Acht Frauen im See. Die Haare zerzaust, die Röcke gerafft stehen sie im seichten Wasser, lachen in die Kamera. Diese acht Frauen sind Britta Lüthis (56) Inspiration, ihre Motivation. «Jede dieser Frauen trägt ein Sommerkleid, aber keines gleicht dem andern, weder im Schnitt, im Stoff, noch im Muster», sagt sie und stellt die gerahmte Aufnahme zurück ins Gestell.

Was der Fotograf da festgehalten hat, was für Frauen das sind, welcher See, und aus welchem Anlass heraus die Aufnahme entstanden ist, das alles weiss Britta Lüthi nicht. Aber sie stammt aus den Fünfzigerjahren. Und das ist die Hauptsache. Britta Lüthi liebt die Fünfziger. Genau aus diesem Grund: der adretten Sommerkleider wegen, von denen keines dem anderen gleicht. Wegen der Einzigartigkeit der Mode, dem Improvisieren. «War der Stoff zu knapp oder zu teuer, nähten sich die Frauen einfach aus zwei Kleidern ein neues. Diese Kreativität, dieser Stil, das gefällt mir.»

Nähen gehört zu Britta Lüthis Leben dazu. Ihre Mutter nähte Kleider für die drei Töchter, für die Bäbi, für sich selbst. Auch Britta selbst wäre gerne Schneiderin geworden. An sich eine gute Wahl, fand auch der Berufsberater, aber die Geduld würde ihr fehlen. Also wurde sie erst Hotelfachassistentin, dann Hoteldirektionsassistentin, Kosmetikerin und Spielgruppenleiterin, dann machte sie die Handelsschule. Und jetzt ist sie Ladenbesitzerin. Im Januar hat die Köllikerin ihre «britty-fifty’s butik» an der Hauptstrasse 72 in Unterentfelden eröffnet.

Ihre Kindheit erklärt das Faible fürs Nähen, nicht aber für die Fünfziger. Diesen Floh ins Ohr gesetzt hat ihr Tochter Vivian (23). «Sie hat viel zu teure Secondhandkleider gekauft, die ich mühsam flicken und anpassen musste», sagt Lüthi. Als die beiden beim Stöbern in einer Brockenstube über ein originales Schnittmuster stolperten, war der Fall für die Tochter klar: «Jetzt kannst du hundert Kleider nähen.» Das tat Britta Lüthi. Und eines ergab das andere. «Vivian bekam so viele Komplimente für das Kleid, und kurz darauf kam ein erster Bekannter und fragte mich, ob ich ihm nicht eine Bundfaltenhose nähen könnte.» Britta Lüthi sagte zu und buchte einen Nähkurs.

Gut sechs Jahre ist das her. Seither hat sich viel getan in Britta Lüthis Leben, in normalen Kleidern geht sie nur noch zum Walken aus dem Haus. Die Haare trägt sie wieder lang und mit Dauerwelle, die Brillengläser haben die Form von Schmetterlingsflügeln, die Hosen sitzen hoch und am Wochenende fährt sie mit Mann, Tochter und deren Freund zu Rockabilly-Konzerten. Die Musik gefalle ihr so gut und natürlich der Stil, sagt sie, nicht nur der der Mode, auch die Autos, die Architektur, die Möbel. Lebt sie im falschen Jahrzehnt? «Auf keinen Fall», sagt sie und schüttelt den Kopf. «Die Frauen waren stets vorzeigbar, hatten viele Pflichten und weniger Rechte. Die Stellung der Frau war damals eine andere.»

In ihrem Laden verkauft Britta Lüthi nicht nur zahlbare Massanfertigungen für Damen und Herren, sondern auch Accessoires und Secondhand-Kleider im Stil der Vierziger- bis Sechzigerjahre. Diese verkauft sie in Kommission. «Kunden bringen mir die Kleider und ich verkaufe sie. Der Verkaufspreis wird hälftig aufgeteilt.» Ein Angebot, das es bislang in der Region nicht gebe.

Die Schnittmuster für die Reproduktionen findet Britta Lüthi im Internet, auf Flohmärkten und im Brockenhaus. Vergilbte Kataloge mit Aufnahmen in Schwarz-Weiss, im hinteren Teil dann die Schnittmusterbögen; ein heilloses Durcheinander an Strichen und Sternchen, Pünktchen und Zahlen. Aus diesen unübersichtlichen Plänen paust sich Lüthi ihr passendes Muster ab, Zentimeter für Zentimeter. Jetzt ist sie also da, die Geduld, die der Berufsberater damals vermisst hatte. Britta Lüthi lacht. «Das ist wohl das Alter.»

britty-fifty’s butik Öffnungszeiten: Do, 17 bis 21 Uhr, Fr, 14 bis 18 Uhr, Sa, 10 bis 16 Uhr. facebook.com/brittyfifty