Aarau
In der Orgel der Stadtkirche heult der Staubsauger

Die Hauptorgel der Stadtkirche gibt zwölf Wochen lang keinen Ton von sich – sie wird in ihre Einzelteile zerlegt. Der Orgelbauer erklärt, wie er am Schluss weiss, welches Teil wohin gehört.

Katja Schlegel
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Ungewohnte Anblicke
10 Bilder
Orgelbauer Oliver Anghileri mit einer Schleife
In der riesigen Orgel steckt kleinste Feinarbeitn
Organistin Nadia Bacchetta sagt, die Hauptorgel sei ein fantastisches Instrument
Die Orgel der Stadtkirche Aarau muss geputzt werden
Die Schleifen funktionieren wie Lochkarten
Die Pfeife für den höchsten Ton ist dünner als ein Bleistift
Der Prospekt ist bald 260 Jahre alt
Die Orgel-Innereien
Auch der Spieltisch wird in seine Einzelteile zerlegt und geputzt

Ungewohnte Anblicke

Jiri Reiner

Die Hauptorgel in der Stadtkirche ist verstummt. Ihre 4685 Stimmen, die Orgelpfeifen, müssen mitsamt den Windkanälen, Schiebern, Ventilen und Pedalen geputzt werden. Dazu wird das mächtige Instrument in seine Abertausenden Einzelteile zerlegt. Es gilt: Bloss kein Durcheinander machen. Am Montag haben die Revisionsarbeiten begonnen.

Die Mitarbeiter der Orgelbaufirma Kuhn aus Männedorf – die gleiche Firma, die die Orgel 1962 bereits gebaut hat – haben das erste von vier Werken, das Schwellwerk, leergeräumt. Auf der Empore liegen auf Regalen hunderte Zinnpfeifen in Reih und Glied, die grössten dick wie eine prächtige italienische Salami, die kleinsten dünner als Bleistifte. Organistin Nadia Bacchetta zieht die allerdünnste Pfeife aus dem Gestell, die Terz 1 3/5 G, und bläst hinein. «Goldtröpfli» nennt Bacchetta den Ton, der jeden Marder in helle Aufregung versetzen würde.

Der älteste Teil ist 259 Jahre alt

Der älteste Teil der Aarauer Hauptorgel ist der barocke Prospekt aus dem Jahr 1756. Bis dahin hatte die Kirche über keine Orgel mehr verfügt. Reformator Zwingli hatte Kirchenmusik als störend empfunden und kurzerhand verboten. Nach der Aufhebung des Orgelbanns konnten die Aarauer die Orgel der Berner Predigerkirche günstig erstehen, wie Sibylle Ehrismann in der Broschüre «Klangraum Stadtkirche» schreibt. 1755 traf die Orgel auf dem Wasserweg in Aarau ein. Doch die Orgel musste immer wieder geflickt werden. 1891 entschied man sich für einen Neubau von Friedrich Goll. Hinter dem Prospekt steht heute die 1962 fertiggestellte Orgel der Firma Kuhn aus Männedorf mit 4493 Zinn- und 192 Holzpfeifen. Die Orgel verfügt über vier Werke (Brustwerk, Schwellwerk, Hauptwerk und Rückpositiv) und 61 Register. Als eine der ersten Orgeln in der Schweiz verfügt die Orgel in der Stadtkirche über einen freistehenden Spieltisch. (ksc)

Weniger Dreck bei Reformierten

Im Innern der Orgel rumort es. Über dünne Planken und eine Holzleiter geht es hoch zum leeren Schwellwerk. Dort sitzt Orgelbauer Oliver Anghileri und löst die Schleifen; gelochte Holzbalken, die beim Anwählen des Registers wie eine Lochkarte unter die Pfeifen geschoben werden und so dem Luftstrom den Weg freimachen. Mit einem Staubsauger holt Anghileri den Dreck aus den Löchern. Damit kein Durcheinander entsteht, ist alles angeschrieben und durchnummeriert. «Zum Glück», sagt Anghileri. Das sei der Vorteil der jüngeren Orgeln. «In den Dreissigerjahren hat man noch einfach gebaut, später wurde alles gewissenhaft angeschrieben.»

Die Revision einer Orgel ist eine Fleissarbeit: Jede Pfeife wird kontrolliert, Lötstellen ausgebessert, Risse aufgefüllt und je nach Grösse mit einem Besen, ähnlich dem eines Schornsteinfegers, oder mit Pressluft herausgeputzt. Da machen es die Reformierten den Orgelbauern übrigens einfacher als die Katholiken: «Bei den Orgeln in katholischen Kirchen ist die Dreckschicht viel dicker, weil sich der Russ der Kerzen mit ablagert», sagt Anghileri.

Der Blick hinter den Orgelprospekt, die Fassade der Orgel, zeigt, warum die Orgel die «Königin der Instrumente» genannt wird: Gross wie ein Einfamilienhaus ist die Konstruktion, über zwei Stockwerke hoch. Der Vergleich kommt nicht von ungefähr. «Sie hat nicht nur die Grösse eines Einfamilienhauses, sie kostet auch so viel», sagt Bacchetta. Um mit dem Blasebalg genügend Luft für die Orgel zu produzieren, waren früher einige starke Mannen nötig. Heute übernimmt ein Elektromotor diese schweisstreibende Arbeit.

Mit 61 Registern, einer Pfeifenreihe gleicher Klangfarbe, ist die Aarauer Orgel in ihrer Bandbreite gewaltig. Speziell ist laut Bacchetta, dass es die Orgelbauer damals verstanden haben, die barocken und romantischen Stimmungen zu verbinden, ohne dass sie sich beissen. Denn während im Barock hohe, glitzernde Klänge gefragt waren, war die Romantik breit und weich. «Diese Orgel kann beides, das ist fantastisch», sagt Bacchetta. «Das ist ein unglaublich gutes Instrument.»

Es wird bis Ostern dauern, bis Nadia Bacchetta wieder auf ihrer Orgel spielen kann. Bis dahin kommt die Chororgel, das «Schwalbennest», zum Einsatz. Diese bietet mit ihrer barocken Stimmung längst nicht so viele Möglichkeiten wie die Hauptorgel. Aber das macht Bacchetta nichts aus: «Bis dahin spiele ich einfach viel Bach.»