Aarau

Junge Pfadfinderin: «Wir orientieren uns mit der Karte, checken den Standort aber mit dem Handy»

Rainer Hoffmann (Till, 78) mit Melina Germann (Aquelli, 22) erzählen über ihre Erlebnisse in der Pfadi.

Rainer Hoffmann (Till, 78) mit Melina Germann (Aquelli, 22) erzählen über ihre Erlebnisse in der Pfadi.

Die Pfadi Adler Aarau ist 100-jährig – Vertreter von zwei Pfadi-Generationen zeigen die Unterschiede von gestern zu heute.

Die eine ist die aktuelle Abteilungsleiterin der Pfadi Adler Aarau, die dieses Jahr das 100-Jahr-Jubiläum feiert. Der andere trat dieser Abteilung vor über 70 Jahren bei. Zwischen den Pfadierlebnissen von Melina German/Aquelli (22) und Rainer Hoffmann/Till (78) liegen mehr als ein halbes Jahrhundert. Wir wollten wissen: Ist die Pfadi von heute noch dieselbe wie 1950?

Die Frage kann nicht sofort geklärt werden. Abteilungsleiterin Melina Germann ist im Prüfungsstress und hat Verspätung. Sie studiert nicht nur Kommunikation, sondern arbeitet noch 80 Prozent in einem Büro. Dazu managt sie die Abteilung Adler Aarau mit 211 Mitgliedern.

Rainer Hoffmann, der nicht nur Pfadi war, sondern als Kadettenmajor am Maienzug 1956 zuvorderst marschierte, dann Grenadier-Kompaniekommandant war und schliesslich 40 Jahre lang Chirurg, ist schon da. Er zieht die Augenbrauen hoch. Es gibt keinen Zweifel: Till mag gute Organisation.

Er zeigt ein paar seiner alten Pfadihefte. Oft ist er gezügelt und hat dann einmal seine Vinyl-Plattensammlung weggeworfen – aber nie seine Pfadihefte: «Das sind die Tagebücher meiner Jugendzeit», erklärt er, «ein wichtiger Teil meines Lebens.»

Wie war die Pfadi früher?

Till: Wir haben Verbrecher gejagt, Seilbrücken gebaut und Schätze gesucht. Ich kenne den ganzen Wald beim Pfadiheim auswendig. In den Lagern gab es Fahnenaufzüge in Achtungstellung. Wir hatten einen Lagerleiter, der am Ende rief: «Allzeit bereit, ab ad Arbet!» Dieser Lagerleiter war spitze.

Trotz des Militärischen?

Till: Ja! Das hat uns nicht gestört. Freiheiten hatten wir trotzdem.

Die Abteilungsleiterin trifft ein. Zeit, die alten und modernen Begriffe zu klären: Eine «Aktivität» gibt es heute an Samstagnachmittagen, keine «Übung» mehr. Aus den Pfadiführern wurden Leiter. Nur die Abteilung heisst noch immer Abteilung.

Und das «Antreten» ist noch nicht überall einem neutralen Begriff gewichen. «Aber wir stehen heute nicht mehr der Grösse nach ein, sondern in einem Kreis und sagen unseren Ruf», sagt Melina Germann.

Till: Ideologisches Zeugs! Ich sag’s jetzt halt direkt. Bei den Rovern (Pfadis ab 17 Jahren) hiess der Leitspruch «Kämpfen und dienen». Und heute: «Bewusst handeln». Was heisst denn das? Heute ist die Pfadi anti-militärisch geworden.

Aquelli: Militärisch ist die Pfadi schon lange nicht mehr, aber jetzt haben wir auch die Begriffe angepasst, die in fremden Ohren schräg tönen: Antreten, Übung, Führer.

Till: Aus dem Militär ist die Pfadi halt entstanden, Baden Powell brauchte die Buben im Burenkrieg 1899/1900 in Südafrika als Späher und Aufklärer.

Als er die Boy Scouts in England gründete, wollte Baden Powell ihnen eine sinnvolle Beschäftigung geben. Das ist lange her. Etwas, was so alt ist wie die Pfadi, ist auch etwas altmodisch.

