Im August hat das Bezirksgericht eine 45-jährige Türkin aus einer Agglomerationsgemeinde zu drei Jahren Gefängnis verurteilt – die Hälfte davon bedingt (die az berichtete). Das Gericht hielt es für erwiesen, dass sie vier Jahre lang eine psychische Erkrankung simuliert und so von IV und privaten Versicherern rund 200 000 Franken erschlichen hatte. Ehemann und Tochter hatten nach Kräften zur Täuschung beigetragen. An den Tag gebracht hatte diese ein Observationsvideo, das die angeblich total verwirrte und auf dauernde Betreuung angewiesene Frau ganz gelöst beim Einkaufen zeigte. Die Tochter, die sie jeweils zu den Arztbesuchen begleitet hatte, kam im August mit 15 Monaten bedingt davon. Der Ehemann der Simulantin blieb der Verhandlung damals unentschuldigt fern.

Zum zweiten Mal abwesend

Für Mittwoch war nun, extra für die Beurteilung der Beteiligung des Ehemannes an der Tat, eine zweite Verhandlung anberaumt worden. Doch erneut erschien der Beschuldigte nicht. Immerhin liess er diesmal das Gericht per Fax wissen, dass mit seinem Erscheinen nicht zu rechnen sei. Auch zwei Frauen, die als Auskunftspersonen vorgeladen waren, liessen sich nicht blicken. Nach kurzer Beratung entschied das Bezirksgericht, dass die Voraussetzungen für das Abwesenheitsverfahren erfüllt seien. Zudem könne auf die beiden Auskunftspersonen verzichtet werden.

Die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau legte dem 50-jährigen Türken zwei Delikte zur Last: gewerbsmässigen Betrug und mehrfache Nötigung. Nötigung deswegen, weil der Vater der Tochter gemäss Anklage mit Konsequenzen gedroht hatte für den Fall, dass sie nicht mitspielen sollte. Sprich: wenn sie die von ihr geforderten Falschaussagen zum Gesundheitszustand der Mutter nicht machen würde.

Yetkin Geçer, der amtliche Verteidiger des Vaters, warf Staatsanwalt Hans Frey vor, sich bei der Frage der Nötigung einzig auf Aussagen der seinerzeitigen Verteidigung der Tochter abzustützen. Bewiesen sei damit gar nichts. «Das ist weiter nichts als ein warmer Furz im leeren Raum.»

Die Tochter sagte damals, der Vater habe sie auch zur Ehe mit einem Cousin gezwungen. Diese Ehe ist mittlerweile geschieden. Die Frau, anfangs 30, hat sich in die Türkei abgesetzt und hat einen andern Mann genommen. Die Beziehung zum Vater ist zerrüttet.

Staatsanwalt Frey bezichtigte den Beschuldigten, das Simulieren seiner Ehefrau initiiert zu haben. Er habe vorsätzlich und aus egoistischen Motiven gehandelt; er sei gewerbsmässig, «nach Art eines Berufs» vorgegangen. Frey stellte fest, der Beschuldigte sei frei von Vorstrafen, zeige jedoch auch weder Reue noch Einsicht. Im Sinne der Anklage sei er mit einer Freiheitsstrafe von 4 Jahren zu belegen.

Verteidiger Geçer kramte tief in der Kiste der forensischen Theatralik und warf den Ärzten vor, geschlampt zu haben. Welcher Arzt denn daran gehindert worden sei, die Frau seines Mandanten «anständig zu untersuchen»? Offenbar werde einem in der Schweiz der Doktortitel hinterher geschmissen. Ebenso genüsslich nahm er die, wie er sagte, «staatsanwaltschaftliche Leidenschaft für abstrakte Glaskugelspiele» ins Visier. Frey konstruiere eine Tatherrschaft des Ehemannes. Effektiv sei jedoch bloss eine mittelbare Täterschaft des Mannes anzunehmen. Die Video-Beobachtung der Ehefrau sei überdies eine unzulässige Zwangsmassnahme gewesen. Sein Mandant, so Geçer, sei von Schuld und Strafe freizusprechen. Allfällige Ansprüche seien auf den Zivilweg zu verweisen.

Sechs Monate ins Gefängnis

Das Gericht unter dem Vorsitz von Gerichtspräsidentin Bettina Keller-Alder sprach den Türken in Abwesenheit vom Vorhalt der mehrfachen Nötigung frei, sprach ihn aber schuldig des gewerbsmässigen Betrugs. Es verurteilte ihn zu einer Freiheitsstrafe von 3 Jahren, davon 30 Monate aufgeschoben bei einer Probezeit von vier Jahren. Sprich: Der Beschuldigte muss, sofern er das Urteil nicht anficht, für 6 Monate ins Gefängnis.