Interview

Jeff Saibene: «Der Trainerjob ist ein Wahnsinn geworden»

Aaraus René Weiler (links) und St. Gallens Jeff Saibene vor dem sonntäglichen Showdown (14.30 Uhr).

Aaraus René Weiler (links) und St. Gallens Jeff Saibene vor dem sonntäglichen Showdown (14.30 Uhr).

Aarau gegen St. Gallen ist der Kracher im Cup-Achtelfinal. Im Interview sprechen die beiden Trainer René Weiler und Jeff Saibene über die bevorstehende Partei und die häufigen Trainerentlassungen in der Super League.

Jeff Saibene, empfehlen Sie René Weiler einen Wechsel zum FC Zürich?

Jeff Saibene: Heikle Frage. Der FC Zürich ist sicher eine Top-Adresse in der Schweiz.

Das wissen wir auch.

Saibene: Es gibt nur zehn Trainerjobs in der Super League. Wenn man einen davon offeriert bekommt, sollte man diese Chance nutzen.

Drängt es Sie zum FCZ?

René Weiler: Wollen wir nicht über den Cup-Match reden?

Aber es drängt Sie in die Super League?

Weiler: Nein, drängen ist das falsche Wort. Die Halbwertzeit eines Trainers in der Super League ist momentan sehr kurz. Deshalb muss ich mir einen Wechsel schon sehr gut überlegen. Das mit der Chance, die man nutzen muss, sehe ich etwas differenzierter als Jeff. Nur in die Super League zu wechseln, damit ich in der Super League bin, macht keinen Sinn.

René Weiler hat im Sommer ein Angebot des FC Sion abgelehnt. Können Sie das nachvollziehen?

Saibene: Wie gesagt: Es gibt nur zehn Jobs. Und fast jeder, der die Chance Sion bekommt, sagt sich: Hey, mir wird nicht dasselbe passieren wie meinem Vorgänger. Aber nur den wenigsten gelingt es, sich nachhaltig in Sion zu installieren.

Sie beide wurden beim Gegner einst entlassen. René Weiler, beneiden Sie Jeff Saibene um seine Möglichkeiten, in St. Gallen ruhig arbeiten zu können?

Weiler: Ich gönne ihm, dass in St. Gallen Strukturen geschaffen wurden, die es einem Trainer ermöglichen, erfolgreich zu arbeiten. Das war zu meiner Zeit (Red. 2005–2007) anders. Nun hat St. Gallen mit Dölf Früh einen Präsidenten mit Rückgrat. Einer, der sich nicht von Stimmungsschwankungen im Umfeld leiten lässt.

Jeff Saibene, für Sie wäre es in Aarau auch einfacher gewesen, wenn der Polteri Fritz Hächler nicht mehr im Amt gewesen wäre.

Saibene: Ich habe aber auch sehr gute Zeiten in Aarau erlebt. Die Phase als Assistent von Komornicki war eine der schönsten Zeiten in Aarau. Aber gut: Es gehört dazu, dass man als Trainer nicht nur positive Erfahrungen macht.

René Weiler vor dem Cup-Fight: «Ich bleibe in Aarau»

René Weiler vor dem Cup-Fight: «Ich bleibe in Aarau»

Als die Cup-Auslosung war …

Saibene: … habe ich schon im Voraus gesagt, dass wir auf Aarau treffen werden.

Was halten Sie von der aktuellen Ausgabe des FC Aarau?

Saibene: Eine Top-Mannschaft, die absolut über die Möglichkeiten verfügt, in die Super League aufzusteigen. Der FC Aarau hat schon jetzt ein Super-League-Kader. (Lacht.)
Weiler:
Jetzt spricht der Taktiker. Nein. Wir spielen am Sonntag gegen die mit Abstand beste Super-League-Mannschaft. (Lacht.)
Saibene: Ich habe Aarau am Sonntag gegen Vaduz (Red. 2:1) beobachtet. Und bin dabei zur Erkenntnis gelangt, dass Aarau nächste Saison in der Super League mithalten kann.

Was ist Ihnen nach der Auslosung durch den Kopf gegangen? Sind noch Ressentiments gegenüber St. Gallen präsent?

Weiler: Nein. Die Schweizer Fussballwelt ist so klein. Da ist es entscheidend, solch negative Ereignisse hinter sich zu lassen. Emotional ist St. Gallen für mich ein Gegner wie jeder andere.

Machen Sie die sieben Trainerentlassungen in der Super League nachdenklich?

Saibene: Der Trainerjob ist ein Wahnsinn geworden. Das Problem fängt oben an, in der Führung. Entscheidend ist, wer das Sagen im Klub hat. Diesbezüglich stehe ich momentan auf der Sonnenseite.
Weiler: Entscheidend ist, dass ein Verein einheitlich nach aussen kommuniziert. Auch in dieser Beziehung ist St. Gallen ein sehr gutes Beispiel. Präsident Früh drängt kaum in den Vordergrund. Auch Sportchef Peischl hält sich zurück. Über sportliche Angelegenheiten spricht fast nur der Trainer. Und das auch im Sinn der Sache. Bei anderen Vereinen gibt es irgendwelche Investoren oder Verwaltungsratsmitglieder, die öffentlich sagen, wie man Fussball zu spielen hat. Das ist der Horror für einen Trainer.

Wie gehen die Familien damit um, dass der Ernährer in einem «Hire-and-Fire»-Umfeld arbeitet?

