Wenn er höre, wie sein Mandant dargestellt werde, sagte der amtliche Verteidiger, «scheint mir, als würde der Teufel in Person hier sitzen.» (Im Folgenden wird deshalb der 20-jährige Eritreer, der sich letzte Woche vor dem Bezirksgericht Aarau zu verantworten hatte, «Diavolo» genannt.) Diavolo, erklärte Staatsanwalt Mathias Eberli, sei «ein ganz schwieriger junger Mann», der immer wieder negativ auffalle, vor allem, wenn er mit seinen Freunden auf öffentlichen Plätzen herumhänge und Alkohol trinke. Einer, der immer wieder gewalttätig werde. «Und», so der Staatsanwalt, «wenn es zu einer Schlägerei kommt, kennt er nichts.» Diavolos Benehmen wirke «relativ archaisch». Dabei sei der hagere junge Mann nicht einmal ein kürzlich eingereister Asylsuchender wie manche seiner Freunde. Nein, vor neun Jahren ins Land gekommen verfüge der im Westaargau wohnhafte Bursche über eine Aufenthaltsbewilligung C («Niederlassung»). Eberli legte Diavolo zahlreiche strafbare Handlungen zur Last: mehrfachen Raufhandel, einfache Körperverletzung, Diebstahl und Hausfriedensbruch. Dafür forderte der Staatsanwalt eine unbedingte Freiheitsstrafe von 2 Jahren und 6 Monaten.

Bahnhofunterführung Aarau

Begangen hat Diavolo die zu beurteilenden Taten teils in Zürich, teils in Aarau. So war er am 11. November 2016 in der Aarauer Bahnhofunterführung in eine Schlägerei zwischen zwei Eritreer-Gruppen verwickelt. Die Beteiligten gingen mit Holzknebeln, Hosengürteln und Stein aufeinander los. Gemäss Anklageschrift drosch Diavolo auf drei Widersacher ein. Einen brachte er mit einem wuchtigen Tritt gegen die Beine zu Fall und peitschte mit dem Hosengurt noch heftig auf den am Boden liegenden ein, als bereits Sicherheitskräfte vor Ort waren. Diavolo bestritt den Sachverhalt nicht, meinte aber, er sei stark betrunken gewesen. Allerdings wurde damals bei ihm bloss eine Blutalkoholkonzentration von 0,7 Promille gemessen.

Dealer am Balänenweg vermöbelt

Auch dass er Mitte Januar 2016 am Balänenweg einen Dealer übel zugerichtet hatte, bestritt Diavolo nicht. Laut Anklageschrift hatte der Dealer, ein Schweizer, dem Beschuldigten oder einem seiner Freunde Marihuana für vielleicht 100 Franken verkauft, das Geld dafür aber nie gesehen. Als er den Schuldner wieder traf, forderte der Dealer Geld. Es kam zu einem Wortgefecht, das in eine tätliche Auseinandersetzung mündete, bei welcher der Dealer – zwar von kräftiger Statur, aber sturzbetrunken – unterlag. Diavolos Wirken hinterliess Spuren: gebrochenes Nasenbein, Schürfwunden an Hinterkopf, Ellenbogen und Knie, Platzwunde an der Oberlippe, Prellungen an Auge, Bein sowie an der Wirbelsäule. Als er von seinem Widersacher abliess, machte sich Diavolo aus dem Staub und liess das Opfer im Schnee liegen.

Diavolo gab zu, schon 2015 in zwei Schlägereien in Zürich verwickelt gewesen zu sein. In der Europaallee provozierten 10 bis 15 Eritreer eines Nachts drei junge Männer, indem sie deren Begleiterin «Nutte» hinterher riefen. Die Eritreer vermöbelten die Begleiter der beleidigten Frau nach Noten. An der Hohlstrasse passten Diavolo und mehrere Kumpane beim Verlassen der Ferrari-Bar zwei eritreischen Landsleuten ab. Die beiden hatten gegen die Übermacht keine Chance. Auch sie zogen mit Rissquetschwunden und Prellungen von dannen. Die beiden Opfer wurden vom Bezirksgericht zwar befragt, doch die Hintergründe der Keilerei blieben im Dunkeln.

Leicht erkennbar waren sie dagegen bei einem Vorfall, der sich anlässlich der Street Parade 2015 in der Bäckeranlage, ebenfalls in Zürich Aussersihl, zutrug. Einer von Diavolos Freunden hatte an einen Baum gepinkelt, weswegen ihn ein Passant zur Rede stellte. Ein Wort gab das andere und als genügend Eritreer im Kreis herum standen, flogen die Fäuste. Der Passant kassierte mehrere Faustschläge gegen den Kopf sowie Fusstritte gegen die Beine und ging benommen zu Boden. Als er sich wieder aufgerappelt hatte, traf ihn ein faustgrosser Stein am Kopf.

Diavolo hielt sich damals zwar in der Bäckeranlage auf. Doch Beweise dafür, dass er sich aktiv an der Schlägerei beteiligte, hatte der Staatsanwalt keine. Diavolo behauptete, während des Tumults friedlich geschlafen zu haben. Der Staatsanwalt bezeichnete das als unglaubhafte Schutzbehauptung. Schliesslich habe Diavolo selber in anderem Zusammenhang ausgesagt: «Wenn meine Freunde fighten, kann ich sie doch nicht im Stich lassen.» Der Verteidiger hielt ihm entgegen, es sei nicht Aufgabe des Beschuldigten, eine glaubwürdige Story zu erzählen – die Staatsanwaltschaft müsse die Schuld beweisen.

Hausverbot bei Coop

Aufgrund des vorliegenden Geständnisses musste der Diebstahl einer Daunenjacke in der Lacoste-Filiale am Zürcher Rennweg nicht mehr bewiesen werden. Ebenso wenig der Hausfriedensbruch, den Diavolo beging, als er die Coop-Filiale in der Aarauer Bahnhofunterführung betrat, obschon er Hausverbot für alle Coop-Filialen hatte. Aus dem Plädoyer des Staatsanwaltes ging schliesslich hervor, dass Diavolo eben erst per Strafbefehl rechtsgültig verurteilt wurde – wegen eines Vorfalls, der sich im April dieses Jahres beim Bahnhof Aarau ereignete. Vier Passanten wurden dort beschimpft und provoziert. Zwei Frauen, die schlichten wollten, wurden mit je einem Faustschlag eingedeckt. Und zuletzt, so Mathias Eberli, sei Diavolo anscheinend bei einer Schlägerei mit ein paar Schweizern im Zug auf Höhe Aarburg «erneut in Erscheinung getreten». Hier gelte vorerst aber noch die Unschuldsvermutung.

Diavolos Verteidiger, der Zürcher Anwalt Daniel Bosshardt, kritisierte, es seien elementare Verteidigungsrechte missachtet worden. Er beantragte eine bedingte Freiheitsstrafe von 21 Monaten bei einer Probezeit von vier Jahren. Diavolo habe eben wieder eine Lehre begonnen, und wenn er ins Gefängnis müsse, verliere er die Lehrstelle. Die Rückfallgefahr sei dann viel grösser als beim bedingten Strafvollzug.

Zürcher Urteil wird vollzogen

Das Gericht unter dem Vorsitz von Gerichtspräsident Andreas Schöb sprach Diavolo in allen Punkten schuldig – ausser im Fall Bäckerstrasse. Es verurteilte ihn zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von 21 Monaten. Der ihm von der Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat in einem früheren Verfahren gewährte bedingte Strafvollzug wird widerrufen. Bezahlt Diavolo die 2700 Franken (90 Tagessätze zu je 30 Franken) nicht, muss er weitere drei Monate sitzen. Die Zivilklage des in der Bäckeranlage von Eritreern attackierten Passanten wies das Gericht ab, nachdem es Diavolo in diesem Punkt mangels Beweisen freigesprochen hatte.