Fünfundzwanzig Franken hatte Melanies (Name geändert) neue Handyhülle gekostet. Im Juni 2013 stiess die damals 18-Jährige auf der Website shoppingarea.ch auf das Accessoire mit der Bezeichnung «Schlagring-Handyhülle». Das Hartplastikteil gefiel Melanie, schliesslich liefen auch Popstar Rihanna oder Schauspielerin Cameron Diaz damit herum. Melanie drückte also auf «Bestellen». Es wäre ihr zu diesem Zeitpunkt nie in den Sinn gekommen, dass sie zweieinhalb Jahre später deswegen vor dem Bezirksgericht Aarau sitzen würde, beschuldigt der Widerhandlungen gegen das Waffengesetz. Corpus Delicti: die Handyhülle.

Ist die Hülle eine Waffe?

Vor rund einem Jahr ging die Polizei gegen mehrere Firmen vor, die in der Schweiz Schlagring-Handyhüllen vertreiben. Die Zürcher Kantonspolizei gelangte an die Kundenliste der Webplattform shoppingarea.ch und eruierte jeden, der eine entsprechende Hülle gekauft hatte – darunter Melanie.

Als die junge Frau 2015 eine Vorladung von der Polizei erhielt, hatte sie längst ein neues Handy mit einer anderen Hülle. Schon bei der ersten Einvernahme durch die Kantonspolizei sagte die Kioskverkäuferin, sie habe zwar gewusst, dass der Kauf von richtigen Schlagringen in der Schweiz verboten sei, aber sie habe nicht daran gedacht, dass das auch für eine Handyhülle gelten könnte.

«Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich sie niemals gekauft», sagte die schüchtern wirkende junge Frau denn auch diese Woche vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau sah das offenbar anders. Sie warf Melanie vor, fahrlässig und ohne Berechtigung eine Waffe erworben zu haben. «Sie verkannte, dass es sich bei einem Schlagring um einen verbotenen Gegenstand handelt.

Dieses Verbot wäre für die Beschuldigte bei entsprechenden, zumutbaren Abklärungen ohne weiteres erkennbar gewesen», heisst es im Strafbefehl, mit dem Melanie zu einer Busse von 200 Franken und zur Übernahme der Gebühren in Höhe von 400 Franken verdonnert worden war und den sie angefochten hatte.

«War halt gerade modern»

Die Einvernahme vor Gericht dauerte nur wenige Minuten. Viel sagte Melanie nicht, immer wieder blickte sie hilfesuchend zu ihrer Verteidigerin. Warum sie eine Handyhülle gekauft habe, die aussehe wie ein Schlagring, wollte Gerichtspräsidentin Bettina Keller von Melanie wissen. «Das war halt damals gerade modern, sah gut aus und war zudem praktisch zum Halten des Handys», antwortete Melanie.

Ihre Verteidigerin legte der Gerichtspräsidentin einen ganzen Ordner mit Bildern vor, die Gegenstände in Schlagring-Form zeigten: von der Gürtelschnalle über den Kafitassligriff bis zum Stiletto. Die Botschaft: «Das sind keine Waffen. Es geht nur um den Look. Ob dieser ethisch wertvoll ist, sei dahingestellt.»

Laut Gesetz wird eine Waffe dadurch definiert, dass sie dazu bestimmt ist, Menschen zu verletzen – «und nicht Gegenstände, die theoretisch dazu geeignet wären», sagte die Verteidigerin. «Schliesslich darf auch jeder mit einem Hammer oder einer Säge herumlaufen.» Eine Handyhülle habe eine «klar definierte zivile Funktion» als Schutz des Geräts und als Accessoire. Sie könne nicht verstehen, so Melanies Anwältin, dass die Polizei «aus einer Handyhülle eine verbotene Waffe macht».

Auch kritisierte die Verteidigerin, dass sich die Staatsanwaltschaft auf einen Test der Zürcher Polizei beruft. Dort habe irgendjemand – man wisse nicht einmal genau, wer, – mit einer vergleichbaren Handyhülle zweimal auf einen Türrahmen geschlagen und das Accessoire dann als Waffe klassiert. Dieser «Schnellschuss aus einer Polizeiwerkstatt» halte einer Untersuchung nicht stand.

Insgesamt sei die Handyhülle aufgrund ihres Designs ungeeignet für Schläge: «Ich hoffe, dass auch beim Staatsanwalt beim Anblick des kleinen, feinen Plastikrähmchens Zweifel hochgekrochen sind», so die Verteidigerin. Wenig überraschend verlangte sie einen Freispruch für ihre Klientin: «Sie ist eine anständige junge Frau und verdient es nicht, wegen nichts im Strafregister als Verurteilte eingetragen zu werden.»

Kosten zahlt der Staat

Gerichtspräsidentin Keller kam dem Antrag nach und sprach Melanie frei. Das Bundesgericht definierte Waffen so, dass deren «überwiegende Zweckbestimmung» das Verletzen von Menschen sei – und dass diese Klassifizierung eher restriktiv ausgelegt werden müsse. Die Handyhülle sei demnach keine Waffe.
Melanie kommt nun nicht nur um ihre Busse herum, auch ihre Anwaltskosten und die Kosten für das Verfahren übernimmt die Staatskasse. Die von der Polizei beschlagnahmte Handyhülle erhält Melanie zurück – ganz ohne Vorweisen eines Waffenscheins.