Aarau
In der Schatzkammer der Zirkel-Pioniere

Das Aarauer Stadtmuseum bietet neu einen Rundgang durch die Sammlung der Firma Kern an, die für ihre Zirkel bekannt war.

Hermann Rauber
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Zeigt die technischen Meisterstücke aus der jahrhundertealten Geschichte des Familienbetriebs Kern: Museumspädagogin Claudia Lüscher. Chris Iseli

Zeigt die technischen Meisterstücke aus der jahrhundertealten Geschichte des Familienbetriebs Kern: Museumspädagogin Claudia Lüscher. Chris Iseli

Chris Iseli

Der Schulzirkel oder Weltraumobjektive sind zwei Produkte, die in der ehemaligen Aarauer Firma Kern und Co. AG entstanden sind. Heute leben sie nur noch als Ausstellungsstücke im Stadtmuseum Schlössli weiter. Die sogenannte «Sammlung Kern» konnte beim Verkauf des Familienunternehmens 1988 als Nachlass für die Öffentlichkeit gerettet werden.

Dank diesem Glücksfall und mit tatkräftiger Hilfe von ehemaligen «Kernianern» kann das Museum einen bedeutenden Teil der Technik- und Industriegeschichte mit der Marke «Aarau» zeigen. Unter dem Titel «Der Kreis der Kerns» werden diese Zeugen nun auch mit einem Rundgang für ein weiteres Publikum sichtbar gemacht.

Dass die Museumspädagogin Claudia Lüscher die Zeitreise im ehemaligen Zivilschutzbunker am Schlösslirain mit dem Zirkel startet, ist kein Zufall. Firmengründer Jakob Kern begann mit der Produktion dieses Verkaufsschlagers bereits 1819. Doch der Familienbetrieb ruhte sich nicht auf den ersten Lorbeeren aus. Bald kam die Sparte der Vermessungsgeräte hinzu. Prunkstück der «Kern-Sammlung» ist ein Borda-Kreis, der im Auftrag von General Henri Dufour 1835 in Handarbeit und aus Messing hergestellt wurde und damit ein wesentliches Hilfsmittel für die Dufour-Karte der Schweiz darstellte.

Zum Sortiment gehörten aber auch Absteckungs-Theodolite für die grossen Tunnelbauten am Gotthard und Simplon im 19. Jahrhundert. Beim erfolgreichen Durchstich zeigte sich die Genauigkeit dieser Instrumente, betrug doch die Abweichung des beidseitigen Vortriebs am Ende lediglich ein paar Zentimeter. Von solchen Erfolgen beflügelt, begann Kern ab 1896 mit der Serienfertigung samt fortlaufender Nummerierung für die inzwischen weltweite Kundschaft. Hinzu kamen Grossaufträge der Armee für Feldstecher und Fernrohre. Eine eigene Optikabteilung entwickelte schliesslich Linsen und Objektive für die Fotografie (zum Beispiel für Bolex-Paillard) oder gar für die Weltraumtechnik. Denn ein Kern-Produkt schaffte es dank einem Auftrag der NASA 1969 im Rahmen der Mission Apollo 11 bis auf den Mond.

Die Kern-Mitarbeiter waren nicht nur tüchtig und qualitätsbewusst, sondern bis zuletzt auch innovativ. Kurz vor dem Ende des Unternehmens entwickelte man einen Apparat für die digitale Photogrammetrie, ein dreidimensionales Prinzip der Kartografie, das heute noch angewendet wird. Nach fünf Generationen war für das Familienunternehmen Ende der 1980er Jahre aber Schluss. Das ebenfalls ausgestellte Aktienbuch der Kern und Co. AG dokumentiert, wie der letzte Vertreter der Dynastie, Peter Kern, sukzessive Aktien von Privaten zurückkaufte, bis er eine Mehrheit in seinem Besitz hatte und das Paket der Konkurrentin, der Wild-Leitz-Gruppe, veräusserte.

Geblieben ist der Nachlass, der rund 1700 Exponate umfasst, neben zahlreichen Instrumenten auch Kataloge, Skizzen und Pläne, ja sogar Werbefilme. Die Studiensammlung Kern zog bis jetzt vor allem Fachleute in ihren Bann. Jetzt möchte das Stadtmuseum diesen Einblick in die Welt der einstigen Firma Kern auch einem breiteren Kreis ermöglichen.

Führungen lassen sich für Gruppen von maximal 15 Personen buchen: museum@aarau.ch oder 062 836 05 17.