Früher war man hier fast alleine. «Es war wunderschön», sagt die Ur-Aarauerin. Aufgewachsen an der Bahnhofstrasse, hat sie vor 40 Jahren am westlichsten Rand der Stadt mit ihrem Mann ein Haus gebaut: am Hungerberg. Seither hat das Ehepaar, das ohne Namen bleiben möchte, Gesellschaft bekommen von anderen Sonnenhungrigen. Aber die Aussicht auf die Stadt ist frei geblieben.

Der Hungerberg ist ein guter Ausgangsort für einen Streifgang durch Aaraus zwanzig Quartiere. In der Wintersonne leuchtet unten die neue Überbauung Aarepark, dahinter thront die Altstadt, seit Jahrhunderten ist ihre Skyline fast unverändert.

Sie fühlten sich auch hier an der Stadtgrenze als echte Aarauer, sagt das Ehepaar vom Hungerberg. «Ennet dem Jordan», hat man früher gesagt - es ist nicht direkt das Paradies, aber wer hier wohnt, dem geht es gut. Wohl nirgends in Aarau steht so viel neue Architektur. «Die Leute sind für sich, man schaut einander nicht in den Garten», sagt eine Mutter. Am Weinbergfest im August nimmt sie teil, «wenn es grad passt».

Ausländer wohnen im Schatten

Der Sonnenberg hat eine Schattenseite. Im Tannengut, mit nur 250 Bewohnern eines der kleinsten Aarauer Quartiere, scheint die Sonne nur morgens kurz hin. Es ist das Quartier mit dem zweithöchsten Ausländeranteil (44%). Ausländische Kinder gibt es gar doppelt so viele wie Schweizer Kinder.

Extremer ist Aarau nur im Torfeld Nord. Etwas über 100 Personen wohnen im Niemandsland zwischen Rohrerstrasse und den Bahngeleisen, die Hälfte sind Ausländer. Der Heimweg entlang der Rohrerstrasse ist eine Zumutung, in Aarau kommt diese Industriegegend dem Begriff Getto am nächsten.

Ein schöner Splitter

Gleich auf der anderen Seite der Strasse liegt das Rössligut, ein schöner Splitter Gartenstadt. Sogar in der Telli gibt es die Gartenstadt. Lange war das grösste Aarauer Quartier (3700 Bewohner) das Sorgenkind Aaraus. Aber das Siedlungsentwicklungsprojekt «Allons-y Telli!» 2001-2006 zeigte: Gravierend ist die Situation nicht, von einer Monokultur kann keine Rede sein. Und die Projekte zur Integration hätten etwas bewirkt, sagt eine langjährige Bewohnerin der «Staumauer», wie die Telli-Hochhäuser genannt werden.

Die Wiesen und Spielplätze werden auch von den Familien der angrenzenden Wohnbaugenossenschaft «Abau» genutzt. «Die Kinder aus den Hochhäusern», definiert eine Mutter der Siedlung den Unterschied, «sind seltener draussen als unsere hier.»

Rohr ist am Wachsen

Was die Stadt aus der Telli punkto Förderung der Lebensqualität gelernt hat, kann sie jetzt in den Neubaugebieten im Stadtteil Rohr anwenden. Während das alte Aarau seit 1960 bevölkerungsmässig nicht gewachsen ist (1960: 17 000 Einwohner, 2009: 16 200), boomt Rohr. Im Quartier Ausserfeld werden Blöcke gebaut.

Ueli Stieger, der Stadtentwickler von Aarau, sagt: «Wir müssen auch hier darauf achten, dass kein isoliertes Quartier entsteht.»
Das Torfeld Süd, abgeschnitten von der stark befahrenen Buchserstrasse, versucht die Stadt jetzt an Aarau anzudocken. Wird das Projekt Torfeld Süd Realität, so soll eine Allee die Buchserstrasse säumen und das Quartier zusätzlich zum geplanten Park freundlicher machen.

