Erlinsbach
In der Walpurgisnacht schleichen die «Stäcklibuebe» durch die Strassen

In der Nacht vom Mittwoch auf Donnerstag schlagen die «Stäcklibuebe» in Erlinsbach die Namen ihrer Jahrgängerinnen an die Maibäume und stibitzen alles, was nicht niet- und nagelfest ist. Woher kommt dieser Brauch überhaupt?

Hermann Rauber
Drucken
Teilen
Bitte abholen: Stäcklibuebe zügeln jedes Jahr am 1. Mai Gegenstände auf den Dorfplatz, wie hier 2008.

Bitte abholen: Stäcklibuebe zügeln jedes Jahr am 1. Mai Gegenstände auf den Dorfplatz, wie hier 2008.

az-Archiv

In der Walpurgisnacht, also von heute Mittwoch auf Donnerstag, sind in Erlinsbach wieder die «Stäcklibuebe» unterwegs. Dies- und jenseits des Erzbachs stellen die Burschen des Jahrgangs 1995 ihren traditionellen «Maibaum» auf, und zwar auf dem Rössliplatz im aargauischen Gebiet und auf dem Dorfplatz im solothurnischen. Auf einer grossen Tanne erweist die männliche Jugend ihren Jahrgängerinnen die Ehre. Die entsprechenden Vornamen der holden Weiblichkeit stehen auf Holztafeln am festlich geschmückten Stamm.

Weltkulturerbe der Unesco

Der Brauch der «Stäcklibuebe» stammt aus jener Zeit, in der die Stellungspflichtigen aus dem Dorf gemeinsam zur militärischen Aushebung antreten mussten. Auf dem Heimweg genehmigte die Jungmannschaft sich gerne und ausgiebig alkoholische Getränke und trieb allerlei Schabernack. Mit der Einführung von sechs grossen Rekrutierungszentren in der Schweiz hat sich die Praxis des ersten Kontakts mit der Armee verändert. Geblieben ist das Ritual der «Stäcklibuebe», das sich sogar auf der Liste der lebendigen Traditionen befindet und damit zum Weltkulturerbe der Unesco zählt.

Nicht mehr nur Buben vorbehalten

«Stäcklibuebe» trifft man vor allem noch in den Kantonen Solothurn und Aargau häufig, im Baselbiet eher seltener an. Ein Schwerpunkt des Brauchtums liegt im Niederamt mit Gretzenbach, Lostorf, Niedergösgen, Starrkirch-Wil und Erlinsbach. Weiter östlich ist die Tradition zum Beispiel auch in Lupfig, Birr oder Mühlau bekannt, wobei man hier nicht von «Stäckli»-, sondern von «Maibuben» spricht. In jüngster Zeit beteiligen sich auch «Stäcklimeitli» aktiv an diesem Brauch.

Zu den nächtlichen Gebräuchen vom 30. April auf den 1. Mai gehört das «Stibitzen» von Gegenständen, die nicht niet- und nagelfest gesichert sind. So türmen sich jeweils am andern Morgen auf dem Dorfplatz Gartenmöbel und andere Requisiten, die dann von den Besitzern wieder abgeholt werden müssen. Dabei geht es um eine Gratwanderung zwischen toleriertem Streich und ärgerlicher Sachbeschädigung.

Mit Vignette vom Spuk freikaufen

Im jüngsten Gemeindebulletin von Erlinsbach SO empfiehlt denn auch der Jahrgang 1995, fahrbare Habe vorsorglich «ins Haus oder in die Garage zu räumen». Es bestehe aber auch die Möglichkeit, sich mit einer Vignette vor dem nächtlichen Spuk freizukaufen. Allerdings scheint dieses Vorgehen im vergangenen Jahr nicht einwandfrei funktioniert zu haben. So machten mindestens die «Stäcklibuebe» im solothurnischen Erlinsbach 2013 reiche «Beute», Vignette hin oder her. Im Gemeindebulletin von Erlinsbach AG wird ebenfalls auf den Brauch hingewiesen, mit der Zusatzvermutung, dass einige Einwohner die Gelegenheit der Walpurgisnacht nutzen, um nicht mehr gebrauchtes Sperrgut auf elegante Weise zu «entsorgen» und loszuwerden.

Die «Stäcklibuebe» sind kulturell noch immer fest verankert und gehören vor allem in den beiden Erlinsbach zum «festen Jahresprogramm», auch wenn sie hie und da zu Diskussionen Anlass geben. Gerade das mag mit ein Grund sein, dass das Brauchtum bis auf den heutigen Tag lebendig geblieben ist.

Aktuelle Nachrichten