Aarau

Jolanda Urech: «Ich werde gerne noch einmal etwas anfangen»

Jolanda Urech war die erste Stadtpräsidentin im Aargau. Und nun hört sie auf. Ein Gespräch über den «Zukunftsraum», das Stadionprojekt und das Selbstbewusstsein der Kantonshauptstadt.

Frau Urech, in einem Interview unmittelbar nach der Wahl zur Stadtpräsidentin gaben Sie auf die Frage, wie sich Aarau unter Ihrer Führung entwickeln solle, drei Antworten. Die erste lautete: «Mir ist es wichtig, dass der soziale Zusammenhalt der verschiedenen Bevölkerungsschichten und Generationen weiterhin gepflegt wird.» Wie sieht es vier Jahre später aus: Alles im grünen Bereich?

Jolanda Urech: Aarau ist eine Stadt für alle. Meines Erachtens leben hier die verschiedensten Kulturen und Generationen tolerant und friedlich, mit gegenseitigem Respekt, miteinander. Etwas anderes habe ich zu keiner Zeit wahrgenommen. Das Stadtmonitoring 2017, welches die Stadt Aarau unter die Lupe nahm, bestätigt meine Wahrnehmung. So sind 70 Prozent der Einwohnerinnen und Einwohner sehr zufrieden und leben sehr gerne in Aarau.

Die zweite Antwort lautete: «Aarau soll als Regionalzentrum ein gutes Einvernehmen mit den Nachbargemeinden haben.»

Die Zusammenarbeit mit den Nachbargemeinden war ein Schwerpunkt meiner Legislatur. Einerseits fand diese im Planungsverband aarau regio statt, anderseits im Gefäss des Zukunftsraums Aarau. Aus meiner Sicht ist es gelungen, den Nachbargemeinden die Sicherheit zu vermitteln, dass ihnen die Kantonshauptstadt auf Augenhöhe und mit Respekt begegnet. Positive Rückmeldungen, die ich von anderen Gemeindepräsidenten erhalten habe, untermauern meine Feststellung. Das freut mich ungemein, weil ich überzeugt bin, dass dies die Grundlage für unser Zusammenarbeiten und eine weitere positive, gemeinsame Entwicklung der ganzen Region ist.

Sie sagten drittens: «Als Kantonshauptstadt darf Aarau ruhig selbstbewusster auftreten.» Ist das heute der Fall?

Es ist spürbar, dass der Geist von Urbanität, Offenheit, Toleranz und Lebensfreude, welchen ich noch vermehrt in die Stadt hineintragen wollte, sich verbreitet hat. Zudem treten wir heute mit mehr Selbstvertrauen auf, was einer Kantonshauptstadt würdig ist. Dieses Selbstbild, dieses Auftreten, ist auch für die Zukunft wichtig. Der Kanton Aargau darf auf seine Kantonshauptstadt Aarau stolz sein. Ich wünschte mir, dass das Bekenntnis zur Hauptstadt noch vermehrt spürbar wird. Mit dem Zukunftsraum, in welchem rund 40'000 Menschen leben, hätte diese Kantonshauptstadt auch die Grösse und das Gewicht, das ihr effektiv zusteht.

Vor vier Jahren sagten Sie, in der städtischen Finanzpolitik hätten sich die Positionen verhärtet. Sie könnten sich vorstellen, dass mit der neuen Legislatur ein Neuanfang möglich sei, mit dem man diese Positionen loslassen und wertfrei Probleme benennen und anpacken könne.

Diese Erwartung hat sich aus meiner Optik leider nicht erfüllt. Der Stadtrat hat zwar viel Aufwand betrieben, den Budgetprozess so zu verändern, dass es mehr Gelegenheiten gab, sich mit dem Einwohnerrat auszutauschen. Das wurde zwar geschätzt, hat sich aber meines Erachtens zu wenig in den Finanzdebatten niedergeschlagen. Unter den Parteien hat man sich zu wenig zusammengerauft und Kompromisse ausgehandelt zum Wohl der Stadt. Sehr schnell wurden die parteipolitischen Positionen eingenommen. Das bedaure ich. Ich hatte den Anspruch, hier einen bedeutenderen Beitrag zu leisten.

Als Sie im Januar den Verzicht auf eine Wiederkandidatur ankündigten, bilanzierte Ihre eigene Partei, unter Ihrer Führung sei ein Kulturwandel in der Verwaltung erfolgt. Lässt sich das konkretisieren?

Mir war es wichtig, im Rathaus einen offenen Umgang zu pflegen, eine Kultur der Wertschätzung und der konstruktiven Kritik zu etablieren und auch eine Fehlerkultur zuzulassen. Es ist gelungen, gegenseitiges Vertrauen aufzubauen und das Verständnis dafür zu wecken, dass Erfolg bedeutet, dass alle am gleichen Strick ziehen. Das ist gelungen. Viele wertschätzende Rückmeldungen bestätigen meine Einschätzung. Der Geist, der in der Stadtverwaltung präsent ist, ist eine tragfähige Basis für die Herausforderungen der Zukunft.

