Oberentfelden
Kampfwahl gegen amtierenden Ammann: «Viele Ideen wurden einfach abgeblockt»

Warum es Markus Bircher (FDP) auch auf eine Kampfwahl gegen Oberentfeldens amtierenden Gemeindeammann ankommen lassen hätte. Markus Werder (SVP) tritt unter den gegebenen Umständen nicht mehr an.

Ueli Wild
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Markus Bircher: Chef eines Elektro-Unternehmens – und ab nächstem Jahr auch der Gemeinde Oberentfelden?

Markus Bircher: Chef eines Elektro-Unternehmens – und ab nächstem Jahr auch der Gemeinde Oberentfelden?

Ueli Wild

In Oberentfelden will der Vizeammann Markus Bircher (FDP) Gemeindeammann werden. Das gibt zu reden, weil Bircher damit eine Kampfwahl gegen den amtierenden Ammann Markus Werder (SVP) ins Auge fasste. Dazu kommt es aber nicht, weil Werder unter diesen Umständen nicht mehr antritt. «Für solche Spiele», sagte Werder, «biete ich keine Hand.» Die FDP Bircher hat nominiert. Konkurrenz ist keine in Sicht. Im Interview erklärt der 55-Jährige, warum er kandidiert und wie er die Gemeindepolitik sieht.

Herr Bircher, weshalb wollen Sie gerade jetzt Gemeindeammann werden? Warum wollten Sie den amtierenden Ammann Markus Werder angreifen?

Markus Bircher: Die erste Frage allein wäre einfacher zu beantworten. Da könnte ich sagen: Vom Alter her. Ich bin seit acht Jahren Gemeinderat und ich bin Vizeammann. Es wäre eigentlich der richtige Zeitpunkt. Aber das allein ist es nicht. Als Unternehmer bin ich ein Typ, der entscheiden will, der etwas mitgestalten will, der manchmal auch etwas ändern will. Das ist zusehends schwieriger geworden. Darum habe ich mir gesagt: Entweder muss ich aufhören oder ich werde selber Ammann, damit es möglich wird, etwas zu ändern. Zudem hat mich der jetzige Gemeindeammann verschiedentlich selbst aufgefordert, dass ich halt als Ammann kandidieren solle, damit ich es besser machen könne.

Zur Person

Oberentfeldens Vizeammann Markus Bircher (FDP, 55) ist seit acht Jahren Gemeinderat. Er ist verheiratet und Vater einer erwachsenen Tochter und eines erwachsenen Sohns. Der frühere Leiter der Technischen Betriebe ist heute Chef und Besitzer der Elektro Strub AG. Das Unternehmen mit Niederlassungen in Kölliken, Oberentfelden, Rupperswil und Safenwil beschäftigt 35 Personen. Markus Bircher entspannt sich gerne am Sonntagmorgen auf dem Entfelder Golfplatz. Wenn möglich schwingt er jeweils am Dienstag mit seiner Frau zusammen das Tanzbein. Im Tanzclub sind Standardtänze und Latin angesagt.

Können Sie konkretisieren, was zusehends schwieriger geworden ist?

Wir sind zu einer Verwaltung geworden. Natürlich hat das auch mit den fehlenden Finanzen zu tun. Trotzdem: Viele Ideen wurden einfach abgeblockt. Schnell hiess es jeweils: «Das geht nicht, das ist Gesetz.» Oder: «Das haben wir vor zehn Jahren schon probiert und es hat nicht funktioniert.»

Sie wollen den Führungsstil ändern?

Das ist richtig. Es geht mir um den Umgang mit den Leuten. Auch an der Gmeind. Da hat man sich zum Teil gegenseitig hochgeschaukelt. Als Ammann muss man sich hier aber zurückhalten. Mir war da gelegentlich echt nicht wohl, am liebsten wäre ich auch schon davongelaufen. Man muss reden miteinander. Da möchte ich etwas verbessern.

Wie ist jetzt die Atmosphäre im Oberentfelder Gemeinderat?

