Aarau
Jacques Engeli erhält Auszeichnung für dreibändiges Meisterwerk

Der 91-jährige Wahlaarauer erhält von der Stiftung Kreatives Alter eine Auszeichnung für eine ausserordentliche Leistung. In einem dreibändigen Werk hat er die Geschichte seiner Familie, die sich über 775 Jahre und 26 Generationen erstreckt, recherchiert und dokumentiert

Hans-Peter Widmer
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War Konzernleitungsmitglied der Sprecher & Schuh und Chef von Ernst & Young AG Aarau.

War Konzernleitungsmitglied der Sprecher & Schuh und Chef von Ernst & Young AG Aarau.

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Jacques Engeli hat in einem dreibändigen Werk die Geschichte seiner Familie, die sich über 775 Jahre und 26 Generationen erstreckt, recherchiert und dokumentiert. Die Genealogie besticht durch die Fülle historischer Fakten, durch reichhaltiges Abbildungsmaterial und den klar strukturierten Aufbau. Deswegen gehört der hochbetagte und rüstige Autor zu den 12 diesjährigen Preisträgern, die durch die vom Zürcher Bankier Hans Vontobel gegründete Stiftung «Kreatives Alter» für eine aussergewöhnliche Seniorenleistung ausgezeichnet werden.
Senior mit Esprit

Der 1927 geborene und promovierte Jurist Jacques Engeli ist Wahlaarauer. Er wuchs in einem weltoffenen Elternhaus in Basel auf. Sein Vater, ein Bauernsohn aus dem thurgauischen Sulgen, sprengte die bäuerlich-ländliche Familientradition. Er wurde Ingenieur, verlegte sein Tätigkeitsfeld in ein städtisch-industrielles Milieu, wirkte an der rasanten Entwicklung des Elektrounternehmens Sauter AG in Basel mit und befehligte als hoher Milizoffizier zuerst das Thurgauer Infanterieregiment 31, im Zweiten Weltkrieg die Grenzbrigade 4 und anschliessend die Gebirgsbrigade 12.

Kreatives Alter: Von Bankier Hans Vontobel initiiert

Die vom Zürcher Bankier und Mäzen Hans Vontobel (1916-2016) vor 28 Jahren gegründete Stiftung «Kreatives Alter» zeichnet alle zwei Jahre aussergewöhnliche Leistungen von Senioren aus. Teilnahmeberechtigt sind Personen über 70 aus dem In- und Ausland.

Bei jedem Preisausschreiben werden im Schnitt 500 Arbeiten eingereicht. Dieses Jahr honoriert der Stiftungsrat 12 Arbeiten mit je 10 000 Franken. Die Verleihung findet am 30. Oktober in Zürich statt.

Auch der Sohn entschied sich für eine akademische Laufbahn. Nach dem Studium der Rechte war Jacques Engeli als Advokat, Steuer- und Unternehmensberater sowie ab 1969 während 15 Jahren Konzernleitungsmitglied und Finanzchef der Sprecher & Schuh AG in Aarau tätig. Nachher kehrte in sein angestammtes juristisches Gebiet zurück und übernahm unter anderem die Leitung der Ernst & Young AG Aarau. Er machte wie sein Vater Karriere im Militär, führte als Oberstleutnant ein Infanteriebataillon und versah Stabsdienste. Zudem präsidierte er einige Jahre die Neue Helvetische Gesellschaft Aarau.

Im «Ruhestand» verfasste er das 2005 erschienene und mit Anerkennung bedachte 640-seitige Werk «Frankreich 1940. Wege in die Niederlage». Darin schilderte er mit wissenschaftlicher Sorgfalt die politischen, historischen und militärischen Gründe für den unerwarteten und raschen Untergang des französischen Staates und dessen Armee im Zweiten Weltkrieg. Mit gleicher Akribie erforschte er ab 2007 die eigene Familiengeschichte von 1243 bis 2015.

Der Weg zu den Wurzeln

Die umfangreiche Genealogie plante er nicht von Anfang an. Er wollte den Kindern Georg, Barbara und Kaspar einfach familiäre Spuren aufzeigen, die ihm sein Vater, den er als 18-Jähriger durch eine Operation verlor, nicht mehr vermitteln konnte. Die Nachforschungen führten Jacques Engeli zunächst zu den Gross- und Urgrosseltern in den Thurgau, nach Sulgen. Dort kam ihm der Name Engeli wie ein Sturzbach entgegen, denn er zählte über 400 Jahre zu den zahlreichen und führenden Dorfgeschlechtern.

