Auenstein/Veltheim

Jura-Cement-Werkleiter: «Ein Nein wäre eine Katastrophe»

Marcel Bieri (54) ist seit 2011 Werkleiter bei der Jura-Cement-Fabriken AG in Wildegg. Das Bild zeigt ihn auf dem neusten Zementlagersilo in Wildegg, im Hintergrund ist der Steinbruch zu sehen.

Marcel Bieri (54) ist seit 2011 Werkleiter bei der Jura-Cement-Fabriken AG in Wildegg. Das Bild zeigt ihn auf dem neusten Zementlagersilo in Wildegg, im Hintergrund ist der Steinbruch zu sehen.

Marcel Bieri, Werkleiter der Jura-Cement-Fabriken AG, nimmt vor den Schicksalsabstimmungen zur Steinbruch-Erweiterung in Auenstein und Veltheim Stellung.

Es ist ruhig auf dem Gelände der Jura-Cement-Fabriken AG (JCF) in Wildegg. Der Januar, kein typischer Baumonat und deshalb nicht absatzstark, wird für die grosse Revision genutzt. Seit bald 130 Jahren wird hier in Wildegg Zement hergestellt.

Wie lange noch? Das entscheiden die Stimmberechtigten von Auenstein und Veltheim nächste Woche, wenn sie über die geplante Steinbruch-Erweiterung (Teilnutzungsplanungsrevision) abstimmen.

Fürs Foto steigt Werkleiter Marcel Bieri auf das 60 Meter hohe Zementsilo. Es fasst 15000 Tonnen Zement, was etwa einem Wochenbedarf entspricht. Der 15 Mio. Franken teure Bau wurde 2013 fertiggestellt; es ist die bislang letzte grosse Investition, welche die JCF auf ihrem Gelände getätigt hat.

Der Zement werde ausschliesslich in die Schweiz geliefert, vor allem ins Mittelland, nach Zürich und in die Innerschweiz, sagt Marcel Bieri. «Ökonomisch und ökologisch macht es Sinn, in erster Linie die regionale Kundschaft zu bedienen. Der Transport erfolge derzeit etwa zu 60 Prozent per Lastwagen und zu 40 Prozent per Bahn.

Das benötigte Material kommt aus den Steinbrüchen Oberegg und Jakobsberg. Dort, wo der Abbau schon beendet ist, wird wieder aufgefüllt. Die einst 30 Meter tiefe Grube in der Oberegg enthält schon sämtliches Material aus dem Bözberg-Tunnelbau; das Aushubmaterial aus dem Gubrist-Tunnelbau wird noch bis etwa Ende Jahr angeliefert, zurzeit etwa 2000 Tonnen pro Tag.

Danach folgt wahrscheinlich das Material aus dem Bau des Kerenzerbergtunnels, einem Sicherheitsstollen am Walensee. «Mit diesem Material würde noch ein Anteil Kalk angeliefert, den wir für die Zementproduktion verwenden könnten», so Bieri.

Das Aushub-Material wird per Bahn nach Wildegg geliefert und mit einem 2,5 km langen Förderband vom Werk in die Steinbruchgrube transportiert. 2030 soll die Wiederauffüllung abgeschlossen sein und die Oberegg rekultiviert werden. Zunächst stehen aber die zukunftsweisenden Gemeindeversammlungen vom 22. und 23. Januar in Veltheim und Auenstein an.

Die JCF fährt im Abstimmungskampf gross auf: mit einer emotionalen Broschüre, Schöggeli und einer Website extra für die Steinbrucherweiterung. Haben Sie Angst vor einem Nein?

Marcel Bieri: Ich glaube an ein Ja, aber wir müssen die Mehrheit, die positiv gestimmt ist, dazu bewegen, an die Gemeindeversammlungen zu gehen. Denn: Die Gegner mobilisieren ganz sicher. Für uns geht es aber ums Überleben. Ein Nein wäre eine ökonomische und ökologische Katastrophe.

Erklären Sie.

Wir haben im jetzigen Abbaugebiet nur noch Rohstoffe bis zirka 2022. Schon jetzt strecken wir sie, indem wir von extern Rohstoffe zuführen. Als wir 2013/14 realisiert haben, dass ein neuer Steinbruchstandort politisch nicht machbar ist, entschieden wir, die bestehenden Steinbrüche zu erweitern. Was nun vorliegt, ist bereits der Plan B. Mit der Erweiterung hätten wir eine Perspektive für die nächsten 20 bis 25 Jahre.

