Früher hatte ich eher Ängste in Bezug auf andere Menschen. Das hat abgenommen.

Verspüren Sie Druck, einen Partner zu finden?
Bruno: Nein.
Karin: Ich lasse mir Zeit.

Gabriela Kirschbaum, Sexologin mit Praxis für Sexualtherapie und Paarberatung: «Wir sind alle mit Unsicherheiten unterwegs – auch in neuen oder bestehenden Beziehungen.»

      

Weitere Infos und Anmeldungen für die Selbsthilfegruppe:

SelbsthilfeZentrum Aargau
Rain 6
5000 Aarau
www.selbsthilfezentrum-ag.ch

Tel. 056 203 00 20, info@selbsthilfezentrum-ag.ch