Mit zunehmender Leidenschaft trieb der Autor in Staats- und Gemeindearchiven, Zivilstandsregistern, Ratslisten, Kirchenrodel, Urkunden und sogar in der Genealogischen Forschungsstelle des Mormonenzentrums in Zürich die Suche nach den Vorfahren voran. Er stiess im Oberbadischen Geschlechterbuch unter der Jahrzahl 1243 auf den ersten Namensträger des Geschlechts, Rudolfus Anglinus aus Überlingen/Konstanz. Die Nachforschungen brachten eine Vielzahl von Namen ans Licht. Zur Bewältigung der Darstellung musste er sich ab 1800 auf die Sulgener Hauptlinie beschränken.

Zum Glück gab es zwischen dem 13. und 21. Jahrhundert klare Wirkungsschwerpunkte der Engeli. Darum unterteilte der Chronist die Familiengeschichte in drei Zeitabschnitte: In die Überlinger und Konstanzer Zeit von 1243 bis 1589, in die Sulgener Zeit von 1581 bis1983 und in die Gegenwart. Er stellte aber nicht nur das Wirken und Gedeihen des Geschlechts in den jeweiligen Lebensräumen dar, sondern beleuchtete auch die politischen, kulturellen und sozialen Verhältnisse in diesen Epochen. Eine besondere Leistung waren 329 persönliche Porträts von Angehörigen – ab 1800 in kompletter Fassung – und elf Stammbäume. Darin bekam Jacques Engeli Unterstützung von Familienmitgliedern, Archivaren, Historikern und seiner ehemaligen Sekretärin.

Aus der Stadt aufs Land

Etliche historische Ereignisse prägten das Schicksal der Engeli. Die Familie erlebte zum Beispiel das Konzil von Konstanz 1414, die Eroberung des Thurgaus durch die Eidgenossen 1460, den Schwabenkrieg 1499, den Untergang der Alten Eidgenossenschaft 1798 und die Konstituierung des Kantons Thurgau 1803. Aus ursprünglichen Fischern am Bodensee wurden während 350 Jahren Handelsherren und Stadtpatrizier in Konstanz.

Im gespannten Verhältnis zwischen der Stadt und dem Bischof von Konstanz genossen die Engeli als Ratsherren, Säckelmeister, Reichs- und bischöfliche Pfalzvögte das Vertrauen beider Seiten. Doch der neue habsburgische Schirmherr Kaiser Karl V. – von dem der Ausspruch stammt: «In meinem Reich geht die Sonne nie unter» – entzog Konstanz 1548 den Status einer freien Reichsstadt, nahm das städtische Patriziat an die Kandare und holte die in der Reformation zum neuen Glauben übergetretenen Bewohner in die katholische Kirche zurück.

Die protestantischen Engeli verschwanden schlagartig aus allen Konstanzer Ämterregistern.
Im thurgauischen Sulgen tauchte das Geschlecht wieder auf – als Bauern, Hutmacher und bald auch als Grossgrundbesitzer und Amtspersonen. Den Engeli war die neue Heimat durch ihre früheren Vogtei-Funktionen bekannt. Sie pflegten ein gutes Einvernehmen mit den Eidgenossen, verfügten über Verwaltungs- und wirtschaftliche Erfahrungen und finanzielle Mittel aus ihrer frühere Handelstätigkeit. Zwischen 1581 und 1802 stellten sie ohne Unterbruch die Ammänner von Sulgen. Zudem waren sie Kirchenpfleger, Richter und Offiziere in der thurgauischen Miliz.

Im Hier und Jetzt

Wie im 16. Jahrhundert in Konstanz erlebte das Geschlecht im 20. Jahrhundert in Sulgen eine erneute Zäsur: 1949 wurde hier der letzte Bauernbetrieb aufgegeben, 1953 die Hutmacherei geschlossen und 1983 starb das Geschlecht in der Gemeinde aus. Die Familie richtete sich im Wandel deer Zeit ein weiteres Mal auf neue Lebensräume und berufliche Tätigkeiten aus. Zwar hielt sie in ihrer langen Geschichte an Traditionen fest, sie liess diese aber auch fallen, wenn sie ihre Entwicklung nicht mehr sicherstellen konnten.

«Sich im Hier und Jetzt mit all seinen Herausforderungen zu behaupten und zu entfalten, ist das Geheimnis der Engeli», schreibt der Chronist am Ende der Familienchronik. Jacques Engeli ist weniger auf die Dauer seines Geschlechts, sondern mehr darauf stolz, dass es die jeweiligen Generationen verstanden, ihre Gegenwart und Zukunft in die eigene Hand zu nehmen. Voller Optimismus schliesst er: «Warum sollte den Heutigen der Schritt nach vorne in 21. Jahrhundert nicht auch gelingen, so wie es ihre Ahnen zu ihrer Zeit geschafft haben? Das entspräche bester Familientradition.»