Gemeindefusion
Jäggi: «Ganz harmonisch ist das Stück noch nicht»

Stadträtin Regina Jäggi zieht ein Jahr nach der Gemeindefusion von Aarau und Rohr eine erste Bilanz. Sie ist zufrieden, berichtet aber auch noch von Misstönen.

Hubert Keller
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Stadträtin Regina Jäggi vor dem Gemeindehaus Aarau Rohr. kel Stadträtin Regina Jäggi vor dem Gemeindehaus Aarau Rohr. kel

Stadträtin Regina Jäggi vor dem Gemeindehaus Aarau Rohr. kel Stadträtin Regina Jäggi vor dem Gemeindehaus Aarau Rohr. kel

Frau Jäggi, am 1. Januar sagten Sie, es gelte nun, den «richtigen Ton» zu finden, damit aus Aarau und Rohr ein «harmonisches Stück Musik» entstehe. Ein Jahr später – wie harmonisch wird in der Stadt Aarau Rohr Musik gemacht?

Regina Jäggi: Ganz harmonisch ist das Stück noch nicht. Wir sind noch am Üben. Doch die Probenarbeit braucht Zeit, das war auch nicht anders zu erwarten.

Wo hören Sie noch Dissonanzen?

(überlegt lange) Ein Misston, der noch ausgebügelt werden muss, ist vielleicht der, dass der Stadtteil Rohr von den angestammten Aarauern noch nicht richtig wahrgenommen wird. Die Rohrerinnen und Rohrer nähren daraus das Gefühl, nicht richtig ernst genommen zu werden. Integration braucht halt ihre Zeit.

Wie viel Zeit?

Bis der Stadtteil Rohr als Selbstverständlichkeit wahrgenommen wird, braucht es eine Generation. Die Gewöhnung ist schneller erreicht.

Wie erleben Sie die Rohrerinnen und Rohrer als Stadtbewohner?

Viele, sehr viele nehmen ganz bewusst die Vorteile der Stadt wahr. Sie leben das Gefühl, Stadtbewohner zu sein, bewusst aus und nutzen das Angebot und die Annehmlichkeiten ihrer Stadt. Es freut mich immer wieder, in Aarau einem Bus voller Rohrerinnen und Rohrer zuzusteigen, die vom Stadtzentrum her heim in den Stadtteil Rohr fahren. Die Neu-Aarauer fühlen sich wohl in ihrer Stadt.

Womit haben die Neu-Aarauer Schwierigkeiten, was stört sie an der Stadt?

Es sind ja meistens nur Kleinigkeiten, an denen man Anstoss nimmt, Dinge wie Häckseldienst, Kehrichtgebühren oder andere Dinge des praktischen Alltags. Solche Sachen lassen sich leicht ausräumen oder, sollte dies nicht möglich sein, man wird sich daran gewöhnen.

Was vermissen die Rohrerinnen und Rohrer am meisten?

Ich denke, es ist die Gemeindeversammlung, die am ehesten vermisst wird. Diese wurde ja vor allem von Leuten besucht, die sich dem Dorf verpflichtet fühlten, die sich für das Dorf und dessen Wohl engagierten. Zudem war die Gemeindeversammlung ein Forum, das den persönlichen Austausch ermöglichte. Das vermisst man wohl auch noch nach einem Jahr der Fusion. Dass jetzt halt ein Einwohnerrat die Geschicke der Stadt und des Stadtteils Rohr lenkt, auch daran werden sich die Rohrerinnen und Rohrer aber gewöhnen.

Wenn Sie sagen, die Rohrerinnen und Rohrer fühlten sich nicht immer ernst genommen, worin begründet sich die Unzufriedenheit?

Ach, es sind vor allem Kleinigkeiten, wie wir sie ja auch in Lebensgemeinschaften, in der Ehe oder Familie kennen. Etwa dass die Signalisation auf der «Spaghettikreuzung» (Suhrenbrücke, Red.) nicht die alphabetische Reihenfolge einhält und «Telli» vor «Rohr» steht. Kleinigkeiten, die in der sensiblen Phase des Zusammenfindens dem einen oder andern sauer aufstossen. Doch eine Affäre macht man daraus nicht. Oder man stört sich daran, dass die Verkehrsschilder in den Nebenstrassen nicht mehr blau, sondern weiss sind.

Sind Aarauerinnen und Aarauer auch im Ortsteil Rohr anzutreffen?

Das Aussen-Stadtbüro wäre auch für viele Stadt-Aarauer ideal gelegen, zum Beispiel für die Telli-Bewohner, die Rohr bequem mit dem Bus erreichen. Doch dieses Angebot wird praktisch nicht genutzt. Anderseits haben die Auenhalle hinter dem ehemaligen Rohrer Gemeindehaus auch schon Stadt-Aarauer genutzt. Die Stadt-Sänger sind darin aufgetreten und das Stadt-Personal ist darin zusammengekommen. Und der traditionelle Rohrer Weihnachtsbaumverkauf wurde, was mich besonders gefreut hat, auch von Stadt-Aarauern genutzt.

Im Rückblick auf den Prozess des Zusammengehens, der, wie Sie sagen, noch nicht abgeschlossen ist: Was gilt es auf dem Weg zu einer Gemeindefusion am meisten zu beachten? Worin bestehen die grössten Hürden?

Es sind die weichen Faktoren, die bei einer Gemeindefusion besondere Beachtung erfordern. Natürlich spielen Fragen der Finanzen und des Steuerfusses eine wichtige Rolle im Meinungsbildungsprozess, doch auch solche Fragen sind mit der nötigen Sachlichkeit zu lösen. Wo aber die Emotionalität, Fragen der Identität und des Heimatgefühls, der Zugehörigkeit, hineinspielen, braucht es von den Entscheidungsträgern und Meinungsbildnern viel Sensibilität und eine offene Kommunikation. Und immer gilt es, die Anliegen der Einwohnerinnen und Einwohner ernst zu nehmen. Vom grossen Partner verlangt der Fusionsprozess eine grosse Offenheit und diplomatisches Geschick.

Sie waren Gemeindeammann von Rohr, seit dem 1. Januar 2010 sind Sie Stadträtin. Wie haben Sie diesen Schritt erlebt?

Ich wusste ja, was mich erwartet. Politisches Neuland habe ich mit dem Wechsel nicht betreten aber eine andere Kultur. Eine Erleichterung war, dass ich die Gesamtverantwortung ablegen durfte. Während in der kleinen Gemeinde der Gemeinderat noch sehr viel operative Arbeit leistet, überlässt er dies in der Stadt der Verwaltung und den Ämtern. Ich geniesse es, dass mir grosse Vorarbeit abgenommen wird. Und dann mache ich halt immer wieder die gleiche Beobachtung: Die Leute sind zwar anders, doch die Sorgen und Nöte sind die gleichen.

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