Bibliothek
In der Aarauer Kantonsbibliothek gibt es keinen Sommer

Studenten kennen nur zwei Jahreszeiten: eine vor den Prüfungen und eine während der Prüfungen. Darum ist der Lesesaal der Kantonsbibliothek auch jetzt nicht leer.

Sabine Kuster
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Francesca, Fabrizio und Kerstin während einer Denkpause. kus

Francesca, Fabrizio und Kerstin während einer Denkpause. kus

Solothurner Zeitung

Freitagmorgen, 8.30 Uhr, Kantonsbibliothek in Aarau. Die Eingangstür wurde soeben geöffnet, die ersten vier Studenten sitzen bereits im Lesesaal, ein weiteres Dutzend ist im Anmarsch. Wir befinden uns am einzigen Ort in der kantonalen Verwaltung, der in den Sommerferien nicht wie leer gefegt ist. Mehr noch: Hier gibt es eigentlich gar keine Jahreszeiten, das Studentenleben wird vom Prüfungsrhythmus bestimmt.

Januar, Juni und September ist hier von 8.30 bis 18 Uhr jeder der 50 Plätze besetzt, kurz vor Türöffnung stehen die jungen Leute Schlange und beschweren sich, wenn sie um 18 Uhr (samstags gar um 16 Uhr, dafür am Donnerstag bis 20 Uhr) wieder vor die Tür gesetzt werden.

Fleissige Studenten

Fabrizio Espositos Traumbibliothek hätte bis um 1 Uhr nachts geöffnet. Der 30-Jährige büffelt diesen Sommer aus purer Lust im Selbststudium Mathematik, bevor er im Herbst zu arbeiten beginnt. Zwei Studiengänge in Psychologie und Sozialwissenschaft hat er bereits in der Tasche. «Um 18 Uhr komme ich oft erst richtig in den Workflow», pflichtet ihm seine Freundin bei, die als Architekturstudentin auch nicht oft am Tageslicht ist. Die beiden stehen vor der Kantonsbibliothek und machen Pause.

«Bei mir ist das nicht so, ich gehe gerne um 18 Uhr», sagt Kerstin Wettstein, die dritte Studentin, die Pause macht. Doch die Hoffnung, wenigstens auf ein menschliches Studentenleben zu treffen, zerschlägt sich, als sie fortfährt: «Ich stehe lieber um 5 Uhr auf.» Ist das normal? «Wir sind für viele ein Daheim», sagt Vanessa Procacci, Bibliothekarin – exakt ausgedrückt ist sie Informations- und Dokumentations-Assistentin. «Viele haben keine Sommerferien», sagt Vanessa Procacci.

Verpflegung: Na ja!

Sie weiss von jedem, der sich an diesem Morgen in den Lesesaal setzt, was er studiert und ob es grad harzt beim Lernen. «Wenn es harzt, steigt der Lärmpegel im Pausenraum», sagt sie. Doch meist seien die Studenten produktiv. «Die Atmosphäre steckt an, es ist ein idealer Ort zum Lernen.» Ein idealer Ort – und der einzige im Kanton.

Kerstin kommt zum Lernen aus Lenzburg, Fabrizio und seine Freundin Francesca wohnen in einer kleinen Wohnung in Zürich Höngg, leben aber während des Sommers im komfortableren Zuhause ihrer Eltern in Hunzenschwil und Villmergen. In keiner der drei Gemeinden gibt es öffentliche Lernorte.

Weniger idela in der Kantonsbibliothek ist die Verpflegung. Es gibt weder einen Snack-Automaten noch eine Mikrowelle, warmes Essen darf wegen der Gerüche nur im Freien gegessen werden. In die Stadt gehen die Studenten nicht gerne; teuer seien die Restaurants, und «die Essenssuche wird von uns nicht als sinnvoll betrachtet», sagt Kerstin.

Sind diese Studenten Übermenschen?

Essen ist für die drei schlicht Zeitverlust. Immerhin: Für ein ausführliches Gespräch übers Studieren und die Wissens-Schlemmerei im Speziellen haben sie Zeit. «Hier entdecke ich die Welt jeden Tag neu», schwört Fabrizio. «Wegen der Mathematik?», fragt die Geschichtsstudentin Kerstin skeptisch. «Ja, am Abend bin ich immer viel weiter als am Morgen. Das gibts auf der Arbeit nicht. Nach ein paar Monaten kommt da immer das monotone Einerlei.» Fabrizio sagt nur solche Sachen. «Er ist ein Sonderfall», sagt seine Freundin, «ein Workaholic.»

Tja, denkt die Reporterin, mit einer gefühlvollen Story über die armen Studenten wird nichts. Nicht jetzt, wo es draussen eh regnet, und auch nicht bei Sommerwetter, weil die Bibliothek dann angenehm klimatisiert ist. Diese Studenten sind Übermenschen. – Oder doch nicht? «Vor den Prüfungen kann ich schon zwei, drei Wochen bis zu 12 Stunden pro Tag lernen», sagt Kerstin, «aber danach geht gar nichts mehr.» Man ist sich einig: Über längere Zeit sind dann doch nur vier Stunden lernen pro Tag natürlich.

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