Es ist schon etwas heikel. Im Moment spürt man tatsächlich ein gewisses Unbehagen und man ist vielleicht etwas vorsichtiger oder zurückhaltender bei der Wortwahl – im Bemühen, dass es nicht am Ende eskaliert.

Gibt es unter den Ratsmitgliedern
eine Gruppenbildung?

Nein, diesen Eindruck habe ich nicht. Natürlich hat nicht jedes Ratsmitglied verstanden, dass man gegen den bisherigen Ammann antritt. Es liegt nun selbstverständlich an mir, die Wogen zu glätten, und ich werde alles dafür tun, dass wir das restliche Amtsjahr in Ruhe zu Ende führen können. Im Übrigen finde ich es ganz toll, dass wir nach der Gemeinderatssitzung immer noch alle zusammen essen gehen. Was an der Sitzung war, ist dann vergessen. Wir sprechen über Gott und die Welt und nicht über vorher besprochene Traktanden.

Markus Werder hat gesagt: «Wenn einer glaubt, es besser machen zu können, soll er es tun.» – Was wollen Sie in politischer Hinsicht besser machen als er?

Eines will ich klar festgehalten haben: Er hat nicht alles falsch gemacht. Ich sage auch nicht, dass man – oder eben ich – es besser machen könnte. Ich sage: Ich will es anders machen. Ich möchte anders auf die Leute zugehen, sie anhören und mitreden lassen. Ich will andere Meinungen hören und akzeptieren.

Das Hauptproblem der Gemeinde sind die Finanzen.

Richtig. So schlecht sieht es (mit dem Rechnungsabschluss 2016) zwar nicht aus. Aber es kann jedes Jahr wieder ändern. Und wir haben noch keinen Franken zur Seite legen können, um die Schulden abzutragen.

Im Gegenteil, die Schulden steigen stetig. Haben Sie konkrete Vorstellungen, wie sich das ändern lässt?

Es gibt ja eigentlich nur zwei Möglichkeiten. Zum einen die Senkung der Ausgaben und zum anderen die Erhöhung der Einnahmen. Nur, was hier so einfach tönt, ist es in Tat und Wahrheit nicht. Wir sind halt nicht der Kanton, der die Kosten einfach eine Stufe nach unten, sprich auf die Gemeinde, abwälzen kann. Nebst alljährlich steigenden Sozialausgaben kommt ein weiteres Problem auf uns zu. Neu sollen wir auch für die Kosten der säumigen Krankenkassenprämienzahler aufkommen. Hunderttausende von Franken, die der Kanton den Gemeinden auferlegt. Solche Kosten müssen wir in den Griff bekommen. Und was die zweite Möglichkeit – mehr Einnahmen – angeht, werden wir wohl in den nächsten paar Jahren nicht um eine moderate Steuerfusserhöhung herumkommen. Schliesslich kann man eine Gemeinde auch zu Tode sparen.

Aber bei den Ausgaben gibt es noch Spielraum, den Sie ausloten wollen?

Selbstverständlich. Aber da braucht es Mut und Durchhaltewillen. Natürlich haben wir alle einmal zu den verschiedenen Gesetzen ja gesagt, aber da muss etwas geschehen. Ein Beispiel: Anerkannte Flüchtlinge müssen nach fünf Jahren von der Gemeinde übernommen werden, vorläufig aufgenommenen nach sieben Jahren. Da kommt etwas auf uns zu. Das ist ein Fass ohne Boden. Da müssen wir versuchen, Gegensteuer zu geben.

Wie beurteilen Sie das Projekt «Lohn statt Sozialhilfe»?

Ich finde es eine gute Sache. Es hat sich auch gut angelassen. Aber in der Gemeinde hat es deswegen ein bisschen rumort. Es gab auch personelle Wechsel, die teils damit zu tun hatten. Vielleicht hat man falsch oder zu wenig informiert. Es ist im Moment noch zu früh, um beispielsweise beurteilen zu können, ob das Projekt potenzielle Zuzüger, die dann von der Sozialhilfe leben, abhält – weil sie wissen, dass sie unter Umständen arbeiten müssen. Auf den Abschreckungseffekt hoffen wir schon ein wenig. Eine Zeit lang hatten wir das Gefühl, die Blöcke bei uns würden gefüllt mit Sozialhilfebezügern – weil man in Entfelden grosszügig ist und sie hier nichts tun müssen.

