Aarau

«Jetzt muss sich jeder Beizer rechtfertigen» – Präsident Crivaro erklärt Dilemma der Altstadt-Wirte

Eine Trennwand aus Take-away-Verpackung: Alessandro Crivaro im Soulcafe in der Krone.

Eine Trennwand aus Take-away-Verpackung: Alessandro Crivaro im Soulcafe in der Krone.

Aarauer Altstadt-Wirte sind hinsichtlich der Wiedereröffnung der Lokale hin- und hergerissen. Präsident Alessandro Crivaro sagt, warum.

Darauf haben die Gastronomen wochenlang gewartet. Auf den Befreiungsschlag, die Wiedereröffnung. Jetzt steht sie vor der Tür, am Montag dürfen sie ihre Lokale wieder öffnen – doch die Ungeduld ist der Unsicherheit gewichen, der Ernüchterung.

So jedenfalls tönt es, wer die Mitteilung der Aarauer Altstadtbeizer liest, die sich im Verein Gastro Altstadt Aarau zusammengeschlossen haben. «Ist es das, was wir und unsere Gäste wollen? Unter klinischen Bedingungen Ambiente erzeugen?», steht da beispielsweise.

Präsident des Vereins ist Alessandro Crivaro (Krone, Panini Café & Catering, Signor Rossi und Max-Moriz). Er sagt, er brenne darauf, seine Gastrobetriebe wieder zu eröffnen. «Wir wollen alle, wir sind voller Tatendrang.» Und genauso würden sich die Gäste freuen, Interesse und Nachfrage an der Wiedereröffnung seien gewaltig. Aber dann kommt das Aber.

«Auflagen spalten die Wirte-Zunft»

Wer seinen Gastrobetrieb wiedereröffnen will, muss strenge Auflagen erfüllen; gestern wurde das «Schutzkonzept Gastgewerbe» veröffentlicht. Dieses verpflichtet die Wirte unter anderem zu Zwei-Meter-Abständen zwischen den Tischen, höchstens vier Gästen pro Tisch und das Erfassen der Kontaktdaten der Gäste. Weiter wird dem Servicepersonal unter anderem empfohlen, beim Bedienen der Gäste Schutzmasken zu tragen.

«Diese Auflagen spalten die Wirte-Zunft», sagt Crivaro. Die Hygienemassnahmen liessen sich mit der Natur des Gastronomen nur schwer vereinbaren. «Wir tun alles, um unsere Gäste in einem freundlichen Ambiente zu begrüssen. Nein zu sagen, widerstrebt uns, zurechtweisend und belehrend an Abstandsregeln zu erinnern, macht keine Freude.» Doch sei es genau diese Freude, die Mitarbeitende, Geschäftsführer und Inhaber bewegen, Gastronomie zu betreiben. «Und nicht etwa das Geld».

Und doch spielt das Geld eine Rolle, es geht um Löhne und Mieten. Lohnt es sich, jetzt das Lokal wieder zu öffnen? Nein, sagt Crivaro. «Es ist unmöglich, mit 30 bis 40 Prozent der Einnahmen die anfallenden Kosten zu decken.» Gleichzeitig ist da die Frage nach der Kurzarbeit, welche die Wirte umtreibt. «Es ist aktuell unmöglich, ein Restaurant wirtschaftlich zu betreiben. Vom Geselligen mal ganz abgesehen», sagt Crivaro.

Jeder Wirt trifft seine Entscheidung

Was für die Eröffnung spricht: Wer jetzt nicht öffnet, verpasst etwas, verliert den Anschluss, geht vergessen. Eine Einschätzung, die Crivaro im Ansatz teilt. Und doch: «Ich riskiere lieber, vergessen zu werden, als dass ich meine Gäste vergraule.» Eine Entscheidung, die nun jeder Wirt für sich treffen müsse. Was Crivaro ärgert: das Rechtfertigen. «Jedes Restaurant, das die Bedingungen nicht einhalten kann oder will, muss sich nun gegenüber seinen Gästen und der Gesellschaft rechtfertigen.» Er könne es jetzt schon hören, das Schnöden der Leute, dieser und jener Beizer habe es nicht nötig, jetzt zu öffnen. «Das ist nicht fair. Das Problem sitzt tiefer.» Als Präsident der Aarauer Altstadtgastronomen appelliert er an die Gäste, die Entscheide der Wirte mitzutragen – egal, wie sie ausfallen. «Sie haben es verdient, allesamt.» Und das – allfällige – Warten auf die Wiedereröffnung der Lieblingsbeiz lohne sich bestimmt. «Was in den letzten Wochen passiert ist, ist gewaltig. Alle streichen, räumen um, renovieren, es ist eine helle Freude. Die Krise hat die Aarauer Wirte richtiggehend beflügelt.»

Crivaro wird vorläufig darauf verzichten, den ersten Stock in der «Krone» zu eröffnen, er nutzt die Fläche für das Burgerrestaurant. Nicht nur, weil er nicht glaubt, dass die Gäste im Innern sitzen wollen. «Sondern insbesondere, weil wir mit den Auflagen nicht den Service bieten können, den unsere Gäste von uns erwarten.» Geschlossen bleiben werden vorläufig auch das Panini und das Max-Moriz. Wegen der engen Platzverhältnisse; maximal acht Personen könnten im Panini sitzen, beim Max-Moriz sind es noch nicht einmal zwei Meter zwischen Theke und Wand. Kompensieren will Crivaro den Ausfall mit grösseren Aussenflächen vor dem Signor Rossi und der Krone.

Meistgesehen

Artboard 1