Aarau

Jetzt kann man mit einem Mausklick zurück ins Jahr 1893 gelangen

Dank Urs Antener kann jeder im Archiv des BTV Aarau lesen.

Dank Urs Antener kann jeder im Archiv des BTV Aarau lesen.

Urs Antener hat das gesamte Archiv des BTV Aarau digitalisiert. Es umfasst mehr als 900 Dokumente, alle sind jetzt innert Sekunden abrufbar und nach Stichworten zu durchsuchen.

Auf dem ältesten klebt noch Aaresand von der Überschwemmung 2007. Auf dem Heft, weit über 100 Jahre alt, verfasst zum 50-Jahr-Jubiläum des Bürgerturnvereins Aarau anno 1893.

Hier steht beispielsweise in feinster Handschrift, die Buchstaben neigen sich tief auf die Linie, in zu dieser Zeit gängiger Schwülstigkeit, wie das Fräulein Ernst auf die Bühne trat, wo die Turner «freudigen Herzens» Aufstellung bezogen hatten, um die Fahne, «ein prächtig gesticktes Panner», aus «zarter Hand» entgegenzunehmen.

Ein einmaliges Zeitdokument

«Zu hohem Weiheakt seid Ihr hierhergekommen, Ihr Frischen Frohen, all Ihr Biedern Freien, Frommen», soll das Fräulein Ernst ihre Ansprache begonnen haben.

Ein Schatz, so ein Dokument, ein einmaliges Zeitdokument. Ein Schatz, nicht mühsam einzusehen in einem ­Lesesaal in einer Bibliothek irgendwo in der Schweiz. Sondern an der Bushaltestelle, im Bett, auf dem Sofa.

Auf dem Handy oder Computer, ganz einfach abrufbar. So, wie alle rund 930 anderen Dokumente, die es über 176 Jahre BTV Aarau gibt. Alle sind sie digitalisiert, innert Sekunden abrufbar und nach Stichworten zu durchsuchen.

Was für Kataloge geht, passt auch für Ranglisten

Möglich gemacht hat dieses digitale Archiv Urs Antener, ehemaliger Präsident der BTV-Leichtathleten (1994 bis 2005) und heute Ehrenpräsident der Leichtathleten und Ehrenmitglied im Stamm-Verein, dazu kantonaler Schiedsrichter und technischer Obmann im Landesverband.

Sein Antrieb: «Wissen am Leben erhalten.» Sein Fachgebiet: Programmieren. Antener hat 1984 in Aarau ein Unternehmen gegründet, das Software für Haustechniker entwickelt.

Den Ausschlag dazu, sämtliche auffindbare Dokumente des Vereins zu archivieren, gab das letztjährige 175-Jahr-Jubiläum. Beziehungsweise der Entscheid des Vorstandes, eine Festschrift herauszugeben.

«Ich habe die dazu auserkorenen Autoren gesehen, die mit gequältem Gesichtsausdruck ihre Aufgabe entgegennahmen», sagt Antener und lacht. Er war sich bewusst, was da für eine Herkulesauf­gabe übertragen worden war.

Sechs bis sieben Seiten pro Minute

Schliesslich hatte er damals an der Festschrift für das 150-Jahr-Jubiläum mitgeschrieben. «Die Arbeit ist enorm, wenn man sich durch all die Dokumente durchblättern muss.» Ganz abgesehen vom Aufwand, die Dokumente überhaupt erst zu beschaffen; die meisten davon liegen einzig in der Nationalbibliothek in Bern oder in der Aarauer Kantonsbibliothek.

Und da kam dem Programmierer eine Idee: Für seine Kunden aus dem Bereich Haustechnik hatte er bereits vor Jahren ein Programm geschrieben, mit dem sich beispielsweise Bedienungsanleitungen oder Kataloge digitalisieren lassen. Warum also nicht auch Vereinszeitschriften und Protokollhefte, Ranglisten und Statuten?

Das System ist einfach: Die Seiten werden gescannt, die Software eliminiert Verfärbungen und überschreibt die Texte im Hintergrund, damit die Volltextsuche möglich wird. Das alles dauert bloss Sekunden. Sechs bis sieben Seiten können pro Minute digitalisiert werden.

«Innert eines halben Jahres waren alle rund 930 Dokumente ­digitalisiert», sagt Antener. Die Fleissarbeit erledigt hat sein Lehrling, Joel Mangold. Die effektive Arbeitszeit habe sich auf zwei Monate beschränkt.

Das elektronische Archiv ist ein Geschenk

Antener hat dem BTV das elektronische Archiv geschenkt. Es ist öffentlich, aufgeschaltet auf der BTV­Aarau-Website; so haben nicht nur die BTV-Mitglieder Zugriff, sondern jedermann. Natürlich interessiere die Rangliste vom kantonalen Jungturnertag in Reinach im Jahr 1956 nicht Tausende.

Aber dieser eine, der genau diese Rangliste suche, sei überglücklich, sie so einfach zu finden. «Was nützt es, wenn diese Dokumente in irgendwelchen Bibliotheken liegen, sie aber keiner einsieht? So bleibt das Wissen unter den Leuten, es ist konserviert», sagt Antener. «Das Schlimmste ist doch, wenn Wissen unwiderruflich verschwindet.»

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