Querschnittgelähmt
IV-Bezüger im Rollstuhl hilft sich selbst – mit Katzenstreu-Lieferservice

Das Geschäft von Daniel Schaffner ist einzigartig –nicht nur, weil aus Katzensand Bioenergie entsteht.

Sabine Kuster
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Daniel Schaffner in seinem Geschäft und Katzensandlager in Schönenwerd.

Daniel Schaffner in seinem Geschäft und Katzensandlager in Schönenwerd.

Sabine Kuster

Er ist ein Stehauf-Männchen, auch wenn Daniel Schaffner ohne Hilfe nicht mehr stehen kann. Seine Beine sind gelähmt, seit er bei seinem ersten Reitversuch 2012 vom Pferd gefallen ist.

Bis dahin war sein Geschäft katzensand.ch gut gelaufen: Er lieferte Katzenhaltern frische Streu und nahm die alte mit. Die Entsorgung koste bei ihm weniger, als wenn man die Streu im Abfallsack entsorgen würde, sagt er.

Der querschnittgelähmte Daniel Schaffner, der Unternehmer von katzensand.ch und Petfood & more in Schönenwerd.

Der querschnittgelähmte Daniel Schaffner, der Unternehmer von katzensand.ch und Petfood & more in Schönenwerd.

Sabine Kuster

Seine kleine Firma bringt die Altstreu in eine Deponie im Aargau. Dort entsteht aus dem Kot Biogas. Mit der übrigen Streu, den Tonmineralien, wird die Deponie aufgefüllt. «In den Kehrichtverbrennungsanlagen entsteht mit Katzenstreu nur Schlacke», sagt Schaffner.

Er weiss, wovon er spricht, er war früher im mittleren Kader einer Entsorgungsfirma. Er sah, dass keiner recht wusste, wie man die Streu entsorgen soll. Daran erinnerte er sich, als er mit 50 Jahren einer Umstrukturierung zum Opfer fiel und arbeitslos wurde.

Die Idee zum eigenen Geschäft

Es war nicht der erste Tiefpunkt in seinem Leben. Er wuchs in Linn auf, den Vater hat er nie kennen gelernt, seine eigene Ehe wurde früh geschieden. Dann, als 50-jähriger Arbeitsloser, ging er aufs RAV wie alle anderen. Schrieb erfolglos eine Bewerbung nach der anderen. Dann fiel ihm die Katzenstreu ein.

Seine Basis wurde ein Raum in den Industriehallen neben dem Bally-Park in Schönenwerd. Nicht schön, kalt im Winter, aber zweckmässig. Sieben Jahre lang schuftete er, bis zum Tag, an dem ihn ein Hengst aus dem Sattel warf.

Zwar konnte seine Tochter das Geschäft übernehmen. Aber es haperte bei der Werbung und ein Chauffeur musste bezahlt werden. Als er 2013 von der Rehabilitation zurückkehrte, waren Schulden da: Zahlungsforderungen von Lieferanten und Versicherungen. Er musste Geld aufnehmen.

IV unterstützte die Firma

Die Invalidenversicherung prüfte sein Geschäftsmodell und bezahlte eine kleine Werbekampagne im Radio. Dass Leute wie er im regulären Arbeitsmarkt bleiben, ist im Interesse der IV (siehe Stellungnahme unten). Schaffner gründete «Petfood & more» und begann nebst dem Geschäft mit dem Katzenstreu in Schönenwerd auch Haustierartikel zu verkaufen.

Einiges ist nun abbezahlt, vieles nicht. «Wir haben einen riesigen Nachholbedarf», sagt Schaffner. Er kurvt mit dem Rollstuhl zwischen den Stapeln mit Streusäcken und den Kratzbäumen hindurch. Hinaus auf die Rampe. Da unten auf dem Platz steht nicht nur der Container mit der alten Streu, sondern auch sein Wohnmobil.

Hier wohnt er, seit er querschnittgelähmt ist. Zwar hat darin kein Rollstuhl Platz, aber mit Stöcken kann er einzelne Schritte selber tun und sich in der Mini-Wohnung überall abstützen. Sein Haus hätte er behindertengerecht umbauen müssen, also übergab er es seiner Tochter, die nun mit ihren zwei Kindern dort wohnt. Diese lebte damals als alleinerziehende gelernte Coiffeuse von der Sozialhilfe.

Tochter konnte wieder arbeiten

Seine Tochter war die erste, die in seinem Katzensand-Geschäft eine neue Aufgabe fand. Seither bezieht sie keine Sozialhilfe mehr. Der zweite ist der Chauffeur, ein ehemaliger Filialleiter eines Elektronikgeschäfts, der die Stelle verlor und Sozialhilfe bekommt. Weil er deshalb sein Auto verkaufen musste, leiht ihm Schaffner den Lieferwagen auch, um nach Hause zur Familie zu fahren. «Der ist jeden Morgen aufgestellt», sagt Schaffner. Ein eingebürgerter «-ic» sei der, und froh, zumindest eine Teilzeitarbeit zu haben.

