Nachtleben

Ist Aarau ein Altersheim? Einwohnerrätin löst grosse Debatte aus

In Aarau findet man kaum Tanzmöglichkeiten für die Jungen (Symbolbild)

In Aarau findet man kaum Tanzmöglichkeiten für die Jungen (Symbolbild)

Die 28-jährige Einwohnerrätin Olivia Müller nennt Aarau in einem az-Interview ein «Altersheim», was die Ausgangsszene angeht. Sie entfacht mit ihren provokativen Aussagen eine kontroverse Debatte.

Am Wochenende machte die 28-jährige Aarauer Einwohnerrätin Olivia Müller mit ihrer Aussage, dass Aarau zu einem Altersheim verkomme, auf sich aufmerksam.

Sie kritisiert dabei, dass die Clubszene in Aarau am Aussterben sei und nichts dagegen unternommen werde: «Heute, wo die Bars um 2 Uhr schliessen, stehen die Leute danach oft noch in den Gassen herum und möchten eigentlich gerne weiter.»

Dass dieses Thema sehr kontrovers ist, zeigt sich auch in den Kommentarspalten auf unserer Homepage und auf Facebook. Das Thema wird rege diskutiert und teilte unsere Leserschaft. Zum einen die Anwohner, die auf Ruhe aus sind, zum anderen die meist jungen Leserinnen und Leser, die sich mehr Ausgangsmöglichkeiten wünschen. 

Alle im selben Boot

«Endlich eine junge aktive Einwohnerrätin, welche sich auch getraut, eine anregende, interessante Diskussion zu provozieren. Dazu braucht es Mut und Standfestigkeit!», findet eine Userin und bleibt optimistisch: «Es ist zu hoffen, die Diskussion und die guten Anregungen versanden nicht. Ich freue mich als alte Aarauerin auf zukünftige innovative Ideen und Projekte in Aarau, für Alt und Jung gemäss dem Credo von Frau Müller, sei es in der Altstadt, am Aareufer oder an weiteren Standorten.»

Ganz anderer Meinung ist hingegen die Leserin Roswitta Steiner im ersten Kommentar: «Warum sollen sich 95 Prozent der ruhe- und friedliebenden Aarauer-Bevölkerung durch 5 Prozent radaumachender und lärmender Leute in der Nachtruhe stören lassen? Meine Frage: Worin wäre ein, für die Stadt aufwertender und nachhaltiger Vorteil zu sehen?»

Diese Spaltung der Bewohner existiert für User Bärtschi R. nicht ganz. Für ihn sitzen alle im selben Boot: «Eine interessante und belebte Stadt, vor allem Altstadt, muss im Interesse aller Aarauer sein.» 

Der in der Aarauer Altstadt wohnhafte Hans Loschtig fordert ebenfalls mehr miteinander: «Das die Einwohnerschaft in der Altstadt zunehmend bieder und langweilig ist, ist allgemein bekannt aber verwundert das wirklich? Oder anders gefragt: Ist es schlimm? Schliesslich wohnen die meisten bereits länger da, als es die momentane Bewegung gibt. Wirklich traurig stimmt mich aber, dass es anscheinend nur weiss und schwarz gibt. Die einen wollen eine Party-Altstadt, die anderen einen Friedhof. Richtig wäre doch, eine belebte Altstadt und ein nahes «Fest-Gelände», sprich zum Beispiel ein umfunktioniertes Zeughaus.» Das alte Zeughaus war ebenfalls ein Vorschlag von der jungen Einwohnerrätin gewesen.

Ungenutztes Potential

Insgesamt bekommt Olivia Müller viel Zustimmung. Sidran Mesa schreibt auf dem Onlineportal: «Die Aarauer Jugend geht schon lange nicht mehr in Aarau in den Ausgang. Abgesehen von den Partys im KiFF und im Flösserplatz ist Aarau lediglich für Ü30er ein mehr oder weniger attraktives Ausgangsziel. Jugendliche gehen viel lieber ins nahegelegene Olten oder nach Zürich und Luzern.»

Und User Nicolas meint: «Aarau befindet sich für mich derzeit in einer Krise und ist weiterhin dabei, an allen Ecken und Enden den Anschluss zu verlieren. Da liegt so viel ungenutztes Potential brach, dass es schlicht weh tut.»

Einen Blick auf die Liste der Ausgehmöglichkeiten in Aarau bestätigt das. Tatsächlich hat es nur noch drei namhafte Clubs bei der Altstadt: Den oben genannten Flösserplatz, den Boiler und den 3.Stock.

Bars und Pubs hat es einige, gerade in der Altstadt, doch keine hat länger geöffnet als zwei Uhr in der Früh, die meisten schliessen früher. Damit wurde die 2012 vorgeschlagene Änderung der Ergebniskonferenz gut umgesetzt: Man sah vor, dass die laute Partyszene aus der Altstadt verschwinden soll, das Littering soll zurückgehen.

Der Wunsch nach mehr Ausgeh-Möglichkeiten präzisiert Leser Maurice Dupont: «Es geht ja nicht darum, alle Partygänger in die Altstadt zu treiben. Aarau hat genügend Gebiete, in welchen ein Partylokal nicht sonderlich stört. Ein veritabler Ersatz fürs KBA würde schon viel bringen. Es braucht also nicht eine riesige Auswahl an Partylokalen. Vielmehr geht es darum als Kleinstadt auch bei den Jungen im Gespräch zu bleiben und somit auch um Imagepflege.»

Gleichzeitig vergleicht er Aarau mit Brugg, welche, ihm zufolge, in den letzten Jahren eingeschlafen sei und so bei jedem Jugendlichen «spätestens nach dem Studium vergessen ist.»

Rücksicht auf die Jugend

Dass mit der Schliessung des KBA, dem «Club Kettenbrücke», im Oktober 2013 das «Herzstück» der Clubszene Aaraus genommen wurde, findet auch User David via Facebook. Er fordert daher von der Stadt: «Gebt der jungen Generation endlich wieder was zurück!» Und kritisiert dabei, dass sie nie berücksichtigt werden: «Im Torfeld Süd ist ein neuer Stadtteil im Bau! Ein Club? Fehlanzeige!»

Ein Problem, dass viele mit der Ausgangsszene haben, ist laut einem Userdie Zeitenüberschneidungdie er sich selbst nicht erklären kann: «Früher ging man um 20 Uhr bis maximal ein Uhr morgens in den Ausgang. Warum heute vor 23 Uhr tote Hose ist, aber bis fünf Uhr früh gefestet wird, weiss ich nicht. Dass die meisten zwischen Mitternacht und sechs Uhr am Schlafen sind, leuchtet ein. Nur weil sich das Nachtleben verschiebt, wollen Leute, die schon Jahrzehnte in der Altstadt wohnen, nicht die ganze Nacht mit Lärm zugedröhnt werden.»

Eine ganz essenzielle Frage zum Thema Ausgang stellt aber Leserin Christine Steffen: «Braucht eine Stadt Anschluss in Sachen Ausgang? Ist es eine Schande, eine Provinzstadt zu sein? Muss jede Ortschaft in der Schweiz zu einer Grossstadt verkommen? Ich persönlich finde es gut, dass es noch ruhige Ecken in der Schweiz gibt.»

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