In Oberentfelden gibt es natürlich günstigen Wohnraum.

Ja, wir haben ein paar ältere Quartiere. Die sind schon ein wenig unser Problem. Entgegen kommt uns nun in Sachen Bevölkerungsstruktur, dass eines der Blockquartiere komplett saniert und damit teurer wurde. Es wurden Kündigungen ausgesprochen und jetzt leben neue Mieter in den Wohnungen. Wir hoffen natürlich, dass nun nicht mehr wie früher Leute kommen, die vom Sozialdienst abhängig sind.

Oberentfelden zählt zu jenen Gemeinden, die im Fusionsprojekt Zukunftsraum Aarau noch dabei sind. Wie stehen Sie zu dieser Idee?

Ich finde das Projekt gut. Mit Unterentfelden hätten wir schon lange fusionieren wollen. Doch Unterentfelden wollte nicht. Es schadet darum nichts, das Ganze einmal in einem grösseren Kontext zu prüfen. Ob es 2020 oder 2021 wirklich zu einem Ja kommt und ob ich dann selber für eine Fusion sein werde, kann ich jetzt noch nicht sagen. Ich kann es mir aber vorstellen. Ich bin grundsätzlich offen für Neuerungen. Diese müssen wir aber sehr genau prüfen. Und mit dem jetzigen Vorgehen passiert ja genau das.

Im Mai stimmt Unterentfelden über den Verbleib im Zukunftsraum ab. Steigt die Nachbargemeinde aus, befindet sich Oberentfelden in einer schwierigen Situation.

Das ist richtig. Darum haben wir intern auch gesagt: Wenn Unterentfelden aussteigt, müssen wir über die Bücher. In dieser Form müssten wir das Ganze dann wohl begraben. Es macht wohl keinen Sinn, dass wir separat dabei sind.

Sehen Sie alternativ zum Zukunftsraum Wege, die Beziehung zu Unterentfelden weiter zu intensivieren?

Es bestehen schon sehr viele Beziehungen. Zum Teil solche, die Probleme machen. Denken wir etwa an die Schule – oder ans Schwimmbad. Wenn eine Gemeinde Ja sagt, die andere Nein, und deswegen etwas nicht zustande kommt, ist es schwierig. Darum bin ich gar nicht so sehr fürs Zusammenarbeiten. Es gibt zugegebenermassen auch Kooperationen, die funktionieren. Die Feuerwehr ist ein gutes Beispiel dafür. Vielleicht auch darum, weil hier – mit beiden Entfelden und Muhen – drei Gemeinden beteiligt sind. Darum sage ich: Wieso nicht sich gleich im Grossen zusammentun?

Sie deuten an, die Kreisschule mache Probleme. Der Versuch der Gemeinderäte, auf die Finanzen mehr Einfluss nehmen zu können, scheiterte, weil sich der Kreisschulrat nicht selber abschaffen wollte. Glauben Sie, dass die Entfelder Schule strukturelle Reformen braucht?

Unbedingt. Das bestehende Konstrukt funktioniert nicht. Es reden alle irgendwo ein wenig drein. Ich finde nach wie vor, der Kreisschulrat müsse abgeschafft werden. Darum wäre eine Fusion eben schon eine Lösung. Wenn es mit dem Zukunftsraum nicht klappt, müsste man daher noch einmal versuchen, wenigstens mit Unterentfelden ins Gespräch zu kommen. In einem fusionierten Entfelden bräuchte es keinen Kreisschulrat mehr.

In einem fusionierten Entfelden gäbe es demnach weniger Probleme als bei der aktuellen Zusammenarbeit?

Das ist meine Meinung.

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