Sie wollten den Stadtrat kooperativ führen. Hat das funktioniert? Das Präsidium war links, die Ratsmehrheit bürgerlich. In der kommenden Legislatur wird es umgekehrt sein. Wer hat bei dieser Konstellation das Sagen? Die Mehrheit – oder hat das Präsidium eben doch ein spezielles Gewicht?

Das Präsidium hat einen gewissen Einfluss, indem es Dinge vorausdenken und in den Stadtrat einbringen kann. Das hat damit zu tun, dass es im Rathaus ständig präsent ist und auch über all die Kontakte zu den verschiedenen Abteilungen verfügt. So kann es gezielt Themen, die ihm wichtig sind, auf die Agenda setzen. Zudem leitet das Präsidium die Stadtratssitzungen. Trotz diesen Möglichkeiten benötigt es schlussendlich jedoch ein Überzeugen des Stadtratsgremiums. Jedes Stadtratsmitglied kommt zwar von einer politischen Gesinnung her, aber als Stadtrat muss man Tag für Tag gemeinsam Probleme lösen. Dazu nimmt man nicht das Parteibuch zur Hand, sondern sucht konstruktiv nach machbaren Lösungen. Diese müssen zudem mehrheitsfähig sein – im Einwohnerrat und allenfalls vor dem Volk. Dass der Stadtrat am Schluss der Legislatur eine positive Bilanz ziehen konnte, hat auch mit dem kollegialen und konstruktiven Umgang zu tun, den wir pflegten.

Die Zusammensetzung des Stadtrats blieb die ganzen vier Jahre unverändert. Zu einem Wechsel kam es jedoch im für den Stadtrat eminent wichtigen Amt des Stadtschreibers: Am 1. Mai 2016 hat Daniel Roth den langjährigen Stadtschreiber Martin Gossweiler abgelöst. Hat dieser personelle Wechsel auch Veränderungen für den Stadtrat mit sich gebracht?

Der Stadtschreiber ist für den Stadtrat eine wichtige Stabsstelle, die entscheidend zur Arbeit des Gremiums beiträgt. Nach 32 Jahren im Dienste der Stadt ging Stadtschreiber Martin Gossweiler Ende April 2016 in den wohlverdienten Ruhestand. Der personelle Übergang zu Daniel Roth erfolgte reibungslos. Mittlerweile konnten viele interne Abläufe und Prozesse weiter optimiert werden. Als Projektleiter der internen Leistungs- und Prozessüberprüfung bot sich dem Stadtschreiber zudem die Gelegenheit, die Verwaltung in- und auswendig kennenzulernen. Der Bericht ist nun eine hervorragende Grundlage für die Zukunft. Ich schätze und erlebe Daniel Roth als aktiven Gestalter.

Den Entscheid, nicht zur Wiederwahl anzutreten, haben Sie offenbar nach reiflicher Überlegung gefällt. Trotzdem: Gab es eine Art Schlüsselerlebnis, das den Entscheid massgeblich beeinflusste?

Es ging mehr um die Abwägung, ob ich das Amt noch einmal vier Jahre ausüben wollte oder nicht. Vier Jahre sind doch eine lange Zeit. Ich kam an einen Punkt, an dem ich merkte: Zusammen mit der Zeit im Stadtrat sind es nun 16 Jahre, vorher gehörte ich schon acht Jahre lang dem Einwohnerrat an. Es war eine sehr lange und intensive Zeit, während der ich für die Stadt Aarau Politik betrieben hatte. Ich hatte es gerne gemacht, weil ich ja auch mithelfen durfte, diese Stadt zu dem zu machen, was sie heute ist. Trotzdem habe ich gemerkt, dass ich noch einmal etwas anderes machen möchte. Und dies zu einem Zeitpunkt, in dem ich mich noch gesund und gut fühle und auch das Amt noch gerne weiter ausgeübt hätte. Es war ein schwieriger Entscheid, ich habe lange hin- und her überlegt. Es hätte ja auch Sinn gemacht, noch vier Jahre anzuhängen.

Hat sich inzwischen herauskristallisiert, was «das andere» ist, das Sie machen möchten?

Jetzt, gegen Ende Jahr, habe ich gemerkt, dass ich mich darauf freue, dass ich nun einfach einmal freie Zeit haben werde. Dass mir keine Agenda sagt, wann ich was zu tun habe, sondern dass ich selber über meine Zeit verfügen kann. Darum würde es für mich nicht stimmen, jetzt schon etwas Bestimmtes zu planen. Alle Anfragen habe ich bisher abschlägig beantwortet. Ich habe so viele Interessen und werde gerne noch einmal etwas anfangen. Aber jetzt muss ich erst einmal das Gefühl haben: Es steht alles still. Seit 30 Jahren arbeite ich gefühlte 130 Prozent. Ich weiss gar nicht, wie es ist, wenn ich plötzlich viel Zeit habe. Ich spüre so etwas wie Sehnsucht, zu erleben, wie das ist.