IV-Bezügerin fand Arbeit

Schaffner hat als Voll-Invalider Anrecht auf einen sogenannten Assistenzbeitrag. 100 Stunden pro Monat bezahlt ihm die IV, damit er selbstständig leben und arbeiten kann und nicht ins Heim muss. Beziehungsweise, damit er jemanden anstellen kann für das, was er nicht mehr kann: sich waschen, einkaufen, die schwere Türe im Geschäftslokal öffnen, einen Ordner vom Gestell nehmen. Zwei Frauen kann er damit für je 25 bis 30 Prozent einstellen. Die eine hat einen Hundesalon und ist über den Zustupf froh.

Die andere war in einem Beschäftigungsprogramm der Trinamo AG. «Ich passte dort nicht hin», findet die Frau. «Ich bin psychisch nicht so durch den Wind und es war mir zu eintönig.» Sie sei am Ende nicht mehr motiviert gewesen, habe im Beschäftigungsprogramm keinen Lebenssinn gefunden. Jetzt hilft sie an drei Tagen die Woche nachmittags Daniel Schaffner. «Hier bin ich zufrieden», sagt sie. Weil sie selbst IV erhält, muss sie den Lohn abgeben.

Auf Sozialfirmen ist ihr Chef nicht gut zu sprechen. Schaffner kann nichts mit den Beschäftigungsprogrammen anfangen. «Es kann doch nicht sein, dass wir mit Steuergeldern Beschäftigung finanzieren, die gar keine richtige Arbeit ist», findet er.

Noch nicht über den Berg

Er ist stolz auf seine Firma. Sie bleibt seine Idee, auch wenn er sich heute fast nur noch um die Werbung kümmert. Mehr lassen die körperlichen Beschwerden wie Inkontinenz nicht mehr zu. «Ich bin im eigenen Unternehmen kein zuverlässiger Mitarbeiter mehr», sagt er. Schwinger war er in jungen Jahren und sagt: «Solange ich nicht mit dem Rücken auf dem Sägemehl liege, gebe ich nicht auf.»

Dabei ist noch nicht klar, ob der Turnaround geschafft ist. Die Firma hat 2014 wieder einen geringen Verlust gemacht, die Schulden sind noch nicht alle bezahlt. Immerhin ist das Lokal leicht renoviert, die Öffnungszeiten erweitert, Produkte-Vermarktungs-Veranstaltungen finden statt und er sagt: «Wir haben wieder eine Handbreit Wasser unter dem Kiel. Jetzt muss das Schiff wieder Fahrt aufnehmen.»

Es gebe doch 1,3 Millionen Katzenhalter in der Schweiz und diese Katzen bräuchten jährlich rund 70 000 Tonnen Streu. «Das Potenzial ist da.» Seine Firma «Petfood & More» sammelt jährlich 300 Tonnen ein. Nun muss noch mehr zusammenkommen. 2015 wird das Jahr, in dem sich entscheidet, ob Schaffner weitermachen und seiner Tochter weiter Lohn bezahlen kann.

Er selbst wird bald pensioniert, doch er hofft, dass das Geschäft bestehen bleibt. Sich selbst muss er dank den IV-Leistungen keinen Lohn auszahlen. «Das hier ist eine ganz kleine Zelle Arbeitswelt», sagt er, «nur für vier Leute, die zufrieden sind.»

Stellungnahme: Das sagt die IV über invalide Unternehmer

Die Invaliditätsversicherung des Kantons Solothurn erklärt ihre Haltung zu arbeitstätigen IV-Bezügern wie folgt: «Grundsätzlich sollen Rentenbezügerinnen und -bezüger, nach Absprache mit dem behandelnden Arzt, so viel arbeiten, wie ihnen über längere Zeitdauer zumutbar ist. Wenn eine solche Stelle gefunden wird – gerade auch durch Eigeninitiative –, sind die versicherten Personen verpflichtet, die zuständige IV-Stelle im Kanton über das veränderte Erwerbseinkommen zu informieren. Im sogenannten Rentenrevisionsverfahren wird dann individuell berechnet, wie hoch die Erwerbseinbusse im Vergleich zum Einkommen ist, welches als gesunde Person erzielt werden könnte.

Nach Bestimmung des neuen Invaliditätsgrades wird dann festgestellt, ob die Rente wie bis anhin weiter gewährt, allenfalls herabgesetzt oder aufgehoben werden muss.
Bezieht eine rentenberechtigte Person ein neues Einkommen oder wird das Einkommen erhöht, kommt es nur dann zu einer Rentenrevision, wenn das verbesserte Einkommen jährlich 1500 Franken überschreitet.

Eingliederung statt Rente ist bei den IV-Stellen ein wichtiger Grundsatz. Wir unterstützen daher die Eigeninitiative der versicherten Personen. Andererseits kann die IV zur Verbesserung der Erwerbstätigkeit von IV-Rentnerinnen und -Rentnern jederzeit Massnahmen zur Wiedereingliederung veranlassen, wenn entsprechendes Eingliederungspotenzial vorhanden ist.»