Aarau
Kantonsspital-Chef: «Der Spitalfinder ist für ein Ranking ungeeignet»

Robert Rhiner, CEO des Kantonsspitals Aarau, findet, dass die Zentrumsspitäler auf der Internetplattform «spitalfinder.ch» zu Unrecht schlechter abschneiden als die kleineren Spitäler.

Hubert Keller
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Dr. med. Robert Rhiner, CEO des Kantonsspitals Aarau, kritisiert die Internet-Plattform «spitalfinder.ch».

Dr. med. Robert Rhiner, CEO des Kantonsspitals Aarau, kritisiert die Internet-Plattform «spitalfinder.ch».

zvg

Wer ins Spital muss, hat in der Schweiz die Qual der Wahl. Die neue Internetplattform «spitalfinder.ch» soll Patienten bei der Suche unterstützen. Entwickelt hat sie der Krankenkassenverband Santésuisse gemeinsam mit dem Konsumentenforum (KF). «spitalfinder.ch» schaffe Transparenz und Qualität im Schweizer Spitalwesen, behauptet Santésuisse. Dr. med. Robert Rhiner, CEO des Kantonsspitals Aarau (KSA), hat da seine Zweifel.

Herr Rhiner, welcher Patient ist besonders gut beraten, wenn er das KSA einem anderen Spital vorzieht? Worin liegen die Stärken des KSA?

Robert Rhiner: Das KSA stellt in der Region Aarau die Grundversorgung, im Kanton die spezialisierte und im Mittelland die hoch spezialisierte medizinische Versorgung (HSM) an 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr sicher. Unser Spital gehört bei der Behandlung von Herzinfarkten oder Schlaganfällen zu den führenden Zentren der Schweiz. Bei uns arbeiten Geburtshilfe und Neonatologie eng zusammen und auf dem Gebiet der Diagnostik und Behandlung von Krebserkrankungen haben wir grosses Potenzial.

Zur Person

Robert Rhiner, 1959, ist seit Dezember 2014 CEO des Kantonsspitals Aarau. Zuvor leitete er drei Jahre die Abteilung Gesundheitsversorgung beim Kanton. 1999 bis 2004 war er Leiter der Stabsabteilung am Kantonsspital Baden, von 2005 bis 2010 CEO am Spital Zofingen. Er betätigte sich auch politisch als Einwohnerrat (FDP) in Zofingen (1997 bis 2005) und Grossrat (2007 bis 2010). Robert Rhiner hat drei erwachsene Kinder.

Und die Qualität stimmt?

Ja, im KSA wird ein nahezu umfassendes Angebot an medizinischen Therapien auf einem hohen Niveau angeboten. Dies haben uns zum Beispiel die zuweisenden Hausärzte und Spezialisten anlässlich einer Befragung gerade kürzlich attestiert.

Wie aussagekräftig beurteilen Sie «spitalfinder.ch» für die Patienten? Wie schlüssig sind die Qualitätsindikatoren?

Die Aussagekraft der Indikatoren als solche ist nicht umstritten. Allerdings sind gemäss Aussagen der Geschäftsführerin des Nationalen Vereins für Qualitätsentwicklung in Spitälern und Kliniken (ANQ), Frau Dr. Petra Busch, die Indikatoren nicht geeignet, sie als Rankinggrundlage zu verwenden.

Warum ist das so? Was sind die Vergleichswerte wert, wenn sie für ein Ranking zu wenig hergeben?

Nehmen Sie beispielsweise die Sterblichkeitsrate. Diese ist in den Uni- und Zentrumsspitälern höher als in kleineren Spitälern. Man könnte als Laie versucht sein, für einen komplexen Eingriff lieber in ein kleineres Spital zu gehen. Nun muss man jedoch wissen, dass Patienten mit Komplikationen und hohem Sterblichkeitsrisiko meist in Zentrums- oder Unispitäler verlegt werden. Dort arbeiten die entsprechenden Spezialisten und können den Patienten helfen. Man muss also aufpassen und nicht «Äpfel» mit «Birnen» vergleichen.

Was wäre ein aussagekräftiger Indikator?

Eine aussagekräftige Zahl ist die Fallzahl, also die Anzahl behandelter Patienten. Je höher die Fallzahl, desto grösser sind Know-how und Erfahrung der Ärzte. Bezüglich Qualitätsmessung muss man auch beim Grund für einen Spitalaufenthalt differenzieren. Lassen Sie mich meine Aussage an einem Beispiel verdeutlichen: Ein Patient mit einer onkologischen Erkrankung, die ihn sehr beeinträchtigt, Schmerzen und Zukunftsängste erzeugt, ist unter Umständen aufgrund seiner Situation mit seinem Spitalaufenthalt unzufriedener als eine Mutter, welche gerade ihr erstes Kind geboren hat».

