Aarau
Jung, zornig, illegal und voller Tatendrang: Das sind Aaraus Protesttänzer

«Der Sonntag» hat die anonymen Aarauer Protesttänzer namens Nachttänzer_innen getroffen. Diese haben für den 22. September in Aarau zum nationalen Protesttanz aufgerufen. Dabei treten sie bewusst anonym auf. Wofür stehen sie, was wollen sie?

Stefan Künzli
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Anonym: Frida und Günther im Aarauer Rathaus-Park.

Anonym: Frida und Günther im Aarauer Rathaus-Park.

Emanuel Freudiger

Plötzlich war es da: «Wir möchten mit dir Kontakt aufnehmen und stehen für Fragen zur Verfügung», heisst es in dem Mail, das mit Nachttänzer_innen unterzeichnet ist. Die Mailschreiber geben sich als die Organisatoren des «Nächtlichen Tanzvergnügens 2.0» aus, das am 22. September in Aarau durchgeführt wird (siehe Kasten). Bedingung für das Treffen mit dem «Sonntag»: «Wir wollen anonym bleiben», schreibt Lisahans Irgendwas.

Wir treffen uns im Rathaus-Park hinter dem Kunsthaus und dem Grossrats-Gebäude in Aarau. Im Rasen sitzen zwei junge Erwachsene. Das müssen sie sein. Sie stehen auf, gehen auf mich zu und stellen sich als Frida und Günther vor. Der Park als Treffpunkt ist bewusst gewählt. Er steht für einen öffentlichen Raum, den die Aarauer Nachttänzer_innen Frida und Günther, aber auch andere Protesttänzer in Bern, Basel, Zürich und Chur bedroht sehen. Die rothaarige Frida stellt klar: «Wir wollen nicht einfach Party machen und uns besaufen. Was wir machen, hat eine politische Aussage, ist eine politische Aktion.»

«Der Freiraum wird kleiner»

Es geht um die zunehmenden Konflikte um die Nutzung im öffentlichen Raum. «Dieser Freiraum wird immer kleiner», erklärt Günther und zieht seine Schirmmütze noch etwas tiefer ins Gesicht. Es gehe um die zunehmende Überwachung, um eine allgemeine Zunahme der Verbotskultur, immer rigorosere Lärmbeschränkungen und erhöhte Polizeikontrollen. Vor allem Jugendliche und junge Menschen seien davon betroffen. «Wir werden immer wieder und ohne Grund kontrolliert, betatscht, schikaniert und gefilzt», beklagt sich Frida, «das ist manchmal ziemlich entwürdigend». Deshalb ist das «Nächtliche Tanzvergnügen» unbewilligt und soll auch ohne Bewilligung bleiben. Und deshalb wollen die Nachttänzer_innen auch anonym bleiben. «Wir können doch nicht jene um Erlaubnis fragen, die Mitschuld am Verschwinden kultureller und politischer Freiräume sind. Das wäre unsinnig und absurd», sagt Günther. «Wir wollen diesen Freiraum mit unseren Mitteln erschaffen und wollen, ja müssen ihn uns erkämpfen», ergänzt Frida. «Mit dem ‹Nächtlichen Tanzvergnügen› gewinnen wir den Freiraum zumindest temporär für uns. Alle sind eingeladen, alle sind willkommen, die keine rassistische, sexistische oder homophobe Ansichten haben.»

Nächtliches Tanzvergnügen 2.0

Die Aarauer Protesttänzer, die Nachttänzer_innen, versprechen am 22. September «eine lange, heisse Nacht in Aarau. Via Facebook laden sie alle ein, feiernd und tanzend durch Aarau zu ziehen, um sich einen temporären Freiraum zu erkämpfen. Treffpunkt ist um 20.30 Uhr im Kantipark der Alten Kantonsschule. Die Organisatoren bauen auf die Mobilisierungskraft des Internets. Geplant ist ein nationaler Tanzprotest. Zum Live-Wagen, einem DJ-Wagen, einer fahrenden Bar kommt jetzt neu noch ein Dub-Reggae-Dancehall-Dubstep-Wagen.

