Langsam machte sich bei Reto Peterhans (Name geändert) Verzweiflung breit. Der junge Mann aus der Region Aarau suchte für die Nachbehandlung einer Operation dringend einen Hausarzt. Doch überall hiess es: Aufnahmestopp. Erst durch die Vermittlung eines Kollegen konnte sich Peterhans bei dessen Hausarzt vorstellen. Auf Verlangen brachte er Kopien seiner ganzen Krankengeschichte mit. Nach dem Gespräch und dem Studium der Akten streckte ihm der Arzt die Hand entgegen und sagte: «Willkommen».

Dass es zu wenige Hausärzte gibt und diese kaum neue Patienten aufnehmen können, ist bekannt. Dass sich Patienten mit der Krankengeschichte unter dem Arm in einer Praxis «bewerben» müssen, das ist jedoch neu. Werden solche Vorstellungsgespräche zum Normalfall? Hans-Ulrich Iselin, Präsident des Aargauischen Ärzteverbandes, reagiert etwas überrascht, hält ein solches Vorgehen aber für korrekt. «Angesichts des Ärztemangels ist es wichtig, dass gemeinsam und offen besprochen wird, was ein Hausarzt bieten kann und was der Patient braucht.»

Die Ärzteschaft ist überaltert

Eine Umfrage der az zeigt: Im Westaargau gibt es in jeder zweiten Gemeinde keinen Hausarzt mehr. Prekär ist die Lage im Suhren- und Ruedertal sowie am westlichen Ufer des Hallwilersees, also ländliche Gebiete. Besser sieht es in der Agglomeration Aarau aus, wo in fast jeder Gemeinde mindestens ein Hausarzt praktiziert. Das heisst aber nicht, dass die ärztliche Grundversorgung in allen Gemeinden der Region Aarau ausreichend ist, denn die Agglomeration wächst stark.

Weil viele Ärzte zudem bereits älter sind, droht weiteren Praxen in der Region die Schliessung. Zahlen des Ärzteverbandes lassen aufhorchen: Im Westaargau ist jeder dritte Hausarzt über 60 Jahre alt. Dieser Anteil liegt über dem kantonalen Durchschnitt.

«In den nächsten 10 bis 15 Jahren kann nur jeder dritte Arzt durch Nachwuchs ersetzt werden», sagt Hans-Ulrich Iselin. Der Beruf des einzeln praktizierenden Hausarztes sei nicht mehr attraktiv und der Betrieb einer eigenen Praxis zu teuer. «Die neue Generation Ärzte will nicht wie früher alleine eine Praxis führen und über 60 Stunden die Woche in der Sprechstunde sitzen.»

Ärzte würden vermehrt Teilzeit arbeiten – vor allem Frauen, die 70 Prozent der Ärzteschaft ausmachen. «Die klassische Hausarztpraxis ist so nicht mehr zu führen und wird bis auf wenige Ausnahmen verschwinden.»

Patienten müssen sich deshalb an neue Formen der ärztlichen Grundversorgung gewöhnen. Eine Form hat sich bereits etabliert: Gemeinschafts- und Gruppenpraxen. Dieses Modell ist für Hans-Ulrich Iselin die Zukunft. «Am meisten Sinn macht es, wenn sich zwei bis drei Hausärzte sowie Spezialisten zusammentun.» Eine Gemeinschaftspraxis setze zudem ein grosses Einzugsgebiet voraus. «In Zukunft werden deshalb nur grössere Gemeinden Gemeinschaftspraxen haben; vielleicht sogar unter einem Dach mit Spitex, Apotheken und Therapeuten.»

«Es kommen unruhige Zeiten»

Damit bei dieser Zentralisierung die ärztliche Grundversorgung in ländlichen Gebieten nicht noch mehr unter die Räder kommt, müssen laut HansUlrich Iselin die betroffenen Gemeinden aktiv werden – wo nötig mit Unterstützung der Regionalplanungsverbände. Solche Bemühungen will der Aargauische Ärzteverband unterstützen: Im November soll ein Leitfaden lanciert werden, der Gemeinden mit den Möglichkeiten und Gefahren bei der Neuansiedlung und Umstrukturierungen von Arztpraxen vertraut macht. Denn laut Iselin steht der Umbau der ambulanten Grundversorgung erst ganz am Anfang.

«Es wird völlig neue Strukturen geben und viele Fragen müssen geklärt werden.» Werden Spitäler vermehrt Arztpraxen führen? Steigen private Investoren ein? Wenn ja: Welche? Und mit welcher Qualität? Werden irgendwann Krankenkassen eigene Gesundheitszentren betreiben? Solche Themen müssten geklärt werden. Für Hans-Ulrich Iselin ist deshalb klar: «Uns stehen unruhige Zeiten bevor.»