Gränichen
In dieser Briefzustellung sind vier Lernende die Chefs

In der Briefzustellung in Gränichen sind vier Lehrlinge die Chefs. Es ist schweizweit die erste Filiale, die von lernenden Pöstlern betrieben wird. Diese sollen dadurch Karriere machen bei der Post.

Bastian Heiniger
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Ihnen gefällt ihre neue Aufgabe. Von links: Patrick Ganz, David Vincenz, Hendrik Sussmann, Philipp Schnarwiler.

Ihnen gefällt ihre neue Aufgabe. Von links: Patrick Ganz, David Vincenz, Hendrik Sussmann, Philipp Schnarwiler.

Chris Iseli

Die Idee stammt von Lehrabgängern: Sie fragten Beat Stirnemann, Leiter der Briefzustellung Aarau, ob nicht Lehrlinge eine Zustellstelle der Post führen könnten. Schliesslich leiten Detailhandelslehrlinge seit 2008 auch bestimmte Poststellen. Warum also nicht lernende Briefträger, die einen Betrieb selber führen?

Eine gute Idee, fand Stirnemann. Das war 2012. Nach zwei Jahren Vorbereitung, war es nun soweit: Im August haben vier Lehrlinge die Briefzustellung in Gränichen übernommen – als ersten Posten in der Schweiz. Ob bald andere nachziehen, sei noch offen, meint Stirnemann. Gränichen ist ein Pilotprojekt. Eine erste Bilanz ziehen sie nach einem Jahr.

Zwei erfahrene Coaches unterstützen die lernenden Briefträger. Nächstes Jahr stossen noch einmal vier Stifte dazu. Mit acht Auszubildenden sei das Team dann komplett. Die bisher angestellten Briefträger werden nach und nach versetzt. Kündigungen gibt es keine.

Chance auf Karriere verbessern

Es sind ausgewählte Lehrlinge, die in Gränichen arbeiten – alle vier im zweiten Lehrjahr. Auf die Stelle durften sich Briefträgerlehrlinge aus der ganzen Schweiz bewerben. Die Absicht: Junge Kaderleute heranbilden, die später einmal leitende Positionen besetzen, sagt Stirnemann. Er findet es wichtig, dass neue Führungskräfte ausgebildet werden. «Früher haben wir Kaderleute ‹on the Job› rekrutiert. Dank dem neuen Projekt können wir gezielter schulen», sagt er. «Eine gute Chance», fand Hendrik Sussmann aus Windisch. Er habe sich beworben wegen der Aussicht auf eine Kaderstelle. Ähnlich war es bei Patrick Ganz aus Windisch: «Ich möchte so weit kommen wie möglich», sagt er. Und David Vincenz ist eigens für die Stelle von Thun nach Gränichen gezogen. Hier könne er grössere Touren fahren und mehr Verantwortung übernehmen. Das gefalle ihm, auch wenn es mehr Arbeit gäbe.

Anders als gewöhnliche Briefträgerlehrlinge übernehmen die Stifte in Gränichen auch Büroarbeiten: Personalplanung, Adressenpflege, Reklamationen, und wenn jemand ein Haus baut, wählen sie mit den Bauherren den Briefkastenstandort. Speziell ist auch, dass die vier weiterhin in ihren ursprünglichen Gebieten die Berufsschule besuchen. So blieben sie in ihren Regionen verankert, sagt Stirnemann. Der Vorteil: Alle haben an anderen Tagen Berufsschule, es gibt keine grösseren Ausfälle. Weshalb aber gerade Gränichen als Standort? Stirnemann führt zwei Gründe auf: Erstens wurde letztes Jahr der ehemalige Leiter pensioniert, zweitens ist Gränichen eine komplette Poststelle mit Postfächern und einer Brief- und Paketzustellung. Zudem sind hier Schalter und Zustellung noch im selben Gebäude. Das sei oft nicht mehr der Fall. Die Lehrlinge bekämen hier auch einen Eindruck, wie es am Schalter laufe.

Es gab auch Reklamationen

Im Dorf sind indes nicht alle zufrieden. Stirnemann räumt ein, dass es Reklamationen gab. Manche Kunden wünschen sich immer denselben Briefträger. Andere bestehen darauf, dass er jeweils um die gleiche Zeit kommt. Das aber sei nicht möglich, meint er. Aufgrund der Berufsschule würden die Touren von Tag zu Tag angepasst. Die Stifte wechseln sich ihre Strecken ab. Dennoch: Die Qualität bleibe gleich.

Die jungen Briefträger versuchen, auf die verschiedenen Kundenwünsche einzugehen. Hendrik Sussmann etwa merkt sich, wer Werbung will und wer nicht. Auch Spezialwünsche berücksichtigt er: «Einige Kunden wollen etwas Bestimmtes zuoberst, andere wünschen sich die Post im Milchkästchen.» Er versuche, sich alles einzuprägen.