Klappt das nicht, müssen wir den Betrieb hier in wenigen Jahren einstellen – dann verlieren nicht nur fast 140 Mitarbeitende ihren Job, es fallen auch Abbauentschädigungen für die Gemeinden und Steuergelder weg. Und: Der Zement muss dann von weit her importiert werden. Zum Beispiel aus Deutschland, von wo aus er mit Sicherheit per Lastwagen angeliefert wird.

In beiden Gemeinden ist ein Rückweisungsantrag geplant, verbunden mit der Auflage, auf einen Teil der Erweiterungen zu verzichten. Sind Sie kompromissbereit?

Die Vorlage ist so, wie sie jetzt daherkommt, bereits ein über fünf Jahre ausgearbeiteter Kompromiss. Wir hätten gerne noch mehr abgebaut, sahen aber ein, dass wir Zugeständnisse machen mussten. Was jetzt vorliegt, ist das Minimum dessen, was wir brauchen, um weitere Investitionen rechtfertigen zu können.

Selbst wenn die Gemeinden Ja sagen, kann die Teilnutzungsplanungsrevision von den Einsprechern angefochten werden. Und es braucht noch ein Abbaubewilligungsverfahren. Das alles kann, wenn man es durch alle Instanzen zieht, locker fünf Jahre dauern. Sie sind spät dran.

Ja. Rein rechnerisch reichen die zwei bis drei Jahre – bis zum Ende der jetzigen Abbaubewilligung beziehungsweise der Rohstoffvorräte – nicht. Wir haben die Dauer der demokratisch-politischen Prozesse unterschätzt.

Selbstverständlich hoffen wir darauf, dass der Instanzenweg nicht beschritten wird und wir nicht noch mehr externes Rohmaterial zur Überbrückung zuführen müssen. Eine Erweiterung des Steinbruchs gäbe uns eine Perspektive für 20 bis 25 Jahre, die auch Investitionen rechtfertigen würde.

Danach ist entweder Schluss – oder es findet sich in der Zwischenzeit ein neuer, politisch machbarer Steinbruchstandort. In den Steinbrüchen Jakobsberg und Oberegg würde aber höchstens bis 2045 abgebaut und danach bis 2050 aufgefüllt und renaturiert.

Viele Steinbruchgegner in Auenstein und Veltheim fühlen sich verschaukelt – man habe ihnen versichert, es gebe keine Erweiterungen mehr, sagen sie. Warum sollen sie Ihnen jetzt glauben?

Das haben wir meines Wissens nie so gesagt, es wurde höchstens so interpretiert. Ich gebe den Gegnern aber mein Wort: Dies ist ganz klar die letzte Erweiterung.

Was unternehmen Sie gegen die Emissionen?

Wir strengen uns in allen Belangen an, um die Emissionen so gering wie möglich zu halten. Wir setzen gezielt Verbesserungen um. Zum Beispiel beim Förderband: Wenn da eine Rolle quietscht, wird sie sofort ersetzt.

Was den Staub angeht, zeigen die Messungen, dass dieser im Normalfall gar nicht weit zu den Siedlungen geweht werden kann. Bei einer Messstelle am Rande des Steinbruchs bei der Au konnten wir nachweisen, dass durch gezielte Massnahmen das Staubaufkommen durch den Werksverkehr um einen Drittel reduziert werden konnte.

Punkto Erschütterungen nehmen wir jetzt viel weniger hohe Wandsprengungen vor und setzen fast ausschliesslich auf Flächensprengungen. Für die Mergelschichten kommt praktisch nur die Fräsmaschine zum Einsatz. Das geht bei den Kalkschichten in der Regel leider aus verschiedenen Gründen nicht. Sicher ist, dass die Sprengungen im Kalk künftig mit kleineren Bohrlöchern und weniger Sprengstoff schonender durchgeführt werden.

Die Gegner kritisieren, dass die JCF ihre Erschütterungsemissionen selber misst und die Daten dem Kanton liefert. Da kann man tricksen…

Das tun wir aber nicht. Und um das Vertrauen zu stärken, werden die Messungen künftig extern begutachtet.

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