Der Entscheid des Regierungsrates, die «Juraweid» oberhalb Biberstein an Pro Natura Aargau und die Gemeinde Biberstein zu verkaufen, sorgt in bäuerlichen Kreisen für Unmut und Unverständnis. So auch bei Landwirt Ernst Beyeler aus Oberflachs. Beyeler stört sich daran, dass Pro Natura den Zuschlag für den 41,5 Hektaren grossen Betrieb samt Restaurant erhalten hat, obschon die Naturschutzorganisation keinerlei Leistungsausweis in der Landwirtschaft habe.

Und die vier Bauern, welche die «Juraweid» ebenfalls gerne gekauft hätten, gingen leer aus: «Das ist ein Affront», sagt Beyeler, «die Bauern, die sich beworben haben, mussten nachweisen, dass sie in der Lage sind, den Betrieb nachhaltig als Vorzeigebetrieb weiterzuführen. Die Pro Natura konnte und musste gar nichts beweisen.» Beyeler macht zudem ein grosses Fragezeichen hinter die landwirtschaftliche Kompetenz von Pro Natura.

Mit Sven Dermon aus Biberstein haben die neuen Besitzer auch bereits einen Pächter gefunden. Er erhält einen Vertrag über 15 Jahre. Und auch Wirt Dominique Gerber soll weiter auf der «Juraweid» wirten. Doch Kritiker Ernst Beyeler bleibt skeptisch. Er fürchtet, dass Pro Natura vor allem die Natur schützen wird und der landwirtschaftlichen Produktion keine grosse Beachtung schenkt. «Das ist hart, für alle Bauern, die dort oben gerne richtige Landwirtschaft betreiben möchten.»

Geschickt eingefädelt

Auch Ralf Bucher, Geschäftsführer beim Bauernverband Aargau, hätte es lieber gesehen, wenn eine junge Bauernfamilie die «Juraweid» hätte erwerben können. Er sei mit dem Entscheid des Kantons «überhaupt nicht glücklich». Es sei «schon speziell», wenn eine Naturschutzorganisation einen Bauernbetrieb besitze. «Ein geschickt eingefädelter politischer Entscheid», konstatiert Bucher. Er wünscht sich, dass Pro Natura ihren Auftrag ernst nimmt und auf der «Juraweid» nicht nur Landschaftspflege betreibt, sondern in erster Linie nachhaltige Landwirtschaft, um Nahrungsmittel zu produzieren.

Pro Natura ist die grösste private Grundeigentümerin im Kanton. Sie verfügt auch über die Mittel, um Landkäufe tätigen zu können. Auch das stösst im Fall der «Juraweid» einigen Bauern sauer auf. Scheinbar locker kann die Pro Natura den Kaufpreis von 2,4 Millionen Franken aufbringen, was ihr hinter vorgehaltener Hand auch den Vorwurf der Preistreiberei eingebracht hat. Dass die Gemeinde Biberstein sich ebenfalls am Kauf beteiligt, stösst hingegen auf keine Kritik. Im Gegenteil: Dass die Bibersteiner freiwillig die Steuern erhöhen, um sich die «Juraweid» leisten zu können, wird auch von kritischen Bauern anerkennend vermerkt.

«Der Landwirtschaftsbetrieb wird nachhaltig weitergeführt», versichert Pro-Natura-Geschäftsführer Johannes Jenny. «Wir nutzen Synergien zwischen Landwirtschaft und Naturschutz.» Vorgesehen ist eine extensive Nutzung mit Mutterkuhhaltung und Milchwirtschaft. Ein Teil des Fleisches bleibt auf der «Juraweid» – und zwar in der Beiz und landet dort auf den Tellern der Gäste. «Wir haben sicher nicht die Absicht, auf der Juraweid nur noch Blüemliwiesen zu pflegen. Wir wollen und werden produzieren. Aber ökologisch und nachhaltig und unter Berücksichtigung der Biodiversität.» Um die landwirtschaftliche Kompetenz zu erhöhen, soll neu ein Landwirt im Vorstand der Pro Natura Einsitz nehmen.

Auch die neuen Besitzverhältnisse sind für Johannes Jenny kein Problem: Die Gemeinde Biberstein ist zu einem Drittel an der «Juraweid» beteiligt. «Alle wichtigen Entscheidungen müssen einstimmig gefällt werden. Sonst entscheidet ein Schiedsgericht.»

Völlig nachvollziehbar

«Es wundert mich nicht, dass der Verkauf an Pro Natura und die Gemeinde Biberstein in bäuerlichen Kreisen auf Unverständnis gestossen ist», sagt Matthias Müller, Leiter Landwirtschaft beim Kanton. Diese Irritation sei völlig nachvollziehbar. Doch die Angst, dass Pro Natura auf der «Juraweid» künftig nur noch Naturschutz betreiben werde, sei nicht berechtigt.

Das vorgelegte Konzept überzeuge, die Käuferschaft erfülle die Voraussetzungen des Regierungsrates. Aber eine explizite Garantie oder gar eine rechtliche Verpflichtung, dass die «Juraweid» für immer ein landwirtschaftlicher Betrieb bleibt, gibt es nicht. «Eine ethisch-moralische Verpflichtung aber schon», betont Müller.

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