Aarau
Junge IV-Bezüger machen Lehre bei Migros: Eine «Stiftin» erzählt

Die Gränicherin Nicole Imfeld ist erleichtert. Obwohl die 19-Jährige Geld von der IV bezieht, kann sie eine Ausbildung zur Detailhandelassistentin machen. Diese unterscheidet sich kaum von der Ausbildung eines gesunden Menschen, so die Lehrmeisterin.

Josua Bieler
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Nicole Imfeld in der Molkereiabteilung der Migros-Filiale Igelweid.

Nicole Imfeld in der Molkereiabteilung der Migros-Filiale Igelweid.

Josua Bieler

«Nur für Personal» steht an einer orangen Türe in der Migros-Filiale Igelweid. Die 19-jährige Nicole Imfeld öffnet sie, denn als Praktikantin im Detailhandel gehört sie zum Personal. Darüber ist sie extrem glücklich. Zwei Jahre hat Imfeld nicht gearbeitet und ist nicht zur Schule gegangen. Sie durchlebte eine schwere Zeit, nachdem ihr Vater gestorben ist. Damals war sie 16 Jahre alt. Sie schloss die Schule in Gränichen noch ab und begann eine Ausbildung als Coiffeuse, obwohl sie psychisch angeschlagen war. Das wurde zu viel und sie fiel in ein Loch, war zeitweise in der Klinik und musste ständig betreut werden. Seither ist die Gränicherin auf IV-Gelder angewiesen.

Arbeit in der kühlen Molkerei

Doch darüber will Nicole Imfeld jetzt nicht mehr sprechen. Sie will nach vorne blicken, neu anfangen. Deshalb öffnet sie diese orange Türe, die ins Lagerhaus führt. Sie läuft den langen Gang entlang bis zum Kühlraum der Molkerei. Hier beginnt ihre Arbeit morgens um 6.30 Uhr. Sie nimmt Lieferungen entgegen und rollt die Waren in den Laden. Dann ist Imfeld dort, wo sie am liebsten arbeitet: mitten unter den Leuten.

Während die junge Frau die Milchprodukte in die Gestelle einräumt, würden kommen immer wieder Kunden mit Fragen. Gibt es gerade keine Arbeit mehr, dann hilft sie gerne in anderen Abteilungen aus. «In der Teigwarenabteilung ist es schön warm.» Im Gegensatz zur «Molki», wo sie sich zuerst fünfzehn Minuten an die kühle Temperatur gewöhnen müsse.

Eine Arbeit liebt Imfeld besonders: «Mit Adleraugen kontrolliere ich das Verkaufsdatum der Produkte. Wenn ein Produkt nicht mehr lange haltbar ist, klebe ich einen 50-Prozent-Kleber darauf.» «Das mache ich besonders gerne, gell», sagt sie zu einer Mitarbeiterin und lacht.

Imfeld fühlt sich wohl im Migros-Team. «Ich schätze, dass die Migros so sozial ist», sagt sie. Den Wiedereinstieg in die Berufswelt habe sich dank der Migros wesentlich erleichtert.

Nicole Imfeld hatte sich ohne grosse Erwartungen für einen Eignungstest der Migros Aare in Bern angemeldet. Sie dachte, das wird wohl nichts, denn seit zwei Jahren war sie nicht mehr in der Schule und hatte, als sie noch die Schulbank drückte, grosse Mühe mit Rechnen.

Doch Imfeld hatte sich unterschätzt. Sie bestand den Eignungstest und schnupperte einen Monat in der Migros. «Dort hat sich der Knopf gelöst», sagt sie heute.

Nun arbeitet sie noch bis im Juli als Praktikantin. Im August beginnt sie die zweijährige Grundbildung zur Detailhandelassistentin. «Ich hätte auch die 3-jährige Lehre zur Fachfrau machen können», fügt sie hinzu. Aber sie wolle diesmal vorsichtig beginnen, und nicht den gleichen Fehler wie bei der Ausbildung zur Coiffeuse machen. «Ich kann mich dann nach den zwei Jahren zur Detailhandelfachfrau weiterbilden», so Imfeld.

«Stifte sind besonders motiviert»

Neben Nicole Imfeld werden in der Migros Igelweid zwei weitere Personen mit einer Leistungseinschränkung ausgebildet. Betreut werden sie von Bea Märki und Brigitte Gavez. Märki sagt: «Die Ausbildung unterscheidet sich kaum von der Lehre eines ganz gesunden Menschen.» Lernende mit psychischen Problemen würden einfach stärker durch die Ausbildung begleitet. Sie erlebt ihre «Schützlinge» als besonders motiviert: «Sie wollen die Chance unbedingt packen und sind der Migros sehr dankbar», sagt Märki.