Aarauer Theater-Projekt
Initiantin von «Generationenclub»: «Ich hasse das Wort Integration, darum geht's uns nicht»

Im «Generationenclub» des Aarauer Tuchlaube-Theaters sollen Kulturen und Generationen kreativ zusammenprallen. Die Idee dahinter ist einfach: Theaterbegeisterte Menschen zwischen 16 und 99 mit verschiedenen kulturellen Hintergründen sollen gemeinsam ein Theaterstück erarbeiten, das im Januar 2017 aufgeführt wird.

Samuel Schumacher
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Zum Erkennen von Gewohnheiten sind unterschiedliche Kulturen eine Grundlage.Samuel Schumacher

Zum Erkennen von Gewohnheiten sind unterschiedliche Kulturen eine Grundlage.Samuel Schumacher

Samuel Schumacher

Eigentlich sei es beim Theaterspielen genau wie beim Kochen, sagt Carine Kapinga und wirft theatralisch verschiedene Zutaten in einen imaginären Kochtopf auf dem Lounge-Tischchen vor ihr. «Verschiedene Menschen kommen zusammen, jeder bringt seine Lieblingszutaten mit und dann kreiert man gemeinsam etwas Spannendes, das allen schmeckt.» Genau das wollen Carine Kapinga und Deborah Imhof im Aarauer Theater Tuchlaube tun. Die beiden Theaterschaffenden leiten das Projekt «Generationenclub», das Anfang Februar offiziell losgeht.

Die Idee dahinter ist einfach: Theaterbegeisterte Menschen zwischen 16 und 99 mit verschiedenen kulturellen Hintergründen sollen in wöchentlichen Proben gemeinsam ein Theaterstück erarbeiten, das im Januar 2017 an drei Abenden auf der Tuchlaubenbühne aufgeführt wird. «Wohin die theatralische Reise geht und wie wir die Aufführungen schliesslich gestalten, hängt stark von den Vorstellungen und Wünschen der Teilnehmenden ab und ist heute noch völlig offen», erklärt Deborah Imhof. Fest steht einzig das Thema, das im Zentrum stehen wird: Rituale.

Auf dieses Thema haben sich Imhof und Kapinga im August 2015 geeinigt, kurz nachdem sie der Tuchlauben-Leitung für das Generationenclub-Projekt zugesagt hatten. «Rituale ist natürlich ein riesiges Thema», sagt Deborah Imhof. Wie unterschiedlich verschiedene Menschen den Begriff verstehen, zeigt sich nur schon bei den beiden Generationenclub-Leiterinnen selbst. «Für mich gehören Rituale zu meinem Alltag. Ich nehme zum Beispiel immer am Premierentag einer neuen Aufführung ein langes Bad», erzählt Imhof. Ihre Kollegin, die 2010 aus der Demokratischen Republik Kongo in die Schweiz kam, muss lachen. «Dass die Leute in der Schweiz Rituale im Alltag haben, war mir anfänglich völlig fremd», sagt Carine Kapinga. «Bei uns im Kongo ist der Alltag oft chaotisch, jeder Tag ist neu, da ist kein Platz für Alltagsrituale.» Rituale für sie, das sei der Kirchgang am frühen Sonntagmorgen mit der ganzen Familie.

Zwei Menschen, zwei Kulturen, zwei unterschiedliche Auffassungen davon, was Rituale sind. «Genau das wollen wir», sagt Deborah Imhof. «Aus dem interkulturellen Austausch voneinander lernen und unsere Erfahrungen in ein Theaterstück verpacken.» Ein theaterpädagogisches Integrationsprojekt also? «Nein», betont Kapinga. «Ich hasse das Wort Integration, darum gehts uns nicht», sagt sie und lacht wieder. «Integration heisst, dass es etwas Richtiges gibt, in das man etwas Fremdes, etwas Anderes integrieren muss. Wir aber wollen gemeinsam etwas völlig Neues schaffen.»

Man mag das als theatralische Träumerei abtun. Die Generationenclub-Leiterinnen haben aber mehrfach unter Beweis gestellt, dass sie bereit sind, mit vollem Einsatz ihre Ideen umzusetzen. Dass die Theaterbühne der ideale Ort ist, um über Grenzen hinwegzudenken und Vorurteile abzubauen, das weiss Carine Kapinga spätestens, seit sie in Kinshasa ein Theaterprojekt für vergewaltigte Frauen betreute. «Damals habe ich gelernt, dass ich als Theaterschaffende jenen eine Stimme geben kann, die ansonsten kaum erhört werden würden.»

Im Generationenclub der Tuchlaube sollen in den kommenden Monaten aber nicht nur verschiedene Kulturen, sondern auch verschiedene Generationen kreativ zusammenwirken. Sechs Schauspielbegeisterte im Alter zwischen 25 und 75 haben sich bereits für das einjährige Projekt angemeldet. Carine Kapinga und Deborah Imhof hoffen auf ein paar zusätzliche Anmeldungen bis zum Anmeldeschluss am 29. Januar.

«Eine kongolesische Durchschnittsfamilie hat etwa 15 Kinder. Wenn wir diese Zahl erreichen, dann sind wir eine tolle interkulturelle Truppe, die ein richtig spannendes Projekt auf die Beine stellen kann», ist Carine Kapinga überzeugt. Und was müssen die Generationenclub-Teilnehmer mitbringen? «Freude am Theaterspielen und am kreativen Mitwirken. Das reicht vollkommen», sagt Deborah Imhof. «Den ganzen Rest erarbeiten wir uns gemeinsam. Wir haben schliesslich ein ganzes Jahr Zeit. Das wird super!»

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