Frida und Günther sind keine politischen Heisssporne. Sie argumentieren ruhig, überlegt und aus einer echten Betroffenheit heraus. Beide sind gut zwanzigjährig und wohnen in der Region Aarau. Frida beginnt bald mit einem Studium, Günther hat soeben eine Lehre beendet. Beide stehen also mit beiden Beinen im Leben, und trotzdem fordern sie und das Kollektiv der Nachttänzer_innen den Staat, die Staatsgewalt und das politische System heraus. Mehr noch: «Wir lehnen den Staat und den Rechtsstaat ab», sagt Günther dezidiert. «Wir möchten frei sein in dem, was wir machen. Wir wollen unser Zusammenleben selber ordnen und brauchen dazu den Staat nicht», ergänzt Frida, «es geht uns um grenzenlose Entfaltung und wir sind der Meinung, dass der Staat brachliegendes Potenzial durch seine ständigen Einschränkungen abwürgt und zerstört».

Keine Forderungen an den Staat

Auf das kulturelle Angebot übertragen heisst das: «Wir möchten einen Freiraum, in dem Experimente möglich und erwünscht sind. Wo neue Sachen ausprobiert werden können, die auch mal schiefgehen dürfen, ohne dass Köpfe rollen müssen. Wir wollen selbstbestimmt lernen, lieben und leben», erklärt Günther, «und weil wir den Staat ablehnen, stellen wir auch keine Forderungen an den Staat. Wir wollen kein Geld und keine Unterstützung, nur Freiraum, eine Nische, die auch ohne Subventionen funktioniert.» Günther trägt ein T-Shirt der «Antifaschistischen Aktion». Er wehrt sich aber, als ich ihn und die Nachttänzer_innen der Linken zuordnen will. «Wir haben den gemeinsamen Konsens, dass wir gegen Rassismus, Homophobie und Sexismus sind. Sonst sind wir jedoch ein bunter Haufen», sagt Günther.

Immerhin bestreitet er keine Verbindungen zur linksautonomen Anti-Faschismus- zur Hausbesetzer-Szene und der Szene um das alternative Internetportal www.aargrau.ch. «Wir sind politisch heterogen, wollen frei sein und uns frei entfalten können», erklärt Frida. Das tönt nach der alten FDP-Parole «Mehr Freiheit, weniger Staat». Frida widerspricht aber heftig. «Wir lassen uns parteipolitisch nicht einordnen und bewegen uns ausserhalb dieses Systems», erklärt sie weiter. «Anarchistisch?» «Naja ...». «Libertär?» Die beiden schauen sich zögernd an. «Am ehesten.» Zumindest sympathisieren die beiden mit der Idee dieser politischen Philosophie, in der der Staat nicht über den einzelnen Menschen bestimmen darf und die den Staat überwinden und durch freie Selbstorganisation des Menschen ersetzen will.

«Macht aus dem Staat Gurkensalat», hiess es bei den 80er-Protesten. Auch damals ging es um selbstverwalteten, autonomen Freiraum. Die heute renommiertesten Kultur-Clubs wie die Rote Fabrik, das KiFF und andere sind Resultat dieser Bemühungen. Doch die 80er haben sich längst mit dem Staat arrangiert und sind etabliert. Unsere Nachttänzer_innen anerkennen die Leistung der 80er. «Das war sicher ein grosser Schritt», sagt Günther, «das KiFF ist eine nette Sache, auf seine Weise funktioniert es sicherlich gut, dies reicht uns aber bei Weitem nicht. Wir haben unsere eigene Kultur, wollen sie selber gestalten und sie für alle zugänglich machen.» Und Frida fügt hinzu: «Wir sind konstruktiv, wir wollen nicht zerstören, sondern aufbauen.»

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