Ein ganz besonderes Wesen gesellt sich dieser Tage zum ausgestopften Gorilla im Naturama-Entrée. Neben dem pechschwarzen Primaten ist da für kurze Zeit ein schneeweisser Kalong zu sehen. Die Museumsleitung ist entzückt, die angereisten Forscher ebenso. Nur ein paar Vernissage-Besucher sind schockiert über das neue Ausstellungsstück. Ihr Verdacht: Der weisse Kalong, der da in Schockstarre auf dem Podest steht, ist gar nicht tot. Und: Er ist viel mehr Mensch als Tier. Wenns nach dem schwarz eingehüllten Herren geht, der plötzlich auftaucht, dann ist der Kalong gar vielmehr Vampir als Tier, brandgefährlich und schleunigst zu erlegen.


Kurz: Der weisse Kalong, die zentrale Figur im gleichnamigen Theaterstück des Aargauer Jungautors János Moser, ist offensichtlich mehr als einfach nur ein weiteres ausgestopftes Wildlife-Exemplar im angestaubten Museum. Er wird zum Stein des Anstosses für die Forscherwelt, zum blutrünstigen Monster in den Augen des Vampirjägers und zum Objekt der Begierde für einen jungen Hilfsassistenten. Man schützt und jagt und hasst und liebt das exotische Wesen aus dem fernen Borneo und gerät einander darob ganz grausig in die Haare.

Naturama von neuer Seite
Zwölf Schauspielerinnen und Schauspieler der Theatergruppe der Alten Kanti Aarau – verstärkt durch Kollegen der Neuen Kanti Aarau und der FMS – bringen «Der weisse Kalong» ab Freitag neunmal zur Aufführung. Die Räumlichkeiten des Naturama seien ideal für das «abstrus-komische» Theaterstück, findet Theaterleiter Heinz Schmid. «Wir bespielen insgesamt acht verschiedene Räume, darunter den nachgebauten Bergwerkstollen, das Entrée und den Mühleberg-Saal. Das Publikum wird das Naturama von einer völlig neuen Seite erleben können.»


Seit August arbeitet Schmid mit Co-Leiterin Andrea Santschi und den Kantischülern intensiv auf die Première hin. Kommts gut? «Noch streichen wir Sätze, kämpfen mit der Technik und feilen an Feinheiten – aber ja!», lacht Schmid. Er freut sich auf das Stück: «Alles, was vorkommt, könnte in Wirklichkeit fast passieren. Das macht es spannend und ein bisschen unheimlich.»


Tiefgang oder Tralala
Schwere Themen oder tiefgehende Vielschichtigkeit dürfe man aber nicht erwarten. «Das Stück ist primär unterhaltend», findet der Theaterleiter. Wirklich? Frage an die Theatertruppe: Fehlts dem Stück an Tiefgang? «Gar nicht», findet Schauspieler Michel von Känel. «Da wäre zum Beispiel die ganze Umweltproblematik und die Frage, ob man gewisse Dinge oder Wesen nicht einfach besser in der Natur lässt, statt sie ins Museum zu stellen.» Vampirjäger Luca Schmutz erkennt im Stück gar eine Grundsatzdebatte über die menschliche Wertehierarchie. «Wer ist überhaupt wie viel Wert? Sind Menschen wirklich ‹höher› als Tiere und Dinge?» Und Marina Cavegn, die den weissen Kalong verkörpert, meint: «Das Stück stellt uns schliesslich alle vor die Frage, was Menschsein denn überhaupt bedeutet.»


Fazit: Unterhaltung: Check! Tiefgang: Check! Vielschichtige Interpretationsebenen: Check! Ein spannender Theaterabend scheint garantiert.

«Der weisse Kalong», Theatergruppe der Alten Kanti Aarau im Naturama: 19./20./21./26./27./28.2 und 2./4./5.3.,
jeweils um 20 Uhr. Eintritt frei, Kollekte.
Voranmeldung erforderlich:
larissa.fritsch@bluewin.ch, 079 839 76 68