Suhr
Jugendslang verständlich: Sie schreiben über all die Genies in Suhr

In ihren Porträts geben die zwei jungen Dorfschreiber Einblick in die Welt der Jugendlichen. Plötzlich wird der Jugendslang verständlich: Sie haben ein Lexikon kreiert, das die heutige Jugendsprache erklärt.

Barbara Vogt
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Rücken an Rücken: Die Dorfschreiber Severin Obrist und Ursina Mühlethaler präsentieren sich auf einem Bänkli vor den Suhrer Schulanlagen.

Rücken an Rücken: Die Dorfschreiber Severin Obrist und Ursina Mühlethaler präsentieren sich auf einem Bänkli vor den Suhrer Schulanlagen.

Pascal Meier

Die zwei Dorfschreiber sind in vielem unterschiedlich: Ursina Mühlethaler, 16, quirlig, voller sprudelnder Ideen, angehende Buchhändlerin. Severin Obrist, 15, zurückhaltend, aber voller Schalk, Bezirksschüler. Er macht Aikido, geht in die Pfadi. Sie liest, musiziert, tanzt, ist Pfadfinderin. Etwas haben sie gemeinsam: Sie lieben den Suhrerkopf. Und als Schreiberlinge ergänzen sie sich wunderbar. Ursina schreibt, Severin betreut das Facebook und das «Tscheggsikon».

«Tscheggsikon»? Die zwei Jugendlichen haben ein Lexikon kreiert, in dem sie Wörter oder Brocken der heutigen Jugendsprache erklären (neben stehender Text). Das sei für alle Nichtjugendlichen empfehlenswert, sagen Ursina und Severin verschmitzt. In jeder Ausgabe der Dorfpublikation «SuhrPlus» veröffentlichen sie einige Häppchen Jugendsprache. Daneben porträtieren die Dorfschreiber junge Menschen aus dem Dorf. Genies, Talente, Künstler, Sportangefressene, Musikjunkies, Streber, Migranten.

Der Dorfschreiber: Autor, Theater, Comic-Zeichnerin

Die Gemeinde Suhr leistet sich seit einigen Jahren einen Dorfschreiber. Dieser schreibt, zeichnet berichtet und unterhält die Bevölkerung ein Jahr lang. Der erste Dorfschreiber 2011 war Schriftsteller Andreas Neeser. Illustratorin und Comic-Zeichnerin Kati Rickenbach löste ihn ab. Als Zürcherin beleuchtete sie Suhr mit einem «Blick von aussen». 2013 war das Theater Marie an der Reihe: Es organisierte eine Hörschnitzeljagd durch das Huggler-Areal. (bA)

In ihren Beiträgen wollen die Dorfschreiber die Vielseitigkeit, die in Suhr herrscht, aufzeigen. Die einzige Vorgabe, die Ursina und Severin von der für den Dorfschreiber verantwortlichen Kultur- und Bibliothekskommission erhalten haben: Die Interviewpartner sind zwischen 11 und 17 Jahre alt.

Spontane Lebensweise

Zum Amt des Dorfschreibers kamen Ursina und Severin beinahe wie die Jungfrau zum Kind. Die Schule startete eine Anfrage, ob jemand für ein Jahr lang gerne Suhrer Menschen beschreiben würde. Zum Schluss blieben sie als Einzige, da sagten sie zu. «Machen wir mal, schaden kanns nicht», dachte sich Severin, als er schliesslich dem Amt als Dorfschreiber zustimmte. So wie er es stets handhabe in seinem Leben: Lieber machen als gross studieren. Er lebe gerne spontan in den Tag hinein. Welchen Beruf er gerne erlernen möchte? «Informatiker», sagt er und seine Augen leuchten.

«Tscheggsikon»: Jugendslang wird verständlich

Die Jungen haben einen Slang drauf, den Ältere nicht mehr verstehen. In ihrem «Tscheggsikon» erklären die Dorfschreiber Ursina und Severin die Ausdrücke. Hier einige Beispiele.

Swag (Suääg): Die gängige Bezeichnung für eine besonders coole Ausstrahlung. Möglicherweise leitet sich der Begriff vom englischen «to swagger» (prahlen, stolzieren) ab. Gemäss einer Auslegung wurde «swag» hingegen aus den Anfangsbuchstaben von «Secretly, we are gay» («Insgeheim sind wir schwul») gebildet und in den 1960er-Jahren in der Schwulenszene von Los Angeles als Codewort benutzt. Seit der deutschen Coverversion des Songs «Turn my swag on» von Soulja Boy ist «swag» auch im deutschsprachigen Raum bekannt.

Yolo (Jolo): Aus den Anfangsbuchstaben der Phrase «You only live once» (Man lebt nur einmal) gebildetes Kunstwort. Es beinhaltet die Aufforderung, eine Chance zu nutzen beziehungsweise etwas Aussergewöhnliches, auch Unvernünftiges zu riskieren, da man ja nur einmal lebt. «Yolo» wurde 2012 zum Jugendwort des Jahres gewählt.

Lmao (El em ei ou): Ein Kunstwort, gebildet aus den Anfangsbuchstaben von Wörtern eines ganzen englischen Satzes. Ausgeschrieben bedeutet Lmao «Laughing my ass off», zu Deutsch: Ich lach mir den Arsch ab. Oder weniger vulgär: Ich lach mich kaputt. Lmao wird vorwiegend in der geschriebenen Sprache verwendet – immer dann, wenn man etwas unfassbar lustig findet.

Hashtag (Häschtäg): Dient als Verschlagwortung der sozialen Netzwerke. Früher wurde der Ausdruck vor allem bei Twitter verwendet, heute ist «Hashtag» praktisch bei jedem Netzwerk gängig, um die Suche nach Wörtern innerhalb eines Netzwerks zu erleichtern. (bA)

Ursina lebt in Gränichen, besuchte aber die Bez in Suhr. Sie schreibt fürs Leben gerne. «Ich schreibe, also bin ich», heisst ihr Lebensmotto. Immer und überall kritzelt sie ihre Gedanken in ihr Notizbuch. Sie habe schon viele Bücher angefangen zu schreiben, und als Schülerin habe sie selbst geschriebene Gedichte in die Bäume gehängt.
Ihre Interviewpartner haben sich Ursina und Severin gemeinsam ausgesucht. «Wir kennen viele Jugendliche in Suhr und sind durch Zufall auf interessante Menschen gestossen.»

Bis im Frühjahr 2014 werden sie einmal pro Monat ein Porträt veröffentlichen. Zwei sind bereits erschienen. Im ersten Beitrag erzählt die junge Flavia Bindschedler von ihrem Traum als Musical-Solosängerin. «Ein Leben zwischen Dur und Moll» handelt von Sophie Holma, die mit ihren 15 Jahren auf dem besten Weg zur berühmten Pianistin ist. Auf Facebook postet Severin Bonusmaterial wie Fotos, Videos oder Audiofiles und betreut einen Blog. Zum Schluss ihrer Amtszeit haben die zwei Dorfschreiber etwas besonders vor, sie wollen mit allen Porträtierten einen Anlass auf die Beine stellen.

Schriftsteller hilft beim Schreiben

Beim Schreiben und Verarbeiten ihrer Texte sind Ursina und Severin frei. Anregungen erhalten sie vom ersten Dorfschreiber und Schriftsteller Andreas Neeser – er lebt mittlerweile in Suhr. Seine Kritik sei stets wohlgemeint, sagt Ursina und ergänzt mit einem Augenzwinkern: «Er bremst mich, wenn ich mit meinen Texten wieder einmal überborde und kurz vor der Klippe stehe.»