Aarau

In der ganzen Bandgeschichte wurde ihnen zweimal der Stecker gezogen

2016: Die letzte Probe vor dem Jubiläumskonzert im KiFF mit Steven Parry, Christian Bührle, Benno Ernst und Dave Eichenberger (v.l.).katja Schlegel

2016: Die letzte Probe vor dem Jubiläumskonzert im KiFF mit Steven Parry, Christian Bührle, Benno Ernst und Dave Eichenberger (v.l.).katja Schlegel

Ein gebrochener Finger beim ersten Konzert, ein gefluteter Bandraum und ein Mittagessen neben Joe Cocker, dazu literweise Schwarztee – ein Blick in die 20-jährige Bandgeschichte von «Steem»

Ausgerechnet vor ihrem ersten Auftritt hatte sich der Gitarrist den Finger gebrochen. Ausgerechnet. Doch ein echter Musiker kennt keinen Schmerz. Der beisst die Zähne zusammen und zieht das Ding durch. Eiskalt. The show must go on.

Der gebrochene Finger erklärt den gequälten Gesichtsausdruck von Gitarrist Benno Ernst auf dem Foto aus dem Jahr 1996, aufgenommen beim allerersten öffentlichen Auftritt im Plattenladen «Disc-Shop» am Rain in Aarau. Im Publikum sassen die Familien und sogar die Gotte aus Zürich, dazu der Ladenbesitzer, dem das Kassettli mit den Aufnahmen so gut gefallen hatte, das ihm «Steamy» Wochen zuvor vorbeigebracht hatte, dass er ihnen einen Auftritt ermöglichte.

Und sie kamen sich gut vor, unglaublich gut, Steven Parry am Synthesizer, Michael Hammer an den Drums und Benno Ernst mit der Gitarre. Allesamt 14-jährig, mit Flaum auf der Oberlippe, noch nicht alle mit Stimmbruch. «Wir glaubten an den grossen Durchbruch», sagt Parry, selbst rückblickend im Brustton der Überzeugung, und grinst über beide Backen. Die Schlitzohren von damals – sie sind es bis heute geblieben. Ernst nehmen sie wohl die Sache, das Musikmachen. Aber sich selbst nicht allzu sehr.

Von Schwarztee zu Whiskey

«Damals träumten wir natürlich von der grossen Karriere», sagt Benno Ernst. Damals, als sich das Trio noch «Steamy» nannte – was nicht etwa «dampfend» bedeutete, sondern für die Gründungsmitglieder Steven und Michi stand. «Benno durfte nur mitmachen, weil Synthi und Drums allein nicht allzu viel hermachen», sagt Parry trocken.

1996: Der allererste Auftritt von «Steamy» im Disc-Shop am Rain mit Steven Parry, Michael Hammer und Benno Ernst (v.l.).Iris Van der Sman

1996: Der allererste Auftritt von «Steamy» im Disc-Shop am Rain mit Steven Parry, Michael Hammer und Benno Ernst (v.l.).Iris Van der Sman

Das alles ist 20 Jahre her. Nachzügler Benno Ernst ist noch immer dabei, ebenfalls Steven Parry. Zwischenzeitlich gab es ein paar personelle Verschiebungen. An den Drums sitzt heute Christian Bührle. Und – jetzt wirds kompliziert – kurz nach der Bandgründung tauchte zum ersten Mal der Name Dave Eichenberger auf der Liste der Bandmitglieder. Ein Name, zwei Musiker: der erste Dave war ein Gitarrist aus Küttigen, der zweite Dave ein Bassist aus dem Suhrental. Kurz waren beide Daves in der Band, heute ist nur noch der Bassist dabei.

Verändert hat sich im Laufe der Jahre auch der Name: Aus «Steamy» wurde «Steem», von Blues und Funk driftete die Band via Pink Floyd ins Progressive, bis sie beim Indie Rock landete. Und zelebrierten die Bandmitglieder jahrelang eine züchtige Schwarztee-Kultur, gehört Whiskey heute auch dazu. Viel Veränderung. Nur aufgelöst hat sich die Band nie.

«Das ist unser Austoben»

20 Jahre «Steem». 20 Jahre mehr Proben denn Konzerte. Zwei Mal hat ein Hochwasser ihren Bandraum im Keller des Telli-Centers geflutet, zwei Mal wurde ihnen bei einem Konzert der Strom abgedreht. «Einmal war es ein genervter Anwohner, einmal der Veranstalter, der die Nachtruhe einhalten musste», verteidigt Ernst und lacht.

Doch schlecht waren sie nie, die erste Sprosse der Karriereleiter sei sogar zum Greifen nah gewesen: «Steem» spielte am Heitere Open Air («Wir sassen beim Mittagessen im gleichen Zelt wie Joe Cocker und Patent Ochsner und dachten, wir seien ganz oben angekommen») und am Züri-Fäscht, machten sogar eine kleine Tournee im Welschen und nahm zwei Alben auf.

Aber so richtig klappen wollte es mit dem Durchbruch nicht – traurig darüber sind sie auch nicht. «Wir sind halt nicht Mainstream, wir fallen zwischen Stuhl und Bank», sagt Ernst. Manch einer habe ihnen sagen wollen, wie sie es für den Erfolg anders machen müssten. Aber die vier Berufsmusiker wollten nicht. Parry: «Diese Band ist unser Austoben, unser eigenes Ding. Was wir spielen, entwickeln wir gemeinsam, hier können wir uns treiben lassen. Und das wollen wir uns bewahren.»

Diese Eigenständigkeit soll nun gefeiert werden. 20 Jahre «Steem», darauf wird am Freitag im KiFF angestossen. Dafür kramen die vier Musiker tief in ihrer Vergangenheit, der älteste Song stammt aus dem Jahr 2001. Und wie geht es die nächsten 20 Jahre weiter? «Wir lassen uns überraschen», sagt Eichenberger. Den Traum der grossen Bühnen haben sie längst begraben. «Wir tun einfach weiter, was wir die letzten Jahre getan haben: gute Musik.»

Jubiläumskonzert Freitag, 4. November, im Foyer im KiFF, 21 Uhr.

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