Buchs

In Buchs leben zehn muslimische Schüler unter einem Dach

Religion spielt im Alltag der Schüler eine wichtige Rolle.

Religion spielt im Alltag der Schüler eine wichtige Rolle.

Es ist ein besonderes Wohnheim, das etwas versteckt in Buchs liegt: Hier leben zehn Buben mit muslimischem Glauben. Regelmässig lesen sie im Koran. Die Schüler werden aber nicht zu strenggläubigen Muslimen erzogen, sagt der Leiter.

Das Gebäude liegt versteckt hinter den Häuserreihen an der Aarauerstrasse. Es ist das Zuhause für zehn muslimische Buben im Alter von zehn bis sechzehn Jahren. Sie besuchen tagsüber die Kreisschule Buchs-Rohr, mittags und abends kehren sie ins «Schülerinternat Buchs» zurück. Es prangt kein Schriftzug am Haus, kaum ein Anwohner kennt das muslimische Wohnheim. Die az bat deshalb die Leitung des Wohnheims, Einblick in die spezielle Institution zu gewähren.

Fünfmal täglich wird gebetet

Der pädagogische Leiter Oguz Sagra gibt bereitwillig Auskunft und führt durch das Internat. Dass wir mit den Schülern sprechen, möchte er aber nicht. Der Türke erklärt: «Die Schüler sind einerseits bei uns, um die Schule erfolgreich abzuschliessen, und andererseits um die islamischen Wurzeln zu behalten.»

Die Jugendlichen essen und schlafen nicht nur im Wohnheim, sie verbringen hier auch ihre Freizeit und erledigen ihre Hausaufgaben. Dazu kommt die muslimische Lehre: Sie beten fünfmal täglich in der Moschee und lesen regelmässig im Koran.

Blick in den Gebetsraum des Wohnheimes

Blick in den Gebetsraum des Wohnheimes

Doch die Schule habe gegenüber der Religion immer Vorrang, sagt Sagra. «Wenn die Jungen an einem Abend viele Hausaufgaben haben, müssen sie nachher nicht noch im Koran lesen.» Wichtig sei der Institution vor allem die Vermittlung islamischer Werte wie Anstand oder Respekt. «Wir wollen nicht, dass die Jugendlichen als ‹krasse Türken› mit auffälligen Ketten und Schmuck durch die Stadt schlendern.»

Aus den Schülern würden keine strenggläubigen Muslime, hält Oguz Sagra fest. Der türkische Islam sei eine moderne Glaubensrichtung, die sich besonders auf die positiven islamischen Werten stützt. Ein anständiger Umgang unter Menschen, egal welcher Religion sie angehören, nennt Sagra als Beispiel. Oder den Respekt vor dem Nachbarn und dem weiblichen Geschlecht.

Es sei die Verantwortung des Internats, die Jugendlichen erfolgreich in die Schweizer Gesellschaft zu integrieren. Oguz Sagra wehrt sich gegen die verbreitete Meinung, ein Internat erschwere die Integration in die Gesellschaft: «Wenn wir uns abschotten wollten, würden wir die Schüler in eine Privatschule schicken.» Bei Gruppenarbeiten kämen Schulkameraden ins Internat und die Heimbewohner dürften jederzeit zu ihren Kameraden nach Hause gehen.

Oft arbeiten beide Elternteile

Ein grosses Thema für den Leiter sind die Schulleistungen der Buben, denn viele haben Mühe in der Schule. «Die Noten könnten besser sein», sagt Sagra. «Aber daran arbeiten wir. Und wir setzen alles daran, dass die Jugendlichen nach der Schule eine Lehrstelle finden und so eine gute Basis für die Zukunft haben.»

Die Schüler kommen auf Wunsch ihrer Eltern ins muslimische Wohnheim. Die Eltern kennen die Institution meist, weil die Kinder dort schon eine Art Sonntagsschule besuchen. Die Gründe, warum sie zu ständigen Bewohnern werden, sind verschieden: «Es gibt bildungsferne Eltern, die sich bewusst sind, dass ihr Kind zu Hause sein Potenzial nicht ausschöpfen kann», erklärt Oguz Sagra. Auch finanzielle Gründe können eine Rolle spielen. Zum Beispiel, wenn beide Elternteile arbeiten müssen. Sie können ihrem Kind nicht genug Zeit widmen und vertrauen es deshalb lieber dem Schülerinternat an.

Vor dem Eintritt ins «Schülerinternat Buchs» durchlaufen die Kinder ein Eintrittsverfahren. «Wir nehmen keine Problemkinder auf», sagt Sagra. Die Kinder werden in Ferienlagern beobachtet und ihr Schulzeugnis verlangt. «Falls die Voraussetzungen stimmen, gibt es ein Gespräch mit dem Kind und den Eltern», so Sagra weiter. Dort werden die Kinder gefragt, ob sie ins Internat wollen. «Es macht für uns keinen Sinn, Kinder gegen ihren Willen bei uns unterzubringen.»

Schüler kehren zu Eltern zurück

Das Leben im muslimischen Wohnheim ist nicht luxuriös. Die zehn Jugendlichen schlafen aufgeteilt auf zwei Zimmer auf Doppelbetten. Im Aufenthaltsraum stehen ein Fernseher mit Spielkonsole, ein Billard- und ein Tischtennistisch. Dazu gibt es einen Kraftraum. Die Hausaufgaben erledigen die Schüler in einem separaten Zimmer. Dort sind Pulte und Stühle so aufgestellt, dass jeder sein eigenes Plätzchen hat – wie in der Schule. Und natürlich fehlt im Heim auch die Moschee nicht, wo die Schüler in einem grossen Raum zu Allah beten.

Haben die Teenager die Schule abgeschlossen und eine Lehrstelle gefunden, werden sie aus dem Heim entlassen und kehren zu den Eltern zurück – nach vier strengen Jahren mit täglichem Schul- und Religionsunterricht.

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