Sie sagen selber, es hätte Sinn gemacht, noch vier Jahre anzuhängen. Nach vier Jahren waren Sie im Präsidium richtig warmgelaufen …

Man ist immer für eine bestimmte Zeit in einem Amt. Man kann nie alles fertigmachen. Bei zweien meiner Herzensprojekte, dem Zukunftsraum und dem Kasernenareal, wusste ich von Anfang an: Das zieht sich über Jahre hin. Da kann man nur einen Abschnitt mitgestalten. Man weiss genau: Früher oder später kommt der Punkt, an dem man das Ganze aus der Hand und weiter gibt. Im Stadtratssaal hat es zwei holzgeschnitzte Medaillons aus dem 16. Jahrhundert: eine Waage und eine Sanduhr. Sie haben mich in meinem Wirken begleitet. Die Waage sagt: Wer hier regiert, soll abwägen und gerechte Entscheide fällen. Die Sanduhr sagt: Die Zeit läuft, du bist für eine bestimmte Zeit hier und bestimmst mit. Dann gehst du wieder und es kommen andere. Das ist der Lauf der Zeit.

Was, hoffen Sie, steht dereinst in den Geschichtsbüchern über Ihre Amtszeit als erste Stadtpräsidentin einer Stadt im Aargau?

Dass es mir gelungen ist, in dieser Stadt einen offenen, urbanen Geist, Lebensfreude und Toleranz sowie Gestaltungsfreude zu wecken und zu verbreiten. Und dass dieser Geist andauerte.

Der Stadtrat hat eine durch und durch positive Legislaturbilanz gezogen. Trotzdem: Gibt es Dinge, die nicht optimal gelaufen sind, Enttäuschungen?

Ein positives Fazit und das Bewusstsein, dass Fehler gemacht wurden, schliessen sich für mich nicht aus. Nehmen wir zum Beispiel die Keba. Es sind Fehler passiert. Die wichtige Frage ist dabei, ob man aus den Fehlern lernt. Das haben wir. Wo gearbeitet wird, werden immer wieder Fehler passieren. Makellosigkeit ist etwas Unrealistisches. – Enttäuschungen? Schade finde ich, dass sich der Bau des Stadions derart verschleppt hat. Ich weiss noch, wie mein Vorgänger Marcel Guignard zu mir sagte, er hätte gerne noch den Spatenstich gemacht. Und jetzt könne ich den eben dann vornehmen … Auch hier gilt: Die Stadt kann nichts erzwingen. Vieles liegt nicht allein in unserer Hand.

Wo liegen die grossen Herausforderungen in den nächsten Jahren, wenn Aarau eine Stadt mit herausragender Lebensqualität bleiben soll?

Die Stadt wird sich stark verändern – mit dem Torfeld Süd, dem Aeschbach-Quartier, dem Torfeld Nord und auch mit der Aarenau. Bei solchen Entwicklungen muss man immer auch die Menschen mitnehmen. Wachstum und Verdichtung sind etwas Positives, gleichzeitig machen solche Entwicklungen vielen Leuten Angst. «Fühle ich mich hier noch zu Hause?» Das ist eine wichtige Frage, die man gut im Auge behalten muss. Auch beim Zukunftsraum ist das so. Die Frage der Identität und der Heimat ist für die Menschen wichtig. Auch muss der wirtschaftliche Motor laufen: Die Stadt muss ein Ort bleiben, wo gearbeitet wird, wo Wertschöpfung entsteht, wo sich Unternehmen wie aktuell die Swissgrid niederlassen. Zu den Firmen auf dem Platz Aarau muss man Sorge tragen. Darum habe ich zusammen mit dem Leiter der Wirtschaftsfachstelle in den letzten vier Jahren fast 30 Firmen besucht. Dies wurde sehr geschätzt. Und sonst? Wir sind kulturell gut aufgestellt, bei den Schulen, der Bildung, bei den verschiedenen Generationen, bei den Natur- und Erholungsräumen, beim Sport. Wir haben eigentlich alles, um glücklich und zufrieden zu sein.

Und was ist mit der Altstadt?

In unserer Gesellschaft ist ein tiefgreifender Wandel im Gang. Grosse Veränderungen bahnen sich an. Die sind auch im Detailhandel zunehmend spürbar. Auch wenn ich finde, im Moment sei die Altstadt, ja die ganze Innenstadt, noch gut aufgestellt – mit vielen schönen Läden und Lokalitäten, deretwegen man nach Aarau kommt. Die öffentliche Hand soll im Rahmen ihrer Möglichkeiten unterstützend mithelfen. Aber eigentlich haben vor allem wir Kundinnen und Kunden die Entwicklung in der Hand.

Autor

Ueli Wild

Ueli Wild

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