Saibene: Meine Frau distanziert sich völlig vom Fussball. Sie kommt auch nicht mehr an die Spiele, weil sie dem Geschwätz aus dem Weg gehen will.

Wie erklären Sie Ihren Buben, dass Sie während der Aufstiegsfeier von den eigenen Fans ausgepfiffen worden sind?

Saibene: Ich habe es Ihnen aus meiner Sicht erklärt, was wichtig war. Erst so haben sie es verstanden.

Auch Sie sind medial schon durch den Fleischwolf gedreht worden. Beispielsweise vom früheren AFG-Boss Edgar Oehler.

Weiler: Mein Bub war damals noch zu jung, um etwas mitzukriegen.

Einmal brauchten Sie sogar Polizeischutz, nachdem Sie mit St. Gallen im Cup gegen Gossau gescheitert sind.

Weiler: Es sind längst Ausmasse erreicht worden, die jenseits aller Grenzen sind. Ich in Aarau und Jeff in St. Gallen haben das Glück, mit einer starken Klubführung zusammenzuarbeiten. Anders geht es nicht. Nehmen wir das Beispiel Winterthur: Dort fordern die Fans wochenlang die Entlassung von Trainer Kuzmanovic. Bis der Präsident Keller ein Machtwort spricht. Er sagte: ‹Wenn Ihr so weitermacht, braucht Ihr nicht mehr an die Spiele zu kommen› Und was ist passiert? Der Trainer ist noch dort, Winterthur spielt vorne mit und die Zuschauer kommen weiterhin ins Stadion.
Saibene: Es ist unglaublich, was sich gewisse Leute anmassen. Da wird man als Trainer von sogenannten Fans aufgefordert, diesen oder jenen Spieler einzusetzen. Und das in einem Ton, der nicht akzeptabel ist. Im Fussball hat jeder das Gefühl, er könne mitreden. Ich würde mir nie erlauben, von einem Bankdirektor irgendetwas einzufordern.

Die Leute sagen sich, dass ein Teil eures Gehalts quasi Schmerzensgeld für öffentliche Schelte ist.

Saibene: Dann verdienen wir aber viel zu wenig.
Weiler: Im Zeitalter von Twitter und Facebook kann man seine Meinung verbreiten, ohne dem Betreffenden von Angesicht zu Angesicht zu begegnen. Dadurch werden automatisch Hemmungen abgebaut.

Ihr habt noch mehr als 20 Arbeitsjahre vor euch. Macht Ihr euch Gedanken über eine Alternative zum unsteten Trainerjob?

Weiler: Ich habe das Glück, dass ich über Management-Erfahrungen verfüge. Auch ausserhalb des Fussballs. Aber solange man Trainer ist, muss man alle Energie und Leidenschaft in diesen Job investieren.
Saibene: Mein ganzes Berufsleben besteht aus befristeten Verträgen. Ich kenne nichts anderes. Zu Beginn meiner Karriere sagte mir mein Vater: ‹So kannst du doch nicht leben.› Klar kann ich. Denn es wird sich immer etwas ergeben. Deshalb mache ich mir keine grossen Gedanken über die Zukunft. So nach dem Motto: Fussball, unser Leben.

Herr Weiler, ist es überspitzt, wenn man sagt, Edgar Oehler habe Sie zu einem besseren Trainer gemacht?

Weiler: Ich denke schon. Ich habe mir damals viele Gedanken über jene Vorfälle gemacht. Meine Position in St. Gallen war, gemäss meinem Vorgesetzten, gar nicht in Gefahr. Das Ganze kam ins Rollen, weil ich auf Edgar Oehlers Schelte reagiert habe. Ich sagte, seine Kritik interessiere mich nicht. Ich hätte ihn noch nie an einem Fussballspiel gesehen, geschweige denn, Fussball spielen. Da ist er explodiert, man hörte ihn am Radio, im Fernsehen. Mein Chef meinte, ich hätte mich besser nicht geäussert. Uns aber sagen alle, was wir zu tun haben.

Es war damals das erste Mal, dass ein Grossaktionär öffentlich sagte: So funktioniert das nicht. Ähnliches ist zuletzt auch in Luzern passiert.

Weiler: Ich habe aus jenen Vorfällen meine Lehren gezogen. Aber es scheint, dass das nicht alle getan haben.

Herr Saibene, Sie gelten als Gentleman-Trainer. Deshalb kam die Aktion in Basel, als Sie dem Schiedsrichter die Handschuhe vor die Füsse warfen, überraschend. Fürchten Sie nun um Ihren Ruf?

Saibene: Nein, die Leute haben gesehen, dass ich ein Mensch mit verschiedenen Facetten bin. Wobei Respekt und Fairness immer im Vordergrund stehen sollten.
Weiler: Es war kein Penalty. Ich habe Jeff verstanden. Man kann die Emotionen, auch wenn man es versucht, nicht immer zurückhalten.

Bereuen Sie die Aussage, der FC Basel habe einen Bonus bei den Schiedsrichtern?

Saibene: Es gab einfach zu viele Situationen während der Vorrunde, in denen Basel bevorteilt wurde. YB erhielt gegen Basel keinen Penalty. Basel schoss gegen GC zwei OffsideTore. Und nun bei uns. Es wird immer wieder solche Situationen geben, in denen Trainer die Nerven verlieren. Das gehört dazu. Man sollte das Ganze nicht dramatisieren.

Nun droht Ihnen eine Sperre.

Saibene: Ich glaube eher nicht, dass ich gesperrt werde. Es war das erste Mal, dass mir so etwas passierte.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1