Kolumne

In der Altstadt mit Dara Masi: Der Brunnen ist weg

Der Platz, wo früher mein halbes Leben stattfand, ist weg. Der Ort, an dem meine Töffligang und ich die Abende verbrachten, der Brunnen, bei dem sich meine Jugend abspielte, den gibt es nicht mehr. Dort, wo er war, ist jetzt ein tiefes Loch.

Ich bin in einem Vorort von Aarau aufgewachsen und bevor wir unsere Abende in der Stadt verbrachten (auf dem «Mac»-Bänkli oder im Starbucks-Pärkli), hatten wir ebendiesen einen Platz im Dorf. Einen runden Platz mit einem Brunnen und einer alten Holzbank. Nicht viel und trotzdem so viel. Beim Brunnen habe ich meine erste Zigarette geraucht.

Dort habe ich das erste Mal mit einem Jungen Händchen gehalten. Ich weiss noch, wie nervös ich war. Ja, und ich glaube, beim Brunnen war ich sogar zum ersten Mal ein wenig betrunken. Wenn wir mal die Schule schwänzten (was natürlich fast nie vorkam), versammelten wir uns beim Brunnen.

Dort haben wir gelacht, geweint und geflirtet. Wir trafen uns Abend für Abend da, auch bei eisigen Minusgraden. Wir hörten Musik ab unseren Nokias und fühlten uns unglaublich cool.
Ausser Erinnerungen ist aus dieser Zeit nicht viel geblieben. Keine halbe Million Selfies mit Hundefilter. Wenn überhaupt, dann gibt es ein paar schlechte Schnappschüsse, mit Blitzlicht aufgenommen. Rotäugig, mit schrägen Fransen und Mitessern auf der Nase, nichts, das man sich gerne ein zweites Mal ansehen möchte.

Aber als ich neulich aus dem Busfenster schaute und sah, dass der Ort verschwunden war, da schmerzte es mich schon ein wenig. All die Jahre habe ich nie an den Brunnen gedacht, aber jetzt, wo er weg ist, vermisse ich ihn tatsächlich.

So in Erinnerungen schwelgend, mache ich es mir auf meinem Sofa in meiner neuen Wohnung gemütlich. Selbstverständlich wohne ich jetzt in der Stadt. Meine Katze schnurrt neben mir, die Sonne scheint durch das offene Wohnzimmerfenster und von draussen dringt das Plätschern eines Brunnens herein. Es ist einer jener Brunnen, welche am Maienzug immer so schön geschmückt werden – und ich wohne direkt daneben. Und ich frage mich, was für Geschichten ich später über diesen Brunnen erzählen werde.

Die 24-jährige Dara Masi ist aufgewachsen in Suhr, wohnt jetzt in Aarau und ist Co-Moderatorin der Morgenshow von Radio Argovia.

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