Sie sitzen sich am Tisch gegenüber, bei Kerzenschein. Laute Musik, rotes Licht. Er lächelt, hört ihr zu. Sie verschränkt die Arme. Ursina und Daniel treffen sich zum ersten Mal. Doch damit ist die Romantik bald einmal zu Ende. Denn Daniel und Ursina sind sich ganz und gar nicht einig. Sie haben kein gewöhnliches Date, sondern debattieren über das Stimmrecht für Ausländer.

Daniel: «Warum lassen sich Ausländer nicht einfach einbürgern, wenn sie mitbestimmen wollen?» Ursina: «Wie viele Beispiele kennst du, wo die Einbürgerung einfach geklappt hat?» – «Bei den Secondos und Terzos, die hier aufgewachsen sind, geht das problemlos. In unserer Gemeinde habe ich es genau einmal erlebt, dass ein Bewerber die Bedingungen nicht erfüllt hat.»

Ursina (19) aus Gränichen und Daniel (50), Grossrat aus Birmenstorf, waren am ersten «Speed-Debating» im Aargau. Im «Roschtige Hund» in Aarau diskutierten Jugendliche zwischen 14 und 26 Jahren mit zwölf Gross- und Nationalräten. Organisiert wurde der Abend vom Vorstand des Jugendparlamentes in Zusammenarbeit mit Loris Cera und Colin Walder – die Studenten haben schon mit «Grillplausch»-Politdebatten auf sich aufmerksam gemacht. Sie wollen Jugendliche für Politik begeistern – auf eine neue Art: Die Atmosphäre am «Speed-Debating» war locker, es gab Bier, Chips und Pizza. Alle duzten sich.

Parteien erst am Schluss

Und die Politiker wurden nicht mit Parteizugehörigkeit vorgestellt – dies sollte erst am Schluss des Abends verraten werden. «Wenn du Parteinamen hörst, bist du von Anfang an voreingenommen», sagt Laura Rufer (21), Präsidentin des Jugendparlamentes. «Das wollen wir nicht, wir wollen persönliche Gespräche zwischen Jugendlichen und Politikern.» Und das gelingt. An den runden Tischen gibt es hitzige Debatten über Cannabis-Legalisierung, Energiepolitik, das Schulsystem.

Von apolitischer Jugend keine Spur. Im Gegenteil – manche sind fast zu politisch. Etwa Fabian (15) und Mick (15) aus Birmenstorf, Mitglieder der Jungfreisinnigen. Sie engagieren sich für ein Referendum gegen das Geldspielgesetz. «Die Lehrer hatten gar keine Freude, als wir sie in der Pause nach ihrer Unterschrift fragten», so Fabian. «Sie meinten, das sei völlig unangebracht, dabei haben wir sie als Privatpersonen gefragt – und nicht etwa die anderen Schüler indoktriniert.» Sie hätten schon ein wenig provozieren wollen, gibt Fabian zu, denn: «Viele Lehrer lassen gar nicht mit sich diskutieren. Sie finden einfach, ihre Meinung sei richtig, und damit ist die Debatte zu Ende.»

Anders beim «Speed-Debating». Da sprachen die Jungfreisinnigen mit Noch-Nationalrat Jonas (40) aus Baden. «Er ist schon nicht so ganz auf unserer Linie», sagt Mick. Dennoch hat Jonas die beiden kritischen Geister überzeugt: «Wir haben offen geredet, ohne dass uns das Gefühl gegeben hätte, wir hätten keine Ahnung», so Fabian.

«Ich bin ein politischer Mensch»

Jonas heisst mit vollem Namen Jonas Fricker, in Aarau trat er erstmals seit seinem Rücktritt aus dem Nationalrat öffentlich auf. Jonas sagt: «Für mich war klar, dass ich trotzdem ans Speed-Debating komme, ich bin und bleibe ein politischer Mensch.» Bis am 27. November macht er seine Arbeit als Nationalrat: «Das Tagesgeschäft läuft bis dann normal weiter. Die persönliche Aufarbeitung des Rücktritts ist aber noch nicht abgeschlossen.» So hat Jonas auch noch keine Pläne geschmiedet für die Zeit danach: «Da ist noch alles offen und alles möglich.»

Der Abend endete mit der Wahl der Politiker, die am meisten «politischen Sex-Appeal» bewiesen hatten. Die drei besten bekamen eine Rose. Auf dem zweiten Rang landeten dabei gemeinsam Agnes Weber und Maja Riniker. Zum Sieger und «Dating-König» gekürt wurde – Jonas Fricker. «Das ist jetzt aber eine schöne Überraschung, vielen Dank», freute er sich. Doch auch die restlichen Politiker gingen nicht leer aus: Für jeden gab es ein Paar weisse Socken, gefüllt mit Süssigkeiten.