Aber kann sich der Patient auf ein solches Vergleichsportal bei der Spitalwahl überhaupt abstützen?

Ganz klar, nein. Die verwendeten Daten sind nicht geeignet, sie als Ranking zwischen Spitälern verschiedener Spitalkategorien – Zentrumsspital, Regionalspital, Spezialklinik etc. – zu verwenden.

Dennoch, wie beurteilen Sie die Nutzerfreundlichkeit des Portals?

Bei einem ersten Test war das System sehr langsam. Es fällt aber auf, dass neben dem Konsumentenforum der Versicherungsverband, die Santésuisse, ein Mitherausgeber dieses Portals ist. Für mich entsteht der Verdacht, dass es Santésuisse ganz recht ist, dass in ihrem Tool die Unikliniken und Zentrumsspitäler schlechter abschneiden als die kleinen Spitäler (mit einer wesentlich tieferen Baserate), die im Ranking ganz oben erscheinen.

Wie verlässlich sind die Angaben, welche die Spitäler machen?

Die verwendeten Angaben wurden entweder durch das Bundesamt für Gesundheit (BAG) oder dem Verein für Qualitätsentwicklung in Spitälern und Kliniken (ANQ) erhoben. Die Datenqualität wird durch die beiden Organisationen beispielsweise mittels Audits überprüft und kann als genügend angesehen werden.

Benchmarking kennt man auch in anderen Branchen. Für Sie als Mitglied einer Spitalleitung sind somit Benchmarks nicht brauchbar.

Die Benchmarks machen nur dann Sinn, wenn auch die Leistungen vergleichbar sind. Es macht einen Unterschied, ob man ein Spital ist, das in der Hauptsache geplante Operationen durchführt, oder ein Spital, das viele Notfälle und multimorbide Patienten behandelt. Im ersten Fall kann das Spital die Leistungen genau auf den Patienten ausrichten. Dies umfasst den Service, die Wartezeiten etc. Die Rückmeldungen der Patienten werden entsprechend positiv sein. Ein Zentrumsspital, wie es das KSA ist, ist jedoch dazu verpflichtet, die Grundversorgung der Bevölkerung sicherzustellen. Rund 60 Prozent der Patienten im KSA sind Notfälle. Hierfür müssen Sie nicht nur über eine entsprechende Infrastruktur und eine genügende Anzahl medizinischer Spezialisten verfügen, Sie müssen auch damit rechnen, dass Patienten mit kleineren Beschwerden längere Wartezeiten in Kauf nehmen müssen, weil Notfälle vorgehen. Diese Thematik spiegelt sich im Übrigen nicht nur auf dieser Plattform wieder, sondern ist auch ein Problem bei der Kostenabrechnung im DRG-System.

Aus Ihrer Sicht ist somit die Plattform «spitalfinder.ch» nicht zielführend.

Grundsätzlich sind solche Plattformen dazu geeignet, den Wettbewerb zu fördern. Die Plattform «spitalfinder.ch» weist aber noch einige Unzulänglichkeiten auf. Aus unserer Sicht können die Empfehlungen dieser Plattform die Patienten aus den oben genannten Gründen in die «Irre» führen. Und erlauben Sie mir noch eine Bemerkung am Rande: Wenn ich mir die Werte in der Kategorie Patientenzufriedenheit ansehe, erhielten alle Spitäler relativ gute Noten. In der Folge müssten viele grüne Punkte aufleuchten. Es ist jedoch nicht von der Hand zu weisen, dass mit der Festsetzung des Durchschnittswertes eine Gewichtung zugunsten der Privatspitäler vorgenommen wurde. Dabei habe ich schon oben aufgeführt, dass es ein wesentlicher Unterschied ist, ob ein Spital seine Leistungen planen und sich die Schwere der Fälle aussuchen kann oder ob es zu jeder Tages- und Nachtzeit alle Leistungen auch notfallmässig erbringen können muss.

Könnte eine solche Plattform zur Kostensenkung beitragen? Ist eine Verknüpfung mit dem Tarif denkbar, indem schlechtere Leistung schlechter bezahlt wird?

Prinzipiell werden Modelle, bei denen die Qualität der Behandlung mit der Höhe der Vergütung in Verbindung gebracht wird, bereits diskutiert. Solche Modelle würden wir auch sehr befürworten, denn die Qualität in unserem Spital ist hervorragend. Allerdings müsste hierzu auch die Qualität der Vergleichsplattformen und des Tarifsystems SwissDRG verbessert werden. Gerade Letzteres steckt noch fest in den Kinderschuhen.

Die Erwartung, die Plattform könnte zur stärkeren Spezialisierung der Spitäler führen, teilen Sie also nicht?

Aufgrund des ökonomischen Drucks und der teilweise sehr tiefen Fallzahlen kleinerer Spitäler wird es zu einer Spezialisierung kommen. Mit oder ohne Vergleichsportal.