Aquelli: Nein, überhaupt nicht! Die Pfadi ging mit der Zeit. Geländespiele zum Beispiel machen wir aber immer noch, einfach weil es megalässig ist und Action. Seilbrückenbauen auch – weil, so was lernt man ja nicht in der Schule.

Was ist neu?

Aquelli: Wahrscheinlich hat man nicht mehr so viele Freiheiten. Die Sicherheit ist wichtiger. Und die Leiterausbildung. An einer Aktivität gibt es eine Einstimmung, einen Hauptteil und einen Ausklang. Und das Leben in der Gruppe, das schon immer zur Pfadi gehörte, versuchen wir bewusster umzusetzen.

Tönt das fremd in Ihren Ohren, Rainer Hoffmann?

Till: Nein, das tönt gut. Auch wenn wir das nicht so schulmässig gemacht haben. Man lernt damals wie heute, ein Lager zu organisieren, eine Kochstelle zu bauen oder eine Latrine. Ich glaube, es ist schon noch recht viel gleich.

Abgesehen vom Achtungstehen während des Fahnenaufzugs?

Aquelli (lacht): Das würde nicht mehr gehen heute. Wir wollen heute, dass die Kinder Spass haben.

Till: Da möchte ich etwas fragen: Habt ihr Handyverbot?

Aquelli: Ja, haben wir.

Till: Finde ich super!

Und doch, im Notfall habt ihr überall Handyempfang. Kam das Abenteuer der Pfadi abhanden?

Aquelli: Nein, aber auf diese Sicherheit kann man nicht verzichten. Wir orientieren uns zwar noch mit der Karte, aber wenn wir uns verlaufen, checken wir den Standort mit dem Handy. Teilweise bauen wir die neue Technologie ein.

Ein Beispiel?

Aquelli: Kürzlich filmten sich die Jungs dabei, wie man auf dem Feuer etwas kocht. Sie machten ein Tutorial, so eine Anleitung, wie es sie auf Youtube gibt. Und dann zeigten sich die Gruppen die Filme gegenseitig. Das war lustig!

Till: Wir waren oft an der Grenze der Sicherheit in der Pfadi. Man darf die Grenze einfach nicht überschreiten! Unfälle sind oft ein Problem der Führung.

Welches war dein grösstes Abenteuer?

Till: Als ich einen Pfadi aus dem Fluss retten musste. Wir waren im Lager in St.-Ursanne und haben im Doubs gebadet. Da trieb es einen von uns weg und ich wusste, dass er nicht schwimmen kann. Ich habe ihn gepackt, aber konnte ihn nicht ans Ufer bringen. Es trieb uns durch die Stromschnellen. Ich hielt ihn einfach, damit er nicht ertrinkt. Ich war 12 oder 13 Jahre alt. Da kamen ältere Pfadi und rannten dem Ufer entlang und halfen uns raus. Das habe ich nie vergessen. Er auch nicht.

Aquelli: Heute dürfen Pfadi nicht in einen Fluss, wenn nicht genügend Lebensretter dabei sind.

Wie habt ihr das Gepäck ins Lager transportiert damals?

Till: Wir schickten es mit der Bahn zum nächsten Bahnhof und holten es dort mit Leiterwagen ab. Das ging gut. Aber schlimm war es bei der Rückkehr aus dem Bundeslager 1956 in Saignelégier. Es regnete in Strömen, der Abteilungsleiter hatte verschlafen…

Aber nicht der, der den strengen Fahnenaufzug machte?

Till: Nein, dem wäre das nicht passiert. Wir packten chaotisch zusammen und rannten auf den Zug. Bourbaki-Armee in Reinkultur!

Sind die Lager heute immer noch chaotisch manchmal?

Aquelli: Chaostage gibt es immer mal wieder. Aber wir transportieren alles mit Kleinbussen, welche die Eltern von manchen Mitgliedern besitzen.

Hattet ihr früher Kontakt zur Mädchen-Pfadi?

