Fall Nicky
Ist Marcel M. doch nicht schuld an Nickys Tod?

Die TV-Sendung «Reporter» enthüllt neue Details zum Fall Nicky Hoheisel: Dessen behandelnder Arzt, der sich nun erstmals öffentlich äussert, glaubt nicht, dass sein ehemaliger Patient an den Folgen einer Schlägerei gestorben ist.

Oliver Baumann
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Blumen am Tatort vor der Aarauer Kettenbrücke (Archiv)

Blumen am Tatort vor der Aarauer Kettenbrücke (Archiv)

Aargauer Zeitung

Seit Herbst letzten Jahres sitzt Marcel M. in der Strafanstalt Wauwilermoos. Der heute 25-jährige wurde im Oktober 2009 in einem aufsehenerregenden Prozess vom Bezirksgericht Aarau zu einer Haftstrafe wegen fahrlässiger Tötung, schwerer Körperverletzung und Raufhandels verurteilt.

Das Gericht sah es als erwiesen an, dass M. am 21. April 2007 bei einer Massenschlägerei vor der Aarauer Disco Kettenbrücke den damals 19-jährigen Nicky Hoheisel mit einem Faustschlag dermassen stark verletzt hatte, dass dieser zwei Monate später infolge einer Hirnblutung verstarb.

Allerdings gibt es berechtigte Zweifel daran, ob M. wirklich schuld ist an Hoheisels Tod. Das haben Recherchen des TV-Journalisten Simon Christen für den Dokumentarfilm «Marcel soll getötet haben» ergeben, den das Schweizer Fernsehen am Sonntag in der Sendereihe «Reporter» ausgestrahlt hat.

Arzt kontaktierte das Gericht

Laut dem TV-Beitrag hat der Neurochirurg Javier Fandino, der Hoheisel von seiner Einlieferung bis zu seinem Tod im Kantonsspital Aarau behandelt hatte und der sich nun erstmals öffentlich äussert, noch während des Prozesses vor Bezirksgericht Aarau den zuständigen Gerichtspräsidenten Thomas Müller telefonisch kontaktiert.

Zur Verfügung gestellt

Im Gespräch teilte er ihm mit, dass zwischen der Schlägerei und der Todesursache «keine Kausalität», also kein Zusammenhang, bestehe. Doch der Jurist hatte kein Gehör für die Einwände des Mediziners. Müller habe, so sagt Fandino, lediglich mit «Besten Dank für die Information, auf Wiederhören» geantwortet.

Um seinen Schilderungen Nachdruck zu verleihen, gelangte Fandino am 23. Oktober 2009, zwei Tage nach dem Urteilsspruch des Bezirksgerichts, in einem Brief an Müller.

In dem Schreiben, das auch der az Aargauer Zeitung vorliegt, betont Fandino, dass «aus Sicht der behandelnden Ärzte» klar hervorgehe, dass Hoheisel an einer «(...) Subarachnoidalblutung nach Ruptur eines vorbestehenden (...) Hirnaneurysmas (...)» gestorben sei. «Äussere Einwirkungen bzw. Verletzungen» hätten damit, so der Chirurg, «nichts zu tun».

Fandino ist also überzeugt, dass das Aneurysma in Hoheisels Gehirn - eine potenziell lebensbedrohliche Aussackung einer Arterie - sich bereits vor dem Zwischenfall vor der Kettenbrücke gebildet hatte. Dass es just in dem Moment zu einer schliesslich tödlichen Blutung kam, dürfte ein Zufall gewesen sein. Allenfalls, so Fandino, könnte auch ein infolge der Auseinandersetzung stark erhöhter Blutdruck eine Rolle gespielt haben.

Offizielles Gutachten widerspricht

Das offiziell vom Gericht in Auftrag gegebene Gutachten des Instituts für Rechtsmedizin der Universität Bern, das gemäss Gerichtspräsident Müller im Prozess «eine grosse Rolle gespielt» hat, kam indes zu einem ganz anderen Schluss - obwohl den Gutachtern die medizinischen Unterlagen aus dem Kantonsspital Aarau zur Verfügung standen.

An der «kausalen Verknüpfung zwischen der Schlägerei und dem Tod», heisst es im Gutachten, sei «nicht zu zweifeln.» Bei dem Aneurysma handle es sich um eine Trauma-Folge, also um die Folge eines Schlages.

Der damals verantwortliche Gutachter, Ulrich Zollinger, steht nach wie vor zu seinem Bericht. Gegenüber «Reporter» wollte er keine Stellung zu Detailfragen nehmen.

Fandino kam zu spät

Dass das Gericht auf die von Fandino erhobenen Einwände im Telefongespräch nicht eingegangen ist, erklärt Müller im Film mit formaljuristischen Gründen: Es sei nicht zulässig, dass eine «aussenstehende Person» - also Fandino - nach Abschluss der Beweisaufnahme noch auf ein Urteil versuche Einfluss zu nehmen.

Müller verwies Fandino damals ans Obergericht, an das der Fall später auch weitergezogen wurde.

Diesem hatte M.s Anwalt, Konrad Jeker, Fandinos Brief denn auch vorgelegt, um ein sogenanntes Obergutachten zu erzwingen. Das Obergericht hat diesen Antrag jedoch mit der Begründung abgelehnt, dass «keine Rede» von einem «mangelhaften oder widersprüchlichen» Gutachten sein könne.

Das Bundesgericht, wo der Fall im Frühling 2011 letztinstanzlich verhandelt wurde, wollte von einem neuen Gutachten ebenfalls nichts wissen. Es hat lediglich die Reduzierung des Strafmasses für Marcel M. um ein Jahr auf vier Jahre bestätigt.

Ein Privatgutachten, das Fandinos Einschätzungen allenfalls gestützt hätte, hat Anwalt Jeker laut «Reporter» nie eingeholt - unter anderem auch aus Kostengründen.