«Aber das Torfeld Süd», sagt der Stadtentwickler, «wird nie ein Gartenstadtquartier.» Dazu sei der Nutzungsdruck viel zu hoch und Bahnhof und Zentrum viel zu gut erreichbar. Auch billiger Wohnraum wird kaum entstehen, das Land ist wie fast überall in Aarau Privateigentum, die Eigentümer wollen Profit. Das Fördern von günstigem Wohnraum ist in Aarau noch kein Thema. «Es gibt praktisch keine Unterschiede zu den Mietpreisen in den Nachbargemeinden», begründet Stieger dies. Und so steigen die Mieten wie in allen Städten.

Viel mehr Arbeitsplätze

Obwohl die Wohnbevölkerung nicht wächst, wird gebaut. Die Menschen wollen immer mehr Platz zum Wohnen, damit ist zu erklären, dass das Ehepaar am Hungerberg trotz stagnierender Einwohnerzahl viele Nachbarn bekommen hat. Hinzu kommt in Aarau aber auch, dass viele zusätzliche Arbeitsplätze im Dienstleistungsbereich entstanden. In den letzten 20 Jahren hat die Zahl der Beschäftigten in Aarau und Rohr um 25% auf 28 000 zugenommen. An Wochentagen befinden sich in Aarau dadurch 50 000 Personen.

Im Schachen beispielsweise baut die Pensionskasse der reformierten Landeskirche ein Bürogebäude. Die Sonne geht gerade dahinter unter, da bleibt ein Mann stehen und fragt: «Haben Sie gesehen, wie es hier vorher ausgesehen hat?» Der Fragesteller ist ein Stadtoriginal, langes, graues Haar und Béret. Er ist einer, dem es wehtut, dass Aarau mehr und mehr eine richtige Stadt wird. «Es ist nicht normal, dass jede Sekunde ein Quadratmeter Land überbaut wird», sagt er.

Idyllisches Phänomen

Er ist auf dem Weg an die Aare, aber auch dort sei es nicht wie früher: «Es hat kaum noch Vögel an der Aare, es ist bloss eine erweiterte Unterhaltungslandschaft.» Dann sagt er nachdenklich: «Nein, es gefällt mir nicht.» Er wohnt im Zelgli, «Protzenalp» nennt er das Quartier, wo das Grün noch spriesst und die Häuser respektvoll Abstand halten.

Zelgli, Binzenhof, Goldern und Gönhard machen einen Drittel der bewohnten Fläche und der Bevölkerung aus. Diese Gartenstadt ist ein Phänomen, idyllisch, aber lange nicht so homogen wie ihr Ruf. Wo sie nicht natürlich gewachsen ist mit ihren Mäuerchen und Komposthaufen, gibt es Potenzial zur Verdichtung. Zum Beispiel an den Haltestellen der WSB entlang der Entfelderstrasse, findet Stadtentwickler Stieger.

Aarau wächst nach Süden

«Stadtbahn», nennt er die WSB und sieht in ihr auch den Grund, warum die Grossregion Aarau nach Süden wächst - statt, wie man annehmen würde, entlang der Aare nach Olten oder ostwärts nach Brugg und Lenzburg. «Betrachtet man die Grossregion bei Nacht, sieht sie ähnlich aus wie Winterthur mit seinen 100 000 Bewohnern», sagt Stieger, «Aaraus Agglomeration ist mit 87 000 Einwohnern fast ebenso gross. Aber sie besteht aus eigenständigen Gemeinden.»

Suhr, Unter- und Oberentfelden, Gränichen oder Küttigen müssen einzeln einverstanden sein, wenn Aarau Kultur- und Sportanlagen plant. So ist die Finanzierung der Keba-Sanierung schwierig.

Keinen Platz zum Wachsen

Als Hauptstadt ist Aarau eigentlich zu klein. Der Vorteil: Zum Wuchern war ebenfalls nie genügend Platz. Und so ist die Stadt bis heute erstaunlich ausgeglichen: Die Telli ist kein echtes Ausländergetto geworden und in der Gartenstadt mischen Blöcke oder gar Hochhäuser wie in der Goldern die Idylle auf. Aarau, vom Jura, dem Wald und den Nachbarn in die Schranken gewiesen, bleibt nur die punktuelle Entwicklung zur Minimetropole: der Aarepark, die östliche Telli, das Torfeld Süd - auch die Altstadt mit ihren jungen Bewohnern.