Till: Nein, zu meiner Zeit nicht. Meine Frau war in Baden in der Pfadi, aber damals kannte ich sie noch nicht. Aber religionsgemischt waren wir. Ich erinnere mich an einen, der zur Konkurrenz, zur Pfadi der katholischen St.Georg hätte gehen sollen und zufällig an dem Nachmittag mit uns mitgelaufen ist und dann einfach Adler blieb. Obwohl seine Mutter katholisch war.

Ist die Pfadi heute geschlechtergemischt?

Aquelli: Bei den Wölfen sind die Gruppen gemischt, auf der Pfadistufe nicht. Aber mehr von der Tradition her. Nur die Sommerlager sind gemischt.

Till: Auch in den Zelten?

Aquelli: Nein, da nicht. (lacht)

Till: Wir haben immer alle mitgenommen, auch die Schwachen. Nur Migrantenkinder hatten wir keine. Ist das heute anders?

Aquelli: Ja, wir haben ungefähr die Durchmischung einer Aarauer Schulklasse.

Ist der Fussball nicht populärer bei Migrantenkindern, weil vom Fussball viele Vorbilder bekannt sind?

Aquelli: Schon möglich. Es ist auch so, dass die Pfadi im Ausland mancherorts schon noch nicht so modern ist wie bei uns und daher bei Migranten ein verstaubtes Image hat.

Fehlen euch grosse Vorbilder? Baden Powell taugt wohl eher nicht zum Influencer.

Aquelli: Ich glaube, die grossen Vorbilder sind die Leiter. Wir bekommen von den Pfadis Likes auf Instagram und sind mit ihnen auf Facebook befreundet. Im Internet zeigen wir auch den Eltern, was wir machen.

Das Anschlagbrett, wo man in der Stadt den Besammlungsort nachschauen ging, hat sich verändert…

Aquelli: Im Sommerlager gibt es noch ein Anschlagbrett. Und irgendwann hat niemand mehr Akku auf dem Handy. Wobei, mit den Powerbanks heutzutage reicht der Strom recht lange. Aber Laptops haben wir keine dabei, das Programm ist ausgedruckt, wenn wir draussen zelten.

Was ist das Beste an der Pfadi?

Aquelli: Das Abenteuer, die Action.

Till: Genau. Als Teilnehmer auf jeden Fall. Als Leiter lernt man noch mehr. Es gab einen tollen Zusammenhalt, der blieb bis heute.

Aquelli: Man findet Freunde fürs Leben. Denn es gibt so viele Erinnerungen, die uns zusammenschweissen, ganz egal, was das für Personen sind. Es gibt alle Persönlichkeiten in der Pfadi.

Sind Pfadis nicht alle wild?

Aquelli: Wir haben auch ruhige Mitglieder. Ich finde es schön, dass man nicht in einen Topf springen muss, wenn man Pfadi ist.

Till: Gibt es die Übereschauklete noch (Übertritt von den Wölfen zur Pfadistufe, Anm. d. R.)?

Aquelli: Ja, und sie heisst auch noch so.

Till: An meine Übereschauklete erinnere ich mich genau. Man musste in der Nacht alleine durch den Wald laufen. An jeder Wegkreuzung stand ein Leiter mit einem Kerzlein in der Hand. Da komme ich zu Tiger und der sagt: «Es geht da weiter, aber zuerst will ich dir etwas zeigen.» Er hebt das Kerzlein vors Gesicht, bläst es aus und sagt: «Grad so wird auch dein Leben einmal ausgehen.» Ich war ein 5.-Klässler, das hat mir Eindruck gemacht. Heute, wo es nun dem Ende des Lebens zugeht, denke ich manchmal wieder an diesen Tiger mit dem Kerzlein. – Noch etwas interessiert mich: Habt ihr noch Abzeichen? (zeigt eines)

Aquelli: Dieses nicht, aber wir haben Abzeichen fürs Feuermachen zum Beispiel oder farbige Schnüre an der Uniform, wenn man Leiter wird.

Till: Aha, das ist eine militärische Einteilung – dass ihr das noch dürft!

Beide lachen.

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