Aarau
Jolie-Effekt: Zahl der Krebsrisiko-Tests am Kantonsspital hat sich verdreifacht

Weil bei ihr das Risiko für Brustkrebs besonders hoch ist, hat sich Filmstar Angelina Jolie 2013 für eine Brustamputation entschieden. Ein «Angelina-Jolie-Gen» gibt es auch bei Männern, wie am «Onko-Tag» des KSA zu erfahren war.

Urs Helbling
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Liess sich beide Brüste amputieren: Schauspielerin Angelina Jolie.

Liess sich beide Brüste amputieren: Schauspielerin Angelina Jolie.

Keystone

Es hat die Menschen, ganz speziell die Frauen weltweit bewegt, als Angelina Jolie (heute 41) im Mai 2013 bekannt gab, sie habe sich aus Angst vor Krebs vorsorglich beide Brüste abnehmen lassen. Sie habe den Eingriff vornehmen lassen, weil sie ein defektes Gen namens BRCA1 in sich trage, das ihr Risiko für Brust- und Eierstockkrebs erheblich erhöhe.

Seither gab es in den Spitälern eine deutliche Zunahme der Gentests. «Auch im Kantonsspital Aarau», erklärte gestern Professor Andreas Huber, Chefarzt am Institut für Labormedizin. Er referierte im Rahmen des «Onko-Tags», mit dem sich das Kantonsspital Aarau (KSA) als Krebsklinik profilierte.

Bereits 15 700 Gentests am KSA

Andreas Huber sprach, ausgehend vom Fall des Hollywoodstars, nicht primär über gleich gelagerte Gendefekte bei Frauen, sondern er nahm sich des anderen Geschlechts an. Der Titel seines Vortrags lautete: «Gibts es ein Angelina-Jolie-Gen bei Männern?» Und die Antwort des Professors war klar. «Ja, es gibt ein Angelina-Jolie-Genpendant bei Männern.»

Im Fall von Angelina Jolie heisst das Hochrisiko-Gen BRCA. Veränderungen im BRCA1- oder BRCA2-Gen lösen mit grosser Wahrscheinlichkeit Brust oder Eierstockkrebs aus. Laut Andreas Huber erkranken zwischen acht und zwölf Prozent der Frauen an Brustkrebs. Haben sie eine Mutation im BRCA1-Gen, so steigt die Brustkrebs-Wahrscheinlichkeit auf 50 bis 80 Prozent. Auch Männer könnten Brustkrebs haben, aber es sind nur etwa 0,1 Prozent der Population davon betroffen. Bei BRCA1-Mutationen steigt das Risiko auf 1 bis 2 Prozent.

Mit einem BRCA-Test kann abgeklärt werden, ob Frauen Trägerin eines der beiden Hochrisikogene sind. Professor Huber präsentierte am Samstag eine Kurve, die die Anzahl Screening-Aufträge zeigt. Das Resultat ist eindeutig: Seit dem Outing von Angelina Jolie hat sich die Zahl der Tests am Kantonsspital in etwa verdreifacht. Überhaupt werden die Gentests immer wichtiger: Deren Zahl steigt pro Jahr um 10 bis 12 Prozent. Im letzten Jahr sind am KSA insgesamt 15 700 Tests durchgeführt worden. In zwei Dritteln der Fälle ging es um Tumorgene, in einem Drittel um andere Genkrankheiten.

Fünffach höheres Risiko

Während bei den Frauen der Brustkrebs das häufigste Karzinom ist, ist es bei den Männern der Prostatakrebs. Bei der Analyse von Prostataerkrankungen gehören die KSA-Spezialisten zu den weltweit führenden Experten – dank einem Datensatz, der sich über 14 Jahre erstreckt. Das Angelina-Jolie-Gen bei Männern heisst KLK6. Wer Träger von Mutationen ist, hat ein höheres Risiko, an besonders aggressivem Prostatakrebs zu erkranken. Die Rede ist von mindestens dem fünffachen Risiko, wie Andreas Huber erläuterte. Für ihn ist angesichts all der Erkenntnisse klar, dass die Bedeutung der Tumor-Genetikanalytik in Zukunft steigen wird.

PSA-Tests reduzieren Sterblichkeit

Und der Professor wies darauf hin, wie wichtig die PSA-Tests sind. «Unsere Resultate zeigen, dass die Sterblichkeit durch dieses Tests reduziert werden kann», sagte Andreas Huber. PSA-Tests sind simple Bluttests, bei denen ein Eiweiss, das nur von den Zellen der Prostata hergestellt und ins Blut ausgeschüttet wird, gemessen wird. Auf wissenschaftlicher Ebene sind die Experten daran, mittels der Ergebnisse der PSA-Tests die Rolle von verschiedenen genetischen Mutationen genauer zu analysieren.

Mit dem «Onko-Tag» versuchte das Kantonsspital Aarau Erklärungen zu liefern, Ängste zu nehmen und Vertrauen aufzubauen. Zudem wurde die neu erlangte Zertifizierung des hauseigenen «Onkologiezentrums